Kapitel 16

Unerwartete Hilfe

Eines Abends, als Leandhra in Aragorns Zelle kam, war sie besonders schlecht gelaunt.
„Hier, euer Essen“, sagte sie unfreundlich und setzte sich dann mit verschränkten Armen auf den Stuhl an der Tür.
Aragorn betrachtete sie nachdenklich. Es war das erste Mal, daß sie nicht ein Gespräch mit ihm anfing. Bisher hatten sie immer nur über ganz belanglose Dinge gesprochen, doch nun fragte er sie nach dem Grund für ihre schlechte Laune.
Leandhra war ziemlich erstaunt: „Warum interessiert euch das?“
„Du bist die Einzige hier, die freundlich zu mir ist. Du hättest leicht deinen Ärger an mir auslassen können.“
„Ich bin Modos treueste Helferin, doch ich verabscheue unnötige Grausamkeit.“
„Wie paßt das zusammen?“
„Warum sollte es nicht zusammen passen? Jeder verfolgt doch seine eigenen Ziele. Modos sind sehr hoch, da muß einiges geopfert werden, doch man sollte Gewalt nur anwenden, wo sie nötig ist.“
„Eine merkwürdige Sicht der Dinge, besonders da dein Meister so eine Vorliebe für Grausamkeiten hat. Er weidet sich mit Vergnügen an den Qualen anderer.“ Leandhra äußerte sich zu diesem Thema lieber nicht, daher kehrte der Mann nach einer kurzen Pause zum vorherigen Thema zurück: „Du sagtest, jeder Mensch verfolgt sein eigenes Ziel. Welches verfolgst du?“
Auf Leandhras Gesicht erschien ein leichtes Lächeln: „Ich werde Ratgeberin von Modo werden mit noch ein paar anderen. Später wäre es dann mein größter Wunsch Aikos Ratgeberin zu sein, wenn sie Modos Nachfolge eines Tages antritt.“
Aragorn schüttelte den Kopf: „Ich kenne Aiko inzwischen gut genug, um zu wissen, daß sie niemals Modos Nachfolgerin werden wird.“
Die Frau war wie vor den Kopf gestoßen. Eine Weile starrte sie ihn an, dann senkte sie den Kopf und meinte lahm: „Schade, ich habe sie wirklich gern. Und wer außer Aiko wäre dafür geeignet?!“
„Rina hat mir verraten, daß sie Modos Nachfolgerin werden soll, wenn Aiko nicht will. An Salim traut er sich gar nicht erst heran, weil Gandalf sich schon in ihrer Kindheit um sie gekümmert hat. Er wird sie niemals verderben können, das ist klar.“
Die Hexe nickte, wirkte dabei jedoch wie erstarrt. Schließlich meinte sie verwirrt: „Das hat Rina behauptet?“
„Sie erklärte, sie würde zunächst Ratgeberin werden, genau wie ihr Bruder, die Zwillinge, Saruman und du, doch von euch allen empfindet er Rina als beste Wahl, da er sie als Seelenverwandte empfindet. Außerdem ist sie genauso grausam wie er. Das hat er ihr anscheinend wörtlich gesagt und sie war sehr stolz darauf.“ Aragorn saß auf dem Bett, ein Bein angezogen, das andere lässig über die Bettkante hängend und mit dem Rücken an der Wand lehnend. Neben ihm stand das Tablett mit dem Essen. Wie er dort saß, strahlte er eine erstaunliche Ruhe aus, die Leandhra sehr beeindruckte, sonst wäre sie jetzt wohl vor Wut explodiert.
So sagte sie nur bestimmt: „Ihr lügt!“
„Ich lüge nie“, war die einfache Antwort des Mannes, doch Leandhra verwirrte sie zutiefst.
„Schon möglich“, gab sie ärgerlich zu, „aber Rina lügt und zwar häufig und sehr gut.“
„Glaubst du, daß sie in diesem Punkt lügt?“
Leandhra antwortete nicht. Stattdessen schnappte sie sich die Laterne und verließ das Zimmer eiligst, wobei sie das Abschließen dennoch nicht vergaß. Anscheinend hatte er einen Volltreffer gelandet! Dann vergaß Aragorn die Frau erst mal und machte sich mit wahrem Heißhunger über das wenige Essen her, wenn die Dunkelheit ihn auch etwas behinderte. Aber schon zwei Stunden später kam Leandhra wieder, um das Tablett zu holen. Sonst war sie immer im Raum geblieben, bis er fertig war. Sie weckte durch ihr Eintreten den Mann, der immer noch den leichten Schlaf besaß, der Menschen eigen ist, die einen Großteil ihres Lebens in der Wildnis verbracht haben. Dennoch blieb er mit geschlossenen Augen liegen, bis er fühlte, daß etwas neben ihn aufs Kissen gelegt wurde. Erstaunt richtete er sich auf und sah im schwachen Licht der Kerze, die die Frau jetzt in der Hand hielt, einen ganzen Brotlaib.
„Danke.“
Leandhra nickte und verschwand dann wieder. Aragorns Hunger war so groß, daß das Brot in Rekordzeit verschwand. Dabei dachte er darüber nach, was das Ganze zu bedeuten hatte. Genau diese Frage stellte er Leandhra am nächsten Tage.
„Ihr seid der Erste, dem hier aufgefallen ist, daß ich mich nicht besonders wohl fühle.“
„Rina?“ fragte der Mann verständnisvoll. In dieser Beziehung waren sie Leidensgenossen. Von diesem Zeitpunkt an wurden ihre Gespräche persönlicher. Oft saßen sie stundenlang zusammen, was glücklicherweise nicht auffiel, da Rina schlief und die Diener nur hierher ins oberste Stockwerk kamen, wenn die Fürstin nach ihnen klingelte. Beiden tat das Gespräch wohl, Leandhra weil Aragorn der einzige war, der für ihr Problem mit Rina Verständnis hatte (die Diener kommandierte die Fürstin auch herum, aber die waren eben Männer und schwärmten allesamt für sie) und Aragorn, weil ihm die freundliche Art der Hexe angenehm war und sie ihm außerdem regelmäßig zusätzliches Essen in seine Zelle schmuggelte, obwohl das für sie nicht ganz ungefährlich war. Der Mann hatte nun wieder genug Energie, sich soweit zu Bewegen, wie die Ketten es zuließen, doch er war jetzt seit drei Wochen in Gefangenschaft, die Reise hierher mit gerechnet und er fühlte, wie seine Kräfte immer mehr nachließen. Ständig fühlte er sich schlapp und müde. Leandhra hatte Mitleid, doch sie konnte ihm nicht helfen. Rina war erbarmungslos.
Bisher hatte die Fürstin ihn nur an den ersten drei Tagen, in seiner Zelle besucht und dann die Lust ein wenig verloren. Jetzt kam sie wieder und setzte sich zu ihm aufs Bett.
Aragorn rührte sich nicht, sagte jedoch sehr unfreundlich und mit einem wahren Mörderblick: „Wenn ihr nicht augenblicklich aus meiner Reichweite verschwindet, werdet ihr es bereuen.“
Rina folgte der Aufforderung, bemerkte jedoch: „Immer noch uneinsichtig, was? Merkt ihr nicht, daß ihr euch damit nur selbst schadet?“
„Das ist mir egal.“
„So?“ fragte die Fürstin, wobei ihre Stimme einen unangenehmen Klang annahm. „Wäre es auch egal, wenn ich eure liebe Frau zu mir bitten würde?“
Aragorns Ruhe schwand: „Was habt ihr mit ihr gemacht?“
„Oh, bisher gar nichts. Wir haben nur die Nachricht bekommen, daß Herr Elrond mit seiner Tochter zurück auf dem Weg nach Bruchtal ist. Sie reiten langsam, denn unsere geliebte Königin muß in einer Sänfte reisen. Wie nun, wenn ich sie fangen und hierher bringen lasse?“
„Das könnt ihr nicht! Die Elben bekommt ihr nicht.“
Rina kam wieder näher. Sie strich ihm über die Wange und schob ihm mit dem Zeigefinger das Kinn hoch, so daß er in ihre Augen schauen mußte: Da seid euch nicht zu sicher, König Elessar. Übrigens hat Modo ein großes Interesse an Herrn Elrond. Ich glaube, er will ihn zu seinem Hofnarren machen...“
Rina konnte nicht weiter sprechen, da sie schnell zurück springen mußte, denn Aragorn versuchte, sie zu packen. Mit einer katzenartigen Bewegung kam sie unbeschadet aus seiner Reichweite.
Mit einem spöttischen Lachen erklärte sie: „Ich sehe, ihr braucht Zeit, um über diese Dinge nachzudenken. Mal sehen, was ihr morgen sagt.“
Aragorn zerrte wütend an seinen Ketten. Kaum war Rina fort, erschien Leandhra. Sie hatte an der Tür gelauscht und daher alles mitbekommen, was die Fürstin gesagt hatte. Sie redete beruhigend auf den Mann ein und hatte nach einigen Bemühungen endlich Erfolg. Dann ging sie, um das Essen zu holen. Heimlich hatte sie ein Schlafmittel in den Haferbrei gemischt, der das Abendessen bildete, da sie glaubte, daß der Mann heute Nacht sonst kaum schlafen würde aus Sorge um seine Frau. Aragorn merkte beim Essen, wie müde er wurde und ahnte, was Leandhra gemacht hatte. Eigentlich verachtete er solche Mittel, doch heute war er der Hexe sogar dankbar. Im Einschlafen murmelte er noch: „Du bist zu gut für diese Leute.“
Leandhras Wangen färbten sich rot. Sie verstand nicht recht, was er damit meinte und konnte auch nicht fragen, weil der Mann nach den Worten sofort eingeschlafen war, aber er hatte es sicher als Kompliment gemeint. Leise schlich sie aus dem Raum und begab sich in ihr eigenes Zimmer, um über ihre Situation nachzudenken.
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Am nächsten Tag ging Leandhra wie immer zu Aragorns Zelle, doch dieses Mal fand sie die Tür nur angelehnt und Licht sickerte aus dem Spalt, viel mehr als eine Laterne ausstrahlen konnte. Sie stieß sie auf und blickte auf eine merkwürdige Szene, die durch mehrere Fackeln erleuchtet wurde. An der Verankerung der Ketten war noch ein Ring angebracht, bei dem die Hexe sich immer gefragt hatte, wozu der gut war. Nun sah sie es: Man konnte das erste Glied der Kette, das vom rechten Handgelenk des Mannes ausging, dort einhaken und das war nun geschehen. Aragorn hing also mit einer Hand an der Wand, mit der anderen verteidigte er sich jedoch erfolgreich und hielt die Fürstin auf Abstand.
„Meint ihr, ihr könnte ihn so zwingen, euch gefällig zu sein?“
Rina fuhr erschrocken herum, da sie das Eintreten der Frau nicht bemerkt hatte, weil sie zu beschäftigt war.
„Leandhra! Wie kannst du ohne Anklopfen herein kommen?“
Die Hexe antwortete hierauf nichts, sondern erklärte stattdessen in ernstem Tone: „Ist eine merkwürdige Stellung, findest du nicht?“
Die Fürstin wurde zornig: „Rede nicht solch eine Unsinn. Ich will mir nur ein wenig Spaß mit ihm erlauben.“
„Und was versteht ihr darunter?“
„Wenn du dir das nicht denken kannst...“
Leandhra erwiderte nichts. Sie war ziemlich angewidert, verbarg das jedoch und sah erstmal (unbesorgt, da sie der Frau nicht viel zutraute) zu, wie Rina einen weiteren vergeblichen Versuch machte, an Aragorn heran zu kommen. Dabei fiel ihr auf, daß die Diener den Mann gebadet hatten und auch die Haare waren gewaschen.
Jetzt gab die zierliche Frau ärgerlich auf: „Leandhra, du mußt mir helfen.“
Leandhra sah sie alles andere als begeistert an: „Wie bitte? Also Moment mal, also das geht nun wirklich zu weit!“
„WAS?“ Die Fürstin klang völlig fassungslos.
„Wie habt ihr es eigentlich fertig gebracht, ihn an der Wand zu befestigen, wo ihr jetzt, da er hilflos ist, nicht mit ihm fertig werdet.“
„Das haben natürlich zwei Diener gemacht. Dummer weise habe ich sie fort geschickt und auch mein Angebot, daß er morgen das Doppelte zu Essen bekommt, hat nichts gefruchtet.“
„Das hätte ich euch vorher sagen können.“
„Du bist heute wirklich frech, Leandhra. Hilf mir sofort oder du bekommst gewaltigen Ärger!“
„Und was soll ich machen?“ fragte Leandhra ruhig, obwohl sie vor Zorn kochte.
„Du bist kräftiger als ich. Halte seinen freien Arm fest. Schließe aber vorher die Tür. So kann uns jeder sehen.“
Diese Frau behandelte sie wirklich wie eine Dienerin! Die Hexe wurde immer wütender, doch sie folgte den Anweisungen. Sie hatte keine großen Schwierigkeiten Aragorns freien Arm zu packen und auf das Bett zu drücken. Sie fühlte, wie der Mann sich vergeblich wehrte und bemerkte seinen vorwurfsvollen Blick. Doch sie beachtete es nicht. Sie hatte nicht vor, der Fürstin zu helfen, sondern wollte ihr im Gegenteil eine kleine Lektion erteilen, denn sie hatte schlichtweg genug von dem Betragen der Frau. Sie wartete nur darauf, daß Rina sich abwandte, um ihr dann einen kräftigen Schlag zu verpassen. Die Frau durfte nichts ahnen, denn sie war zwar schwach, doch äußerst flink und einen Zauber durfte sie nicht verwenden, denn dann bekam sie Ärger mit Modo. Kleine Rangkämpfe interessierten ihn nicht, solange nichts ernsthaftes passierte. Daher mußte sie auf jeden Fall vorsichtig vorgehen.
Der Fürstin währenddessen stand der Triumph ins Gesicht geschrieben. „Nun könnt ihr euch nicht mehr wehren, Herr König!“
Aragorn antwortete mit einem elbischen Wort, das die Frauen zwar nicht verstanden, aber nur eine Beleidigung sein konnte. Die Fürstin holte aus und schlug den Mann mit aller Kraft ins Gesicht. „Das laß dir eine Lehre sein! Du solltest immer daran denken, daß du jetzt mir gehörst!“
„Ich gehöre niemandem!“
„Ach ja? Leandhra, du bist stärker als ich. Erteile ihm eine Lektion!“
Das war zuviel für Leandhra! Eigentlich hatte sie diese fürchterliche Frau nur niederschlagen wollen, doch jetzt fuhr ihre Hand unter ihr Hemd und zog einen Revolver hervor.
„Was soll das?“ schnappte Rina fassungslos, die Gefahr der Situation völlig verkennend.
„Was bildest du dir eigentlich ein, du eingebildete Pute? Du wagst es mich herum zu kommandieren und erwartest, daß ich für dich die Drecksarbeit mache! Mal abgesehen, daß ich dir sowieso nicht helfen, sondern dir eigentlich eine Lehre erteilen wollte, aber jetzt reicht’s mir endgültig.“
„Wie bitte? Mir eine Lehre erteilen? Du spinnst wohl! Du legst jetzt dieses Ding weg und gehorchst endlich. Vergiß nicht, ich bin von wesentlich edlerem Geblüt wie du.“
Die dümmste Antwort, die die Fürstin geben konnte! Leandhra war jetzt außer sich vor Zorn und drückte ab. Rina war sofort tot. Erschrocken ließ Leandhra den Revolver fallen. Was hatte sie getan? Einen Schlag hätte Modo ihr sicher mit einem Schmunzeln verziehen, ja, Modo würde von ihr erwarten, daß sie ihre Position verteidigte, schließlich waren Rina und sie ranggleich, zumindest bis endgültig klar war, daß Aiko nicht Modos Nachfolgerin werden würde. Doch mit diesem Schuß hatte sie sich von Modo abgewandt und konnte nicht mehr zurück. Nun gut, sie mußte sich in diese Rolle finden!
Sie wandte endlich den Blick von der Toten ab und bemerkte nun, daß Aragorn sie mit offenem Mund anstarrte.
„Wenn ich euch befreie, könnt ihr mir dann verzeihen?“
„Warum hast du sie erschossen?“
„Sie ist zu weit gegangen. Ich konnte nicht zusehen, wie sie euch behandelte und ihren Befehlston konnte ich noch nie leiden.“
Die Hexe beugte sich über das Bett, um die Kette aus dem Ring zu nehmen, dann verließ sie das Zimmer. Aragorn kam der unangenehme Gedanke, sie könne allein fort sein, weil er eben ihre Frage nach Verzeihung nicht beantwortet hatte, doch sie war nur im Nebenzimmer, denn dort hatte ja Rina ihr Gemach und kurz darauf kam sie mit dem Schlüssel wieder.
Erleichtert rieb der König sich die Handgelenke: „Danke.“
„Kommt schnell. Wir müssen jetzt gleich verschwinden, die Wache ist eingeschlafen. Wenn wir sie nicht mit einem Zauber ausschalten müssen, merken sie eure Flucht sicher erst irgendwann im Laufe des nächsten Tages, anstatt gleich früh am Morgen bei der Wachablösung.“
Aragorn trat vorsichtig aus dem Zimmer und lauschte ins Haus, ob wirklich alles still war. Als Numenorer hatte er ja bessere Ohren als gewöhnliche Menschen. Leandhra folgte ihm hinaus und verschloß die Tür der Zelle, damit ihre Flucht so lange wie möglich unentdeckt blieb. Dann schlichen sie durch das Haus in die Küche, wo Aragorn schnell etwas aß. Die Hexe nahm währenddessen 2 Beutel, in die sie so viele Nahrungsmittel wie möglich stopfte. Dann gingen sie in den Hof und suchten sich aus dem Verschlag im Hof die zwei besten Pferde aus, sattelten und zäumten sie auf, die Beutel mit den Nahrungsmitteln wurden hinter den Sätteln befestigt. Danach führten sie die Tiere möglichst leise in den unterirdischen Gang, schnell waren sie hindurch und passierten den Stein; Leandhra kannte natürlich das Paßwort.
„Frei!“ murmelte Aragorn und atmete tief ein.
„Wir sind noch nicht entkommen! Die Diener haben Wege, Modo zu benachrichtigen und er wird uns jagen lassen.“
„Darum brauchen wir uns wohl erst in den nächsten Tagen Gedanken zu machen, zumindest was Magier angeht. Du warst ja die Einzige dort. Oder können Hexen fliegen?“
„Bis jetzt noch nicht.“
„Bis jetzt?“
„Na ja, die nicht- magischen Menschen in der Welt von Aiko glaubten früher, Magier und insbesondere Hexen würden auf Besen fliegen. Keine Ahnung woher das kommt. Viele Magier haben schon ausprobiert, ob es nicht wirklich funktionieren könnte, doch ohne Erfolg bisher.“
„Kannst du mir sagen, wie lange ich gefangen war? Inzwischen habe ich jegliches Zeitgefühl verloren.“
„Im Schlößchen wart ihr drei Wochen und vier Tage. Dazu kommen noch die neun Tage Weg hierher. Es sind also fast fünf Wochen.“
„In dieser Zeit kann viel geschehen sein! Und in der Zeit, die wir für den Weg nach Minas Tirith brauchen, kann noch mehr passieren.“
„Bis jetzt ist noch nicht viel geschehen, denn Modo steckt noch in den Vorbereitungen. Und eigentlich ist es von hier auch nicht sehr weit nach Minas Tirith. Wir waren auf dem Hinweg nur durch die nötige Vorsicht behindert. Ich denke, wenn man schnell reitet, braucht man etwas vier bis fünf Tagesritte, davon sind es etwa zwei bis zweieinhalb bis zum Ausgang dieses Pfades. Wir sollten bis dahin mit möglichst kleinen Pausen reiten und danach nur noch nachts. Mal sehen, wie lange wir also unterwegs sein werden. Was in diesen Tagen passiert ist, müssen wir in Minas Tirith zu erfahren suchen.“
„Das wird schwierig. Was meint ihr wird die Bevölkerung sagen, wenn plötzlich ein zweiter König Elessar auftaucht?“
„Wir müssen heimlich die Stadt betreten, wie Modo damals“, riet Leandhra.
„Ihr habt schon zweimal ‚wir‘ gesagt.“
„Ich meine es auch. Ich werde euch weiter helfen, falls ihre meine Hilfe akzeptiert.“
„Dein Wandel kommt recht plötzlich. Wie kann ich wirklich sicher sein, daß diese Rina nicht irgendeinem einem dunklen Plan zum Opfer gefallen ist?! Doch ich habe keine andere Wahl als dir zu vertrauen. Hilfst du mir, so werde ich dir verzeihen und auch bei meinem Freund Legolas für dich bitten. Vielleicht kannst du dann bei Aiko wohnen.“ Aragorn war sich völlig im Klaren darüber, daß Leandhra eine gefährlich Frau war. Allein, daß sie vorhin geschossen hatte, zeigte das schon. Sie hätte Rina auch anders überwältigen können, da sie ihr körperlich absolut überlegen war. Sie hatte jedenfalls nie gelernt, was Unrecht war. Nun ja, sie war bei Modo aufgewachsen, da konnte man das wohl auch nicht anders erwarten. Ihm fiel nun die schwere Aufgabe zu, der Frau wenigstens ein bißchen von dem beizubringen, was ihr bisher völlig fremd gewesen war, ansonsten wäre es völlig unmöglich, Leandhra in die Gesellschaft gewöhnlicher Menschen zu bringen.
Plötzlich fiel ihm etwas ein: „Hast du eigentlich diese Waffe wieder eingesteckt?“ Er war ja vorhin als erster aus dem Verließ gegangen und hatte nicht darauf geachtet, was die Hexe hinter ihm machte, während er ins ruhige Haus gelauscht hatte.
Leider antwortete Leandhra: „Natürlich. Der Revolver ist schließlich unsere einzige Waffe außer meinen Zauberkräften.“
„So muß ich dich bitten, ihn nur zu benutzen, wenn ich es dir sage.“
„Ihr wißt, daß ich niemanden gerne verletzte.“
„Du hast gerade jemanden erschossen, der dir körperlich unterlegen war, von deinen Zauberkräften ganz abgesehen. Und du wolltest einst Legolas erschießen, obwohl er gefesselt und verletzt, also völlig hilflos war.“
„Das war ein Befehl von Modo. Er meinte, es wäre notwendig.“
Aragorn unterdrückte ein Seufzen. Oh ja, er würde noch viel Arbeit mit Leandhra haben. Den ganzen restlichen Nachtritt versuchte er der Frau zu erklären, warum ihr Handeln in beiden Fällen falsch gewesen war.
„Also ihr meint, einen Gegner, der am Boden liegt, sollte man ihn in Ruhe lassen? Er ist doch immer noch ein Feind.“
Trotz solcher und ähnlicher Aussagen der Hexe blieb der König ruhig und machte weiter. Es würde natürlich eine gewisse Zeit dauern, bis Leandhra das begriff. Doch neben seinem Unterricht vergaß er die notwendige Vorsicht nicht, denn sie mußten immerhin damit rechnen, daß ihre Flucht durch Zufall vielleicht schon entdeckt war und man sie von der Zuflucht aus bereits verfolgte. Doch nichts war während der Nacht zu entdecken. Auch nicht am nächsten Morgen, als sie ein paar Stunden ausruhten.
Als sie gegen Mittag wieder aufbrachen, meinte Leandhra: „Wenn sie Rinas Leiche erst jetzt oder vor kurzem entdeckt haben, dann werden sie uns bestimmt nicht mehr von der Zuflucht aus verfolgen, sondern uns Leute entgegen schicken, die uns eine Falle stellen sollen. Ab Morgen müssen wir also sehr vorsichtig sein.“
„Bist du dir da sicher?“
„Ziemlich. Ich kenne Modo so gut, daß ich weiß, wie er reagieren wird.“
„Na gut. Das könnte jedenfalls noch ein Vorteil für uns sein, daß du Modos Denkweise nachvollziehen kannst.“

 

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