Kapitel 13

Verrat

Der Rückmarsch nach Minas Tirith verlief ohne Zwischenfälle. Kein einziger Ork ließ sich sehen, auch keiner der Schwarzmagier. Aiko hatte ihre Mutter und die anderen Magier aus Europa nach Hause gebracht, mit Ausnahme von Jojos Eltern, die sie begleiten wollten, um ihre Tochter zu sehen. Gandalf nutzte die Gelegenheit und ging mit Corinna nach Deutschland. Die beiden wollten einige Zeit miteinander verbringen.
Sobald Aiko zurück war, wurde aufgebrochen.
„Sag mal, warum reitest du eigentlich immer hinter diesem jungen Menschen her?“ brummelte Gimli am zweiten Tag ihres Marsches schlecht gelaunt. „Laß uns doch nach vorne zu Aragorn reiten. Du bist heute so schweigsam und überhaupt keine gute Gesellschaft.“
„Das ist Amarylon, der Sohn des Fürsten Dameros“, erwiderte Legolas.
„Und?“
„Er hat mir vor unserer Abreise einen merkwürdigen Brief überbracht und ich will ihn im Auge behalten.“
„Einen merkwürdigen Brief? Was war denn damit?“
Der Elb gab seinem Freund einen kurzen Bericht über den Brief und ihre Vermutungen darüber.
„Ach, du bildest dir da irgendetwas ein“, meinte der Zwerg mit zum Himmel verdrehten Augen und schüttelte dann energisch den Kopf. „Außerdem, was sollte er während des Rittes anstellen? Wenn, dann mußt du ihn im Auge behalten, wenn wir lagern“, behauptete er überzeugt.
„Meinst du wirklich?“
„Ja, klar. Jetzt laß uns schon nach vorne reiten“, grummelte Gimli unwillig.
„Na gut.“
In der Vorhut des Heeres trafen sie den König im Gespräch mit Aiko, Arne und seine Frau Julia. Die beiden letzteren wollten natürlich alles über ihre Tochter wissen. Sie bekamen gern Auskunft, nur der Verdacht, Jojo könne die Königin vergiftet haben und für mehrere Sabotagen verantwortlich sein, wurde ihnen verschwiegen. Legolas fragte sich, was sie sagen würden, wenn sie merkten, daß man Jojo überwachen ließ. Sie taten ihm leid, doch er ließ sich nichts anmerken, sondern plauderte fröhlich mit den anderen. Auf Amarylon achtete er im Moment nicht mehr. So bekam er auch nicht mit, daß der Fürstensohn den Zug verließ und für etwa eine halbe Stunde verschwand. Da er sich zunächst ganz ans Ende des Trosses zurückfallen ließ, indem er vorgab, sein Pferd lahme ein wenig, fiel es überhaupt niemandem auf und so gelangte keine Kunde zu dem Elben. Nur einer fragte ihn, wie sein Pferd plötzlich gesundet sei, schöpfte jedoch keinen Verdacht, als der Fürst erklärte, es habe sich lediglich um einen kleinen Stein gehandelt, der sich halb unter das Hufeisen geschoben hätte (ohne eine Ahnung zu haben, ob so etwas einem Pferd überhaupt Probleme bereitete, für solche Sachen waren schließlich normal Diener zuständig und der Fürst war gewöhnlich zu stolz, um sich über Tiere Gedanken zu machen).
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Zurück in Minas Tirith machte Aragorn sich sofort auf in die Häuser der Heilung. Seine Freunde begleiteten ihn gerne. Arwen sah zu ihrer Freude viel besser aus und sie lächelte ihnen fröhlich entgegen, als sie herein kamen. Bald wurden sie und Aragorn von den anderen taktvoll allein gelassen.
„Gott sei Dank, daß alles bisher gut ausgegangen ist“, erklärte Aiko augenscheinlich sehr zufrieden. „Doch ich fürchte, wir werden noch lange keine Ruhe haben. Modo wird nicht aufgeben.“
„Da hast du sicher recht“, meinte Legolas und legte einen Arm um sie. „Aber laß uns im Moment nicht daran denken. Wie wär’s, wenn wir uns für ein oder zwei Stunden zurück ziehen?“ fragte er mit einem sehr süßen Lächeln.
„Ihr zwei wieder!“ schimpfte Gimli. „Es ist nicht zum aushalten mit euch.“
„Wieso?“ fragte Legolas. „Meinst du, wir hatten in den letzten Tagen Zeit oder Raum, ungestört zusammen zu sein? Da ist das doch wohl nur natürlich, wenn ich jetzt mit meiner lieben Frau ein wenig alleine sein will.“
„Verschwindet bloß“, brummte sein Freund genervt.
„Dürfte man erfahren, was der Herr Zwerg jetzt wieder für Probleme mit uns hat?“
„Ich Probleme mit euch? Hab ich überhaupt nicht. IHR habt es doch immer so eilig. Elben scheinen überhaupt keinen Sinn für Romantik zu haben“, war die überraschende Antwort.
„Aber Zwerge haben Sinn für Romantik, ja?“
„Klar“, behauptete Gimli und verschwand, bevor Legolas noch auf die Idee kam, nach zwergischen Traditionen zu fragen, die mit diesem Gebiet zusammen hingen – es war doch insgesamt ein recht peinliches Thema mit dem er da angefangen hatte. Über so etwas redete man in Mittelerde eigentlich nicht. Das mußte Aikos Einfluß sein.
Zurück ließ er einen ziemlich empörten Legolas: „Zwerge und Romantik, das ist doch ein Witz! Was findet Gimli denn romantisch, etwa Frauen sein Gold zu zeigen?“
„Machen das verliebte Zwerge?“ fragte Aiko neugierig.
„Keine Ahnung.“
„Dann solltest du nicht so reden. Wer weiß, was Zwerge sich so alles einfallen lassen, wenn sie verliebt sind. Du reitest nur auf irgendwelchen Vorurteilen herum und das solltest du nicht. Das könnte eurer Freundschaft schaden.“
„Du hast ja recht... aber sag mal, bin ich wirklich unromantisch?“
Die junge Frau mußte lachen: „Manchmal schon. Aber das ist nicht so schlimm. Immer romantisch – das fände ich langweilig.“ ‚Besonders weil Romantik bei Elben meist aus stundenlangen Spaziergängen im Mondschein oder selbst geschriebenen Liebesliedern besteht‘, dachte sie sich noch dazu, mochte ihm das jedoch nicht sagen.
Legolas schien ihre Gedanken zu erraten und nahm sich sofort vor, seine Romantiktauglichkeit unter Beweis zu stellen: „Geh doch schon mal vor, ich komme gleich.“ Eine halbe Stunde später erschien er dann mit einem riesigen Strauß roter Rosen (so breit, daß man ihn dahinter kaum sehen konnte), einer Flasche Wein, Pralinen und einem Korb mit Weintrauben.
Aiko mußte lachen: „Wir werden sämtliche Vasen Minas Tirith brauchen, um die Rosen alle ins Wasser zu stellen.“
„Oh, du bist gemein, dich so über mein Geschenk lustig zu machen“, erklärte der Elb enttäuscht.
„Entschuldige Liebling, das konnte ich mir einfach nicht verkneifen.“
„Und ich bin derjenige von uns, der nicht romantisch ist, ja? Außerdem sind nicht alle Blumen zum hinstellen. Von einigen will ich nur die Blütenblätter verwenden, aber ich konnte sie schlecht ohne Stiel kaufen, oder?“
„Süße Idee. Du entwickelst dich.“
„Du bist heute unmöglich, Aiko. Ich bin wirklich arm dran, daß ich dich geheiratet habe.“ Er zog wirklich eine überzeugende leidende Miene.
„Hättest du ja nicht tun brauchen“, sagte seine Frau schelmisch.
Legolas nahm sie in den Arm: „Ich wäre dumm gewesen, das nicht zu tun. Du bist die tollste Frau der Welt und ich will keine andere als dich. Das schwöre ich dir bei allen Sternen Elbereth.“
„Das war jetzt romantisch.“
„Wart’s nur ab, ich kann noch viel romantischer sein.“
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Am nächsten Morgen begab Legolas sich auf die Wälle der Stadt. Die Sonne ging mit einem wunderschönen Rot über Gondor auf. Legolas sah zu und genoß die frische Morgenluft. Gut gelaunt machte er sich auf den Rückweg von den Wällen zur Veste. Dabei traf er Rina, die gerade aus den Häusern der Heilung kam.
„Seid gegrüßt, Fürstin Rina. Was wolltet ihr denn in den Häusern der Heilung? Ihr seid doch nicht etwa krank?“
„Aber nein! Ich habe mich nur nach dem Befinden unserer guten Königin erkundigt. Glücklicherweise geht es ihr immer besser. Sie wird sich wohl schneller erholen, als von ihrem Vater zuerst vermutet.“
„Das sind gute Nachrichten.“
„Ja, sehr gute“, erwiderte Rina lächelnd. Dann jedoch machte sie kurz eine zögerliche Miene, bevor sie mit einem entschuldigendem Lächeln erklärte: „Verzeiht mir meine Neugier, aber ich würde sehr gern wissen, was mein Vater euch geschrieben hat. Meinen Bruder und mich beschäftigt die Sache sehr, aber er traut sich nicht zu fragen, da er euch nicht kennt und ich fand keine Gelegenheit, euch vor dem Fortreiten des Heeres noch einmal zu sprechen.“
Legolas verbeugte sich: „Es ist nur zu verständlich, daß ihr wissen wollt, was in diesem Brief stand. Euer Vater hat mich gebeten, euch nach Hause zu begleiten, um für euren Schutz zu sorgen.“
„Oh“, machte die Fürstin überrascht, „das hatte ich nicht erwartet. Ich meine, ihr seid natürlich ein großer Held, aber mein Vater kennt euch doch gar nicht persönlich.“
„Ich muß gestehen, daß auch ich mich ein wenig gewundert habe“, sagte der Elb lächelnd.
„Ihr braucht nicht auf seine Bitte einzugehen, wenn ihr nicht mögt. Ich regle das schon. Wenn ich ehrlich bin, möchte ich sehr gern noch ein paar Tage bleiben. Das Problem mit den Orks wird dann wohl zum größten Teil erledigt sein und Amarylon für meinen Schutz ausreichen.“
„Ihr wollt also hierbleiben, trotz des ausdrücklichen Wunsches eures Vaters?“ fragte Legolas verwundert.
Rina mußte lachen: „Oh, mein Vater verzeiht mir alles. Außerdem kommt es bei dem langen Weg, den wir zurück zu legen haben, auf ein paar Tage mehr nicht an. Und er kann sich ja denken, daß Amarylon sich ein wenig Minas Tirith und Umgebung ansehen will, bevor er wieder abreist. Auch er ist noch nie im Norden gewesen, genau wie ich.“
„Dann halte ich euch auf. Euer Bruder wartet sicher auf euch, damit ihr ihm die Stadt zeigt“, meinte Legolas möglichst harmlos.
„Nein, heute nicht. Er ist schon vor Sonnenaufgang aufgebrochen, um die Umgebung zu erkunden. Vielleicht reitet er auch hinüber nach Ithilien. Das Land hat’s ihm angetan und er hatte auf dem Weg hierher keine Zeit, die Landschaft zu genießen. Bestimmt kommt er erst spät zurück.“
Legolas verabschiedete sich von ihr. Bei sich dachte er, daß Aragorns Vergleich zwischen Rinas Redefleiß und einem Wasserfall nicht unangebracht war und konnte dabei ein kleines Schmunzeln nicht unterdrücken. Trotzdem war die Fürstin sehr süß und außerdem hatte sie ihm auch eine wertvolle Information geliefert. Was mochte es mit diesem Spazierritt auf sich haben? Sie waren gerade erst gestern von einer Schlacht heim gekommen und der Weg zurück sehr anstrengend gewesen. Aragorn hatte ein schnelles Tempo bestimmt und von früh bis spät vorwärts gedrängt, um zu seiner Frau zu kommen. Alle Menschen waren erschöpft und froh ausruhen zu können. Und da stieg dieser Amarylon freiwillig gleich wieder in den Sattel, nur so zum Spaß? Legolas entschied, daß das kaum vorstellbar war. Der Ritt mußte ein bestimmtes Ziel verfolgen! Leider war es jetzt zu spät, ihm zu folgen, es war unmöglich den Fürsten einzuholen. Während der Elb darüber nachdachte, hatte er die Veste fast erreicht, doch plötzlich machte er kehrt und ging zurück zu den Häusern der Heilung, wo Aragorn jetzt zu finden sein mußte. Leider hatte dieser kaum ein offenes Ohr für die Ausführungen seines Freundes. Wie Gimli hielt er das Mißtrauen des Elben für unbegründet.
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Es war spät in der Nacht. Die Torwächter von Minas Tirith standen dösend auf der Mauer und bemühten sich, die Wachsamkeit nicht ganz zu vernachlässigen. Sie fanden den Dienst äußerst lästig, besonders weil sie die Notwendigkeit nicht recht einsahen, denn ein Angriff stand nicht zu befürchten, da man in diesem Falle längst von den Grenzwachen gewarnt worden wäre und wer zu nachtschlafender Zeit nach Minas Tirith kam, der konnte gefälligst bis zum Morgen warten. Gewöhnliche Bürger wurden sowieso nicht eingelassen.
„Da kommt ein Reiter“, brummte einer der Wächter.
„Hm?“, ließ einer seiner Kollegen hören, ansonsten kam keine Reaktion. Der Reiter hatte es offensichtlich sehr eilig, denn er erreichte das Tor erstaunlich schnell.
„Wer da?“ rief der Hauptmann der Wache.
„Amarylon, der Sohn des Fürsten von Süd- Gondor.“
„Öffnet das Tor!“
„Ich danke euch.“
Amarylon ritt durchs Tor und machte sich auf den Weg zur Veste. Es war wenig los auf den Straßen, da es wirklich schon sehr spät war.
„Diese Idioten“, murmelte er leise. „Sie müssen fast geschlafen haben, sonst hätten sie gemerkt, daß ich nicht allein auf dem Pferd sitze.“
Sein weiter Umhang wölbte sich hinter ihm zu einer Beule, die nun zu sprechen begann: „Besser für uns. Ich hatte eigentlich damit gerechnet, die Wachen töten zu müssen. Das hätte morgen einen riesen Aufruhr gegeben.“
„Aber ihr müßt noch durch die anderen Tore und in die Veste.“
„Kein Problem. Ich trage eine Dieneruniform der Veste und sage überall einfach, ich hätte einen Auftrag für Prinzessin Sheena erledigt. Die Paßwörter kenne ich ja. Ich hoffe nur, daß der König und Aiko auch wirklich schlafen. Sie sind die Einzigen, die mich erkennen könnten.“
„Um diese Zeit werden bereits so gut wie alle schlafen, und erst recht, wenn ihr eintrefft, denn zu Fuß braucht ihr eine ganze Weile. Ich hoffe, es strengt euch nicht zu sehr an.“
„Ich werd’s schon überleben.“
Amarylon setzte seinen Begleiter ab, der einen weiten Mantel über der Uniform trug und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen hatte, was jedoch nicht auffallen würde, denn es regnete leicht.
Der Fürstensohn ritt jetzt voraus. Im 6. Ring brachte er sein Pferd in den Stall, dann ging er in die Veste und wartete in Sichtweite des Tores, jedoch versteckt in einer Nische. Es dauerte fast 2 Stunden, bis der geheimnisvolle Fremde kam.
„Ging alles gut?“ flüsterte er.
„Keine Probleme“, kam es ebenso leise zurück.
Amarylon übernahm jetzt die Führung durch die Gänge, die menschenleer waren. An einer Tür hielt er an und klopfte. Seine Schwester öffnete: „Da bist du ja, Amarylon. Ich fing langsam an, mir Sorgen zu machen. Wen bringst du mit?“
„Laß uns erst eintreten.“
Rina schritt zur Seite, um die beiden Männer hinein zu lassen. Jetzt warf der Fremde die Kapuze zurück, so daß sein Gesicht sichtbar wurde. Es war Modo. Seine eiskalten Augen glänzten triumphierend.
Rina lachte glockenhell auf: „Ihr seid es! Wie schön.“
„Habt ihr die Aufträge erfüllt, die ich euch durch euren Bruder ausrichten ließ? Ich weiß, ihr hattet nur wenig Zeit, um sie auszuführen, da ihr erst gestern davon erfahren habt. Doch wir wollten nicht länger warten, es war eilig.“
„Natürlich, Modo. Glücklicherweise konnte ich bereits alles erledigen. Aber es war nicht nett, daß ihr mich nicht ganz eingeweiht habt.“
„Ich wollte dich überraschen“, erklärte ihr Bruder.
„Das ist dir gelungen. Was habt ihr jetzt vor?“
„Zunächst werden wir den König gefangen nehmen.“
„Den König...? fragte Rina gedehnt.
Modo merkte es sofort: „Ah, ihr interessiert euch für den Herrn?“
„Ja, aber leider wies er mich zurück.“ Auf dem Gesicht der Fürstin spiegelte sich plötzlich eine Habgier, die jeden außer Modo zurück schrecken lassen mußte. Sie sah nun nicht mehr schön aus, ihre Züge wirkten kalt und unbarmherzig und in ihren Augen lag etwas grausames. Ihr machthungriges Wesen offenbarte sich jetzt. Dann verschwand dieser Ausdruck und vor den Männern stand wieder die liebreizende und lachende Rina.
„Du Arme“, meinte Amarylon geradezu erschrocken. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, daß dir ein Mann widerstehen kann.“
Modo nickte und erklärte dann: „Ich brauche den König heute Nacht, doch danach könnt ihr ihn haben. Allerdings muß er fort. Was haltet ihr davon, wenn ihr eure kleine Zuflucht aufsucht?“
„Gerne. Minas Tirith ist mir längst zuwider.“
„Gut, dann ist das abgemacht. Aber jetzt sollten wir an die Arbeit gehen.“
Er und Amarylon tauschten die Kleidung, was möglich war, da beide eine ähnliche Statur und Größe besaßen. Nur den Mantel behielt Modo. Amarylon war nun also als Diener verkleidet. Er hatte sich vor Aragorn nur wenig blicken lassen und sein Äußeres hatte sich diesem wahrscheinlich kaum eingeprägt, so daß er ihn bei wenig Licht kaum erkennen würde. Das wollten sie benutzen.
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Aragorn fuhr aus dem Schlaf hoch und blickte den Diener an, der ihn geschüttelt hatte. Sein Gesicht wurde von der Kerze, die er hielt, kaum beleuchtet, so daß er nicht erkennen konnte, wer es war.
„Was gibt’s?“
„Herr Elrond schickt mich. Er ist in den Häusern der Heilung.“
„In den Häusern der Heilung? Ist etwas mit meiner Frau?“
„Das kann ich nicht sagen. Ich habe nur den Auftrag bekommen, euch so schnell wie möglich zu wecken.“
„Ist gut. Ihr könnt gehen. Ich werde gleich kommen.“
Der vermeintliche Diener verneigte sich tief und ging. Amarylon konnte kaum glauben, wie gut es gelaufen war: Keine unangenehmen Fragen zu seiner Person und kein Verlangen nach mehr Licht! Die Tür hatte er nur angelehnt, so daß der König ihn fortgehen hören konnte, doch das war gar nicht nötig, denn dieser achtete nicht darauf. Er hatte keinen Verdacht geschöpft und zog sich schnell ein paar Kleidungsstücke an, dann begab er sich mit eiligen Schritten raus auf den Gang, die Wache salutierte. Wenn er ruhig nachgedacht hätte, hätte ihm auffallen müssen, wie unwahrscheinlich es war, daß Herr Elrond um diese Zeit in den Häusern der Heilung war. Doch diese Lüge war notwendig gewesen, denn wenn Amarylon gesagt hätte, die Heiler hätten ihn geschickt, dann hätte der König auf den Gedanken kommen können, den Elben zu wecken und die Tür der Zimmer, die der Elb bewohnte, lag noch in Sichtweite der Wache des Königsgemachs, so daß sie Aragorn nicht unschädlich machen konnten, bevor er das Zimmer erreichte. Und den Elben konnten sie nun überhaupt nicht brauchen! Jetzt war der König um die nächste Ecke gebogen. Ein Stück weiter lehnte ein Mann, Aragorn wunderte sich darüber, doch er nahm sich nicht die Zeit, den Mann zu fragen, was er so spät hier machte, die Sorge um seine Frau trieb ihn vorwärts. Kaum aber war er an dem Mann vorbei geschritten, hörte er, wie dieser hinter ihn trat. Das machte den König nun doch stutzig, er wollte sich umdrehen, aber er kam nicht mehr dazu, denn in diesem Moment traf ihn ein harter Schlag ins Genick. Bewußtlos brach er zusammen.
„Geschafft“, frohlockte Modo.
Amarylon kam aus einem anderen Gang, er hielt mehrere Seile in der Hand, mit denen er nun den König fesselte.
„Schön fest“, befahl der Magier.
„Natürlich“, erwiderte Amarylon und holte aus der Tasche noch einen Knebel, dann wickelten sie den Gefangenen in Modos Mantel. Das ganze hatte jetzt das Aussehen eines Sacks. Der Fürstensohn schulterte ihn und Modo ging voran, um zuerst um die Ecken zu schauen, damit sie niemandem begegneten. Einmal mußten sie schnell zurück huschen, um einen Soldaten vorbei zu lassen, der wohl zur Wachablösung auf den Turm der Veste ging. Endlich erreichten sie Rinas Zimmer. Dort wickelten sie den Mann aus, der inzwischen wieder zu sich gekommen war. Amarylon bemerkte, wie der König die Muskeln spannte, um die Fesseln zu sprengen, doch er machte sich keine Sorgen, denn die Seile waren stark und um den ganzen Körper gewickelt, außerdem waren die Hände noch zusätzlich mit einem weiteren Strick gefesselt.
Jetzt ließ sich Rina hören. Sie klatschte einmal in die Hände und meinte lachend: „Das hat ja prima geklappt. Ich hatte euch nicht so schnell zurück erwartet.“
Aragorns Augen weiteten sich erschrocken. Er glaubte, nicht recht gehört zu haben. Die freundliche und liebreizende Rina konnte nicht hier sein. Sie war zwar ein wenig egozentrisch und redefreudig, doch ansonsten sehr nett. Aber es war Rina, er konnte sie kurz sehen. Wie hatten sie sich nur so in ihr irren können? Wie hatte sie sogar Legolas täuschen können? Elben durchschauten Menschen gewöhnlich immer.
Dann beugte sich Modo über den Gefangenen, damit dieser ihn sehen konnte: „Nun, König Elessar, so sieht man sich wieder. Ihr erkennt mich doch, nicht wahr? Ach zu Dumm, ihr könnt ja gar nicht antworten!“
„Was habt ihr denn nun mit ihm vor?“ fragte die Fürstin ungeduldig.
Modo wandte sich ihr zu: „Ich habe einen ganz besonderen Zauber vorbereitet. Nehmt mal den Teppich vor dem Bett weg. Wir brauchen genug Platz.“
Sie gehorchten und Modo zog ein Stück Kreide aus der Tasche, womit er ein großes Pentagramm auf den Fußboden zeichnete. In die Mitte wurde der König gelegt. Modo holte den Stern aus der Tasche und befestigte das Armband auf der Brust des Mannes mit Hilfe einer Schnur, die er um den Oberkörper schlang. Aragorn mußte alles geschehen lassen, denn er war wirklich so eingeschnürt, daß er sich keinen Zentimeter bewegen konnte. Jetzt griff Modo wieder in die Tasche und zog ein Messer heraus, mit dem er sich in die Kuppe des rechten Zeigefingers schnitt. Mit dem Blut zeichnete er ein weiteres Pentagramm auf die Stirn des Königs. Dann wandte er sich an die Geschwister: „Ihr müßt das Zimmer jetzt verlassen. Bei diesem Zauber ist es notwendig, daß ich mit dem König allein bin. Kommt in einer Stunde wieder.“
Rina und ihr Bruder gingen hinaus. Beim Schließen der Tür konnte die junge Frau gerade noch sehen, wie Modo sich breitbeinig über Aragorn stellte und die Füße gegen seinen Leib preßte.
„Was hat er vor?“ fragte sie Amarylon.
„Wart’s nur ab. Ich möchte dir die Überraschung nicht verderben. Es ist einfach genial, was er da macht.“
„Ich bin so aufgeregt“, meinte die Fürstin kichernd.
„Sei lieber still. Wenn uns jemand hört, müssen wir erklären, was wir hier machen und dazu habe ich gar keine Lust.“
„Keine Sorge. Um eine Erklärung bin ich nie verlegen.“
„Das glaube ich dir aufs Wort, meine Liebe. Du hast es oft genug bewiesen!“
„Da vorne ist ein leeres Zimmer. Gehen wir dort hinein.“
„Einverstanden.“
Sie schlüpften in den dunklen Raum und setzten sich dort einfach auf den Fußboden. Ein wenig Mondlicht fiel durchs Fenster, so daß sie einander wenigstens schemenhaft erkennen konnten.
Nun begann Rina das Gespräch wieder: „Wie habt ihr es eigentlich geschafft, euch während des Marsches des Heeres zu treffen?“
„Oh, das war glücklicherweise nicht so schwer. Zuerst dachte ich, ich käme gar nicht weg, weil ich ständig von diesem Legolas beobachtet wurde. Er mißtraut mir anscheinend. Aber glücklicherweise ist er dann doch endlich abgehauen zu seinem Freund, dem König und hat mir die Möglichkeit gegeben, kurz zu verschwinden. Noch beeindruckender finde ich es, daß du deine Aufträge innerhalb eines einzigen Tages hast ausführen können. Ich hätte nicht gedacht, daß das so schnell geht. Du bist wirklich großartig.“
Rina reckte sich mit eingebildeter Miene: „Ich weiß.“
„Ich möchte nur mal wissen, wozu du unter anderem mit einem der Heiler aus den Häusern der Heilung anbandeln solltest.“
„Ach, da kann ich mir verschiedene Dinge vorstellen. Ist mir eigentlich auch egal. Ich bin nur froh, daß euer neuer Plan mich davor bewahrt hat, mit dem blöden Elben reisen zu müssen.“
Amarylon lachte: „Den Elben möchte Modo immer noch gern haben, doch ich denke, daß er dich damit nicht mehr belästigen wird.“
„Ja, denn wenn ich mit dem König zur Zuflucht reiten soll, ist die Begleitung des Elben nicht von Vorteil. Glücklicherweise war es für mich einfach ihn loszuwerden.“
„Gut, daß du’s erwähnst. Ich muß dir da noch ein paar Dinge erklären. Modo hatte nämlich schon vorher geplant, dich mit dem König in die Zuflucht zu schicken, da er dir sehr vertraut. Es ist daher bereits alles vorbereitet. Morgen wird ein Bote kommen, angeblich aus Süd- Gondor, der uns einen Brief überbringt, in dem steht, unser Vater wäre sehr krank. Daraufhin brechen wir sofort auf.“
„Das mit dem Boten ist gut. Ich habe dem Elben nämlich erzählt, daß wir noch ein paar Tage hierbleiben wollen. Aber wenn ich den Elben nicht glücklicherweise wieder los geworden wäre, hätte dieser Brief ganz schön verhängnisvoll werden können.“
„Ja, da hast du recht. Der neue Plan ist von Modo sehr kurzfristig gefaßt worden, nachdem sein Heer unerwarteter Weise von den Hexen vernichtet wurde und da war es schon zu spät, denn ich war mit dem verdammten Brief bereits unterwegs und nicht mehr einzuholen. Aber du hast das Problem ja bestens gelöst.“
„Das Lob ist nicht viel wert, denn es war wirklich ganz einfach! Der Elb hatte anscheinend keine große Lust, mich nach Hause zu begleiten, warum auch immer – vielleicht hat er ja Verdacht geschöpft!“
„ Und wenn, sei’s drum, das ist jetzt egal. Er kann uns nicht mehr aufhalten. Wie gut nur, daß er dich nicht durchschaut hat und du dich so ungestört in Minas Tirith bewegen konntest.“
Rina lachte laut auf: „Mein Lieber, hübsche Frauen werden von Männern niemals durchschaut, denn ihnen traut man keine bösen Absichten zu. Dieser Elb war da keine Ausnahme.“ Sie wurde ernster: „Vielleicht hätte er mich durchschauen können, aber er war einfach nicht aufmerksam genug. Bei einem ‚reizendem Geschöpf‘ wie mir, so hat er mich einmal genannt, als er nicht wußte, daß ich es höre, da achtet man eher auf andere Dinge als darauf, ob man belügt wird, klar?“
„Verstehe schon“, erwiderte ihr Bruder schmunzelnd.
„Aber zurück zum Thema. Wie stellst du dir unsere Abreise morgen vor?“
„Wir sollten nicht nur mit unserem Gefolge, sondern auch mit Sheena aufbrechen, falls sie mitkommen will, damit es möglichst harmlos aussieht. An einer bestimmten Stelle machen wir dann Halt für die Nacht. Dort wird Modos Hexe Leandhra auf dich warten und dir helfen, spurlos zu verschwinden. Sie wird 3 Diener dabei haben, die dir mit deinem Gepäck helfen und sich um den Gefangenen kümmern. Von deinen eigenen Dienern darfst du keinen mitnehmen, auch nicht deine Zofe.“
„Oh, für meine Zofe kann ich einstehen. Sie ist mir absolut treu und zuverlässig. Ich werde sie auf jeden Fall mitnehmen, ich brauche sie dringend. Sonst bleibe ich hier. Ich kann mich doch nicht von Männern ankleiden lassen!“
„Nun gut, du weißt schon, was du tust. Modo vertraut dir und wird deshalb nichts dagegen haben.“
„Und wie viele Diener sollen mich in der Zuflucht bedienen?“ fragte die Fürstin zweifelnd.
„Ich glaube 10.“
„Das ist nicht viel, aber es muß reichen.“
„Meine Güte! Vaters Blume ist ganz schön verwöhnt“, grinste ihr Bruder amüsiert.
„Nenne mich nicht ‚Blume‘, ich mag das nicht“, schimpfte Rina beleidigt, und verschränkte ärgerlich die Arme vor der Brust.
Amarylon mußte lachen: „Stell dir nur mal vor, was Vater für ein Gesicht machen würde, wenn er erführe, was seine Blume so alles treibt.“

 

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