Kapitel 12

Ein neuer alter Feind

Sie hatten Modos Lager erreicht und umstellt. Die Zeit, die Aiko gebraucht hatte, um Hilfe zu holen, hatte für ihre Feinde nicht ausgereicht: Ihre Verteidigung war völlig unzureichend. Aragorn hatte die Schwachstellen sofort ausgemacht und sein Heer dementsprechend aufgestellt. Zu optimistisch waren sie jedoch nicht, denn es war allen klar, daß es eigentlich kaum eine Chance gab, einen der Magier zu fangen.
Gandalf meinte sogar: „Bestimmt sind sie längst fort.“
Er stand mit Corinna, ihrem Bruder Karl, Aiko und Arne zusammen hinter den Reihen des Heeres, die Aragorn gerade aufstellte.
„Ich denke, daß sie noch nicht fort sind, denn sie werden versuchen, diese Stellung so lange wie möglich zu halten“, widersprach Karl.
„Das denke ich auch“, stimmte Arne zu. „Die Hallen zur Orkzucht sind für sie sehr wertvoll. Ich habe es gesehen: Alles ist groß und sehr aufwändig gebaut. Das ganze ist zweckmäßig und bestens geplant. Es dürfte Monate dauern, das wieder aufzubauen und es ist überhaupt nur möglich, wenn sie genügend Arbeiter haben.“
„Ja, aber sie werden sofort verschwinden, wenn wir durch die Verteidigungsanlagen brechen“, behauptete jetzt Corinna. „Sie werden sich auf keinen Fall irgendeiner Gefahr aussetzen.“
„Ganz richtig“, nickte der Zauberer.
„Nun, hört schon auf, hier herum zu stehen! Aragorn ist fertig mit dem Verteilen des Heeres. Geht lieber auf eure Posten“, rief Salim ihnen mit ungeduldiger Stimme zu.
Modos Lager wurde nur durch schnell zusammen gezimmerte und dem entsprechend nicht sehr haltbare Holzbarrikaden geschützt, auf denen höchstens tausend Orks bereit standen. Das war alles, was Modo in den letzten Tagen hatte zusammen bringen können, sein früheres Heer war komplett vernichtet.
Der Sturm auf das Lager währte nicht lange, da waren sie schon durch die Barrikaden gebrochen. Legolas ließ sein Pferd geradezu dahin schnellen. Gimli saß hinter ihm und murrte, weil das Tempo zu schnell war, um abzusteigen. So schossen sie durch die Reihen der Orks, den anderen weit voran.
„Wo willst du eigentlich hin?“
„Zu den Zelten dort hinten, denn wenn noch Menschen im Lager sind dann dort.“
„Wenn du so weiter hetzt, dann haben wir gleich alle Orks zwischen uns und den anderen.“
„Na und?“
„DU BIST VERRÜCKT, ELB!“
„Verrückte soll man nicht aufhalten“, rief Aiko lachend, die es endlich geschafft hatte, sie einzuholen und nun neben ihnen herjagte. Im hinteren Teil des Lagers stand eine kleine Zeltstadt, wo sie anhielten. Hier mußten sie vorsichtig sein, denn man konnte die Lage nur schwer überblicken. Vorsichtig schlichen sie vorwärts.
---
Aragorn überwachte das Gelingen des Angriffes. Die Schlacht war nur kurz, denn die Orks versuchten eher zu fliehen als Widerstand zu leisten. Während die letzten von ihnen erschlagen wurden, wandte sich Corinna plötzlich an den König: „Ich kann meine Tochter nirgends sehen.“
„Legolas und Gimli sind auch verschwunden“, ergänzte Gandalf, der ganz in der Nähe stand und ihre Worte gehört hatte. „Ich hoffe nur, sie haben keine Dummheit gemacht. Nach der Belagerung von Legolas können wir es als sicher annehmen, daß Modo immer noch Interesse an Aiko hat.“
„Du meinst, sie könnte gefangen sein?“ fragte Aragorn.
„Wollen erstmal abwarten“, erwiderte der Zauberer.
Da kam Aiko zwischen den Zelten hervor gesprengt und direkt auf sie zu: „Es waren noch ein paar Menschen hier, doch sie sind sofort weg, als sie uns sahen und wir kamen zu spät.“
„Wo sind Legolas und Gimli?“
„Sie untersuchen noch einmal die Zelte, ob vielleicht jemand zurück geblieben ist. Sie kommen sicher gleich nach.“
„Wir reiten besser hin“, erklärte Gandalf.
Er und der König ritten los.
„Was für ein Leichtsinn“, grummelte der Zauberer. „Von den beiden hätte ich mehr Verstand erwartet“, setzte er noch ärgerlich hinzu.
„Da hinten sind sie.“ Der ehemalige Waldläufer hatte den Kopf des Elben zwischen den Zelten entdeckt.
„Die schauen drein, als hätten sie ein Gespenst gesehen“, meinte Gandalf beim näherkommen.
„Eher einen Balrog“, fand sein Freund. Endlich erreichten sie die beiden.
„Was ist passiert?“ fragte der Zauberer schnell.
„Wir... wir haben einen Geist gesehen“, stammelte Gimli.
Legolas schüttelte den Kopf: „Das war kein Geist. Dieser Magier muß wirklich sehr mächtig sein.“
„Was ist denn nun passiert?“ Der Zauberer war so langsam der Verzweiflung nahe.
„Wir haben Saruman gesehen.“
„Wie bitte?“ riefen Gandalf und Aragorn gleichzeitig.
„Wir haben Saruman gesehen und zwar lebendig.“
„Aber das ist völlig unmöglich! Ihr müßt euch geirrt haben!!!“
---
Rückblick:
Johanna Gutenberg, genannt Jojo, wachte auf. Ein leises Geräusch hatte sie geweckt. Sie lauschte in das nachtstille Haus. Nichts! Was mochte das gewesen sein? Sie stand auf und huschte aus ihrem Zimmer. Im oberen Flur war nichts zu entdecken, ebenso nicht im Badezimmer. Schnell huschte sie die Treppe runter ins Wohnzimmer. Aber auch dort, im Eingangsflur und in der Küche war nichts. Entweder war das Geräusch aus dem Schlafzimmer ihrer Eltern gekommen oder sie hatte nur geträumt. Nachdenklich öffnete sie die Terrassentür und trat hinaus in den Garten. Obwohl es schon Herbst war, war die Luft noch wunderbar mild. Der Mond schaute halb über die Kuppen der Berge und es war völlig windstill. Jojo wohnte mit ihrer Familie im Schwarzwald. Sie liebte die Berge und war nicht traurig, daß sie einst aus Frankreich hierher gekommen waren. Plötzlich fühlte Jojo einen leichten Wind, der sie zu umspielen begann.
„Wie merkwürdig“, dachte sie. „Es ist, als wäre der Wind stehen geblieben.“
Da hörte sie auf einmal eine Stimme.
„Johanna“, flüsterte es leise.
„Wer ist da?“
„Ich bin ein Freund von deinem Vater gewesen, als er jung war.“
„Ein Freund meines Vaters?“ fragte das Mädchen erstaunt.
„Ja. Damals war er gerade Hüter geworden, so wie du es jetzt bist. Höre Johanna, du mußt unbedingt nach Mittelerde kommen. Deine Freunde in Gondor brauchen dich.“
„Arla und die anderen?“ fragte Jojo erschrocken. „Was ist passiert?“
„Sie werden angegriffen. Wir müssen uns beeilen.“
Das Mädchen nickte entschlossen. „Ich bin gleich zurück.“ Sie lief hoch in ihr Zimmer und schlüpfte schnell in ein paar Jeans, Turnschuhe und Pullover, dann rannte sie ins Zimmer ihrer Eltern.
„Mama, Papa wacht auf.“
„Hm...“, murmelte ihre Mutter verschlafen.
„Ist etwas passiert?“ fragte ihr Vater Arne gähnend.
„Ich muß fort.“
„Wohin denn?“
„Nach Mittelerde.“
„Jetzt???“ fragte Arne plötzlich hellwach.
„Ja, jetzt. Es ist eilig.“
Ihr Vater sah sie verblüfft an. Auch die Mutter saß jetzt aufrecht im Bett.
„Ich muß fort.“
Arne schüttelte den Kopf und meinte nachdenklich: „Nun ja, du bist erwachsen, Jojo, und mußt wissen, was du tust. Aber paß bitte auf dich auf.“
Das Mädchen umarmte beide und ging dann hinaus. Schnell war sie wieder auf der Terrasse. „Bist du noch da?“
„Natürlich. Ich werde dich begleiten, Johanna und dich zu deinen Freunden führen. Verlasse den Gang bei dem Dorf, wo sie wohnen, damit ich den richtigen Weg finde.“
Jojo holte den Stern heraus und legte ihn um ihr Handgelenk, dann öffnete sie den Korridor. Schnell schritt sie in das bunte Licht des Ganges. Der Weg kam ihr heute endlos vor. Stunde um Stunde verging, während die Sorge um ihre Freunde immer größer wurde.
Endlich hörte sie die Stimme wieder: „Wir sind fast da, Johanna. Ich fühle bereits das helle Licht.“
„Ich sehe nichts.“
„Das kannst du auch noch nicht, doch es wird jetzt nicht mehr lange dauern, bis wir das Ende des Gangs erreichen. Eile dich bitte. Die Zeit wird knapp.“
Jetzt begann Jojo zu rennen. Es dauerte noch fast 20 Minuten bis sie den Ausgang erreichte und sie war schon ziemlich außer Atem, als sie ins Freie stolperte. Sie war jetzt in einem kleinen Wald direkt neben dem Dorf.
„Es ist nicht weit“, rief die Stimme. „Mach schnell.“
„Ja, ja“, keuchte Jojo, die inzwischen Seitenstechen hatte. Sie achtete kaum auf ihre Umgebung, bis sie plötzlich mitten in eine Schar Uruk- hai hinein lief, die sich zwischen mehreren Büschen versteckten. Die Orks packten sie sofort und warfen sie nieder. Doch das völlig überraschte Mädchen fing sich schnell und begann sich zu wehren. Aber sie hatte einen kräftigen Schlag ins Genick erhalten und war halb betäubt, so daß ihre Zauber sehr schwach und fast wirkungslos waren. Die Orks fügten ihr etliche Schnitte und andere Verletzungen zu, bis drei Frauen dazu kamen und sie endgültig betäubten. Dann nahmen sie ihr den Stern ab.
„Wir sollten sie beseitigen“, meinte eine der Frauen. Es war eine der Zwillingsschwestern, nämlich Altana.
„Kommt nicht in Frage!“ erwiderte Leandhra energisch.
„Sei nicht immer so weich“, sagte diesmal Arlena.
„Es reicht, ihr beiden. Solange ich hier das Kommando habe, wird gemacht, was ich sage. Und ich sage, daß ein Gedächtnisverlust für ein paar Monate reicht. Unsere Feinde werden sowieso bald heraus finden, daß wir einen Stern besitzen, nämlich wenn wir sie angreifen.“
Sie flößte dem bewußtlosen Mädchen eine Flüssigkeit ein, etwas mehr als Aikos Mutter damals, nur zur Sicherheit, falls irgendwelche Verzögerungen eintreten sollten. So würde es einige Monate dauern, bis sie sich wieder erinnern konnte. Dann verschwanden sie, kurz bevor Jojo wieder zu sich kam und mühsam davon torkelte, mit der vagen Idee, Hilfe zu suchen. Etliche Stunden später wurde sie von Aragorn gefunden.
---
Genau zur selben Zeit überreichte Leandhra ihrem Meister den Stern. Dieser war hoch erfreut.
„Wunderbar! Es hat wirklich geklappt. Unser neuer Freund hat uns gute Dienste geleistet.“
„Das dumme Mädchen ist schnell auf mich herein gefallen,“ sagte die leise Stimme und lachte dann voller Hohn. Er war in euphorischer Stimmung, denn endlich sollte die schlimme Schmach, die ihm zuteil geworden war, ausgemerzt werden. Er, der einst große Istari, würde sein Leben nicht als kraftloser Geist fristen! Voll Bitterkeit dachte er an seinen schlimmsten Tag zurück, als er seinen Körper verlor. Schlangenzunge, dieser Wurm, er war schuld an allem. Die Strafe für ihn war auf dem Fuße gefolgt, doch das konnte es nicht ungeschehen machen. Er hatte seinen Körper verlassen müssen, für die Hobbits mußte es wie Rauch ausgesehen haben, als er emporstieg. Und dann hatten ihm die Valar verwehrt, nach Westen zurückzukehren. Einen Wind hatten sie geschickt, der ihn scheinbar auflöste. Doch das hatte er nicht, sondern er hatte ihm nur die Gestalt genommen, in der er über das Meer hätte zurückkehren können und so mußte er als gestaltloser Geist durch Mittelerde wandeln, unsichtbar, doch nicht blind. Und so hatte er eines Tages zufällig Modo gesehen, den mächtigen Magier. Sofort hatte er seine Chance gewittert und sich mit Modo bekannt gemacht. Dieser wiederum hatte sofort begriffen, wie wertvoll der ehemalige Istari für ihn sein konnte, auch wenn er seine Zauberkräfte verloren hatte, war sein Wissen doch sehr groß. „Nun haltet aber auch euer Versprechen“, sagte er erwartungsvoll zu Modo, der immer noch mit dem Stern beschäftigt war.“
Modo gab Leandhra den Stern wieder zur Verwahrung und wandte sich dann Saruman zu. „Soll sofort geschehen. Aber ihr müßt euch darüber im Klaren sein, daß ihr als mein Ratgeber für mich arbeiten müßt.“ Er benutzte absichtlich das Wort arbeiten, denn es klang natürlich wesentlich besser als dienen und Modo lag viel daran, Saruman für sich zu gewinnen.
„Für einen Körper würde ich alles tun.“
„Nun denn. Aber kommt nicht auf die Idee, mich zu betrügen, denn ihr müßt wissen, daß ihr nicht ganz zurück kommen könnt und ich habe jederzeit die Macht, euch wieder zu einem schattenhaften Nichts werden zu lassen.“
„Darüber bin ich mir im Klaren.“
Modo nickte zum zweiten Mal und befahl dann den Hexen und seinen Dienern den Raum zu verlassen.
„Schwebt ihr direkt vor mir?“
„Ja.“
„Dann kann’s ja losgehen.“
Er streckte die rechte Hand aus und ein Lichtstrahl schoß daraus hervor. Das Licht traf ein unsichtbares Hindernis und begann es zu umspielen. Modo ließ seine Hand wieder sinken und beobachtete den Vorgang, der sich ihm bot, mit einigem Interesse. Da er bisher natürlich noch nie mit einem toten Istari zusammengetroffen war, hatte er diese Sache logischerweise noch nicht ausprobieren können und war selber nicht ganz sicher, ob das Ganze funktionieren würde. Davon hatte er Saruman nichts erzählt.
Das Licht waberte eine geraume Weile um eine bestimmte Stelle im Raum, dann floß es zusammen, und bildete ein Herz das vor den Augen des Schwarzmagiers zwei, dreimal schlug, dann bildete sich darum ein zweiter Lichtkreis, der immer mehr die Silhouette eines Körpers annahm. Das Licht wurde immer heller und Modo mußte die Augen schließen, weil es so blendete. Eine ganze Weile ging das so, bis das Licht plötzlich wieder verschwand. Als der Magier die Augen wieder öffnete, stand Saruman vor ihm.
Der ehemalige Istari erschauerte und begann vorsichtig seinen Körper zu betasten. Dabei begann er leise zu lächeln. Ein eigener Körper!
Modo nickte befriedigt. Er rief nach einem der Diener und ließ Saruman Kleidung bringen. Seine ersten Schritte waren unsicher und unbeholfen, doch schnell fand er sich wieder in den Körper.
„Und nun, Herr Saruman hätte ich gerne eure Meinung zu gewissen Dingen“, erklärte Modo und ließ Wein kommen für sie beide.
Der ehemalige Istari ließ sich zuerst ein Glas Wein schmecken, dann meinte er: „Ich stehe ganz zu eurer Verfügung.“

 

zurück

 
     

 

About. Art. Interaktiv. Argolas.