Kapitel 18

Sheenas Rückkehr

Modo saß unruhig in Minas Tirith und wartete ungeduldig auf Nachrichten, doch nichts kam. Nach 5 Tagen war klar, es mußte etwas passiert sein. Nun blieben ihm nur noch seine drei magisch nicht besonders begabten Diener, die er nach der Abreise der Zwillinge sofort nach Minas Tirith geholt hatte, und Saruman, der ja sowieso schon dort war. Bisher hatte Saruman in seinem Zimmer bleiben müssen, jetzt hüllte er sich wie die anderen drei in einen Kapuzenmantel und alle vier umgaben den Magier ständig, wodurch sich dieser wenigstens etwas sicherer fühlte, wobei man sich fragen konnte, warum er sich eigentlich fürchtete. Er war schließlich der mächtigste Magier, den es gab, aber es lag wohl in seiner Natur, ängstlich zu sein. Ungefährlich war es allerdings nicht, die Leute, wenn auch verhüllt, für jeden sichtbar durch die Veste laufen zu lassen, denn Saruman mußte immer befürchten von Merry und Pippin erkannt zu werden und für die Diener galt das gleiche in Bezug auf Aiko. Die anderen Menschen in Minas Tirith wunderten sich nicht wenig über Aragorns merkwürdige neue Berater, doch der vermeintliche König Elessar ließ nicht mit sich darüber reden. Er war im Gegenteil im Moment äußerst gereizt. Mehr denn je wünschte er sich seine Frau herbei, doch er wollte Lena nicht dieser Gefahr aussetzen. Obwohl es nach dieser Zeit schon beinahe sinnlos war, befahl er den Dienern in der Zuflucht, nach Aragorn und Leandhra zu suchen, dann gab er den Soldaten in Minas Tirith die Anordnung scharf zu wachen. Er verdoppelte sogar die Posten auf dem Tor, den Mauern, den Wällen und in der Veste. Doch ob das reichen würde? Er wußte es nicht recht. Dieser verdammte Waldläufer hatte so manche Fähigkeit, von der andere nur träumen konnten. Vorsicht lautete also jetzt das erste Gebot der Stunde.
Modos Gedanken wurden unterbrochen, als an die Tür geklopft wurde. Es war der Fürst Faramir: „Herr, verzeiht, daß ich euch störe. Aber ich würde gerne etwas mit euch besprechen. Es ist wichtig.“
„Setzt euch“, meinte Modo, obwohl er für ein derartiges Gespräch in diesem Moment überhaupt keine Nerven hatte. Er wußte bereits, warum der Fürst mit ihm sprechen wollte, denn es war nicht das erste Mal, daß er zu ihm kam.
„Es geht um eure letzte Neubesetzung, dem Hauptmann Oranol.“
„Habt ihr daran etwas auszusetzen?“ fragte der vermeintliche Aragorn scharf. Normalerweise hätte er das Gespräch geschickter gehändelt, wie bei allen bisherigen Neubesetzungen bisher, aber heute konnte er einfach nicht anders. Zu seinem Leidwesen war Faramir jedesmal angekommen, um den König zu bitten, davon abzulassen, doch logischerweise vergeblich.
Trotzdem wollte der Fürst nicht so einfach aufgeben, auch wenn der unfreundliche Ton des Königs bereits andeutete, daß er wieder keinen Erfolg haben würde. Er antwortete also nach einer kleinen Weile brüsk: „Ehrlich gesagt, habe ich einiges gegen diesen neuen Hauptmann Oranol. Sein Vorgänger war ein zuverlässiger und verdienter Kämpfer für Gondor, das könnt ihr mir glauben. Ihm kann ich nicht vertrauen.“
Modo unterdrückte ein Seufzen. Daß ausgerechnet dieser Faramir so viel von den alten Numenorern haben mußte und den Menschen in den Geist schauen konnte! Er war wirklich nervig. „Wir haben in letzter Zeit schon so oft über derlei Dinge geredet. Ihr scheint im Moment Gespenster zu sehen. Oder wollt ihr behaupten, ich sei nicht dazu fähig, eine Armee zu führen?“
Faramir erhob sich, sank in eine tiefe Verbeugung und erklärte: „Nein, so etwas würde ich nie behaupten. Ich denke nur, euch fehlt vielleicht noch ein wenig Erfahrung oder Geschick, weil ihr euer Amt erst kurz ausübt. Ihr müßt doch einsehen...“ Er verstummte, ob des immer finsterer werdenden Blicks des Königs. Bisher hatten sie ein freundschaftliches Verhältnis gehabt und der Fürst hatte geglaubt, so etwas aussprechen zu können, ohne daß der König es ihm übel nahm, da dieser in solchen Dingen gewöhnlich verständnisvoll und nachsichtig war. Aber jetzt lag plötzlich eine Kälte in seinem Blick, die er nicht von Elessar kannte. „Es... es“, stotterte er völlig verwirrt, doch weiter kam er nicht, denn der vermeintliche König unterbrach ihn, indem er sich an den Diener wandte, der an der Tür stand: „Der Fürst hat mich beleidigt, ihr habt es selbst gehört! Laßt die Wachen holen und ihn ins Gefängnis werfen.“
Mit diesen Worten ging er eiligst ins Nebenzimmer um nichts weiteres hören zu müssen. Immerhin war er den Fürsten erstmal los, auch wenn es alles andere als ein geschickter Schachzug war, ihn so einfach verhaften zu lassen. Was mußte dieser verdammte Kerl aber auch seine genug angespannten Nerven weiter strapazieren? Das hatte er jetzt davon! Es würde ihm selbst, Modo, schon nicht schaden. Zur Not müßte er es mit einer Entschuldigung wieder gut machen, aber erstmal sollte der idiotische Fürst dort bleiben, wo er war und zwar möglichst lange. Am besten für immer, wenn sich das irgendwie machen ließ!
Faramir währenddessen stand wie versteinert da und rührte sich nicht, bis die Wachen kamen. Schweigend ließ er sich abführen, so entsetzt war er. Die Verhaftung sprach sich wie ein Lauffeuer herum, vom Hofstaat bis zum Bettler wußte binnen weniger Stunden jeder Bescheid. Der Fürst war sehr beliebt im Volk.
Für die Hobbits und Aiko war es langsam zuviel: Zum einen schottete Aragorn sich völlig von ihnen ab, dann waren da diese seltsamen immer verhüllten Menschen, mit denen er sich umgab, die Gerüchte über die Veränderungen in der Armee und bei den Beamten der Stadt und jetzt auch noch die Verhaftung Faramirs. Frodo hatte den König besonders scharf beobachtet und noch einige merkwürdige Verhaltensänderungen festgestellt. Keiner von ihnen konnte verstehen, was los war.
Ein paar Stunden später passierte dann etwas, daß das Faß endgültig zum Überlaufen brachte. Aiko lief durch einen Gang und fiel beinahe über Eowyn, die weinend auf dem Boden an der Wand lehnte. Sie setzte sich neben die aufgelöste Frau und legte einen Arm um sie: „Beruhige dich doch. Der König ist immer noch ziemlich schlecht drauf, wegen der Sache mit Arwen. Er wird Faramir bestimmt bald wieder freilassen.“
Eowyn schüttelte den Kopf: „Nein, das glaube ich nicht mehr.“
„Wieso? Was ist denn passiert?“
„Ich wollte mit dem König darüber reden, doch er hat mir gar nicht zugehört und als ich mich dann geweigert habe, den Raum zu verlassen, bevor er mich nicht zu Ende angehört hätte, da hat er mich am Arm gepackt und einfach rausgeschmissen!“
Einen Moment war Aiko einfach fassungslos. Dann schüttelte sie den Kopf und meinte: „Das ist nicht normal!“ Einen Moment dachte sie nach, dann meinte sie: „Bitte hör auf zu weinen. Wir werden schon dafür sorgen, daß dein Mann bald wieder frei sein wird.“
Sie schickte nach den Hobbits und Jojos Eltern, um sich mit ihnen zu beraten. Arne kam allerdings ohne seine Frau Julia, denn diese war unglücklicherweise gerade jetzt mit einem Heiler fort geritten, der ihr zeigen wollte, wo man verschiedene Kräuter fand.
Als alle versammelt waren, meinte Aiko: „Ich kann mir nur eine plausible Erklärung für Aragorns Verhalten vorstel...“
Sie wurde von Merry unterbrochen: „Er ist total verrückt geworden durch den Verlust seiner Frau!“
Aiko seufzte genervt. Warum hatte sie nur die Hobbits zur Beratung eingeladen?
„Es war schon verrückt, Arwen fort zu schicken“, meinte Frodo.
Aiko sah die Hobbits böse an, um sich Gehör zu verschaffen: „Ich bezweifle, daß Aragorn verrückt geworden ist. Er muß irgendwie von Modo verzaubert worden sein und unter dessen Kontrolle stehen.“
Die Hobbits sahen sich erschrocken an und Eowyn rief entsetzt aus: „Ist das denn möglich?“
Diesmal antwortete Arne: „Modo ist äußerst mächtiger Schwarzmagier. Ich traue ihm so ziemlich alles zu. Denkt nur daran, daß er Saruman auf irgendeine Weise wieder zum Leben erweckt hat.“
„Aber was können wir dagegen tun?“
„Gar nichts! Ich bin nicht stark genug, um gegen einen Zauber von Modo anzukommen“, sagte Aiko mit einem betrübten Kopfschütteln.
„Du meinst, wir müssen Modo einfach machen lassen?“ rief Frodo erschrocken.
„Genau. Es sei denn, wir töten Aragorn.“
Die Hobbits ließen die Köpfe hängen, während Eowyn unentschlossen zwischen Arne und Aiko hin und her schaute: „Aber irgendetwas müssen wir doch tun können!“
Die Hexe schüttelte den Kopf: „Wir können nichts tun. Modo ist einfach zu mächtig und da Aragorn der König ist, ist es natürlich auch völlig unmöglich, seine Macht zu begrenzen. Wir müssen zusehen, ohne etwas tun zu können. Das einzige, was wir versuchen können, ist, die Leute soweit aufzuwiegeln, daß er wenigstens Faramir wieder freilassen muß.“
Schweigend sahen alle sich an. Es war eine schlimme Situation.
Da klopfte es an der Tür.
„Herein!“
Ein Diener trat ein: „Verzeiht, Herrin. Ich weiß, ihr wolltet nicht gestört werden, doch Prinzessin Sheena ist eben in Minas Tirith angekommen und wünscht die Königin der Waldelben zu sprechen.“
„Sie soll eintreten“, erwiderte Aiko überrascht.
„Was kann sie von dir wollen?“ fragte Pippin neugierig, doch die Frau zuckte nur mit den Schultern, um ihrer eigenen Ahnungslosigkeit Ausdruck zu verleihen.
Jetzt trat Sheena ein und verneigte sich: „Seid gegrüßt, meine Freunde. Ihr wundert euch sicher, daß ich wieder nach Minas Tirith gekommen bin“, sagte sie einfach.
„Es erstaunt uns tatsächlich sehr.“
„Nun, um das zu erklären, muß ich ein wenig weiter ausholen. Erlaubt mir, euch alles zu erzählen.“
„Setzt euch zu uns an den Tisch und beginnt eure Geschichte. Ich bin gespannt, sie zu hören“, erklärte Aiko.
Sheena folgte der Aufforderung und begann: „Es ist jetzt etwa anderthalb Jahre her, daß ich nach Süd- Gondor kam. Es war noch nicht allzu lange nach dem Ringkrieg und ich haßte die Menschen von Gondor, doch schnell begann ich zu merken, daß der einzige Unterschied zwischen den Menschen hier und bei mir zu Hause ist, daß die Gondorer gebildeter sind. Ich begann mich mit den Leuten zu befreunden und bemerkte, wie wenige sich eigentlich an meiner dunklen Hautfarbe störten, sobald sie gemerkt hatten, daß ich mich kultiviert zu benehmen weis.“
„Fürwahr, das unselige Vorurteil der barbarischen Ostlinge passt auf euch überhaupt nicht“, warf Eowyn tapfer lächelnd ein.
„Das hoffe ich doch. Aber zurück zu meiner Geschichte: Auch Rina war immer nett zu mir, aber ich konnte sie nicht leiden, warum konnte ich mir zunächst selbst nicht erklären.“
„Wie kommt es, daß ihr jetzt so gut befreundet seid?“ fragte Aiko verwundert.
„Bevor ich dazu komme, möchte ich etwas anderes erwähnen, damit alles im richtigen zeitlichen Ablauf bleibt. Nachdem ich etwa 4 oder 5 Wochen in Süd- Gondor war, kamen zwei Gäste. Es waren der Zauberer Gandalf und eine junge Frau namens Salim.“
„Gandalf und Salim“, rief Frodo erstaunt aus.
„Salim meinte schon nach kurzer Zeit, daß ich Talent zur Hexe hätte. Sie unterrichtete mich heimlich und nach ein paar Wochen machte ich die Hexenprüfung. Dann verschwand sie wieder mit Gandalf und ließ mir nur ein paar Bücher zum weiteren lernen, daher bin ich leider keine gute Hexe geworden, fürchte ich. Doch zurück zur Sache: zwei Nächte später hörte ich jemanden mitten in der Nacht an meiner Tür vorbei schleichen, da ich nicht schlafen konnte. Ich dachte an einen Dieb und ging hinterher, stellte dann jedoch fest, daß es Rina war, die sich heimlich mit einem Mann im Garten des Schlosses traf. Ich dachte natürlich zuerst an ein amouröses Treffen, Rina hat öfter welche und wollte wieder weggehen, aber dann hörte ich Worte, die mich eines Besseren belehrten. Der Mann sagte, er wäre ein Bote vom schwarzen Meisters. Er wollte wissen, ob Rina sich entschieden habe. Sie antwortete, sie wolle gern für ihn arbeiten, doch das ihr angebotene Vermögen würde ihr als Belohnung nicht langen. Der Bote lachte und fragte, wie es wäre, wenn sie in ein oder zwei Jahren Ratgeberin des Herrschers des Westens von Mittelerde und außerdem Statthalterin von Gondor werden würde. Sie wisse ja, wie die Verhältnisse nach dem Krieg sein sollten und der Meister sei von ihren Fähigkeiten so überzeugt, daß genau dies die Position sein würde, die er ihr zugedacht habe. Diejenigen, die zu Ratgebern ernannt würden, würden unermessliche Reichtümer erhalten, der Meister könne sich das dann leisten, denn alle Schätze der Elben und Zwerge würden dann ganz ihm gehören.
Rina meinte darauf, daß sich dies hören ließe und stimmte zu. Der Bote erklärte noch, Rina würde bald einen Brief mit ihrem ersten Auftrag erhalten, dann verschwand er. Daraufhin habe ich mich mit Rina angefreundet und sie seitdem scharf überwacht, da jemand, dem derartiges versprochen wird, eine wichtige Rolle spielen muß. Ich habe Gandalf über jeden ihrer Schritte benachrichtigt. Leider fürchte ich inzwischen, daß mir viel entgangen ist. Wie ihr wißt, ist sie mir vor fünf Wochen entwischt. Ich habe nach ihr gesucht, konnte sie aber nicht finden. Deshalb bin ich hierher zurück gekehrt.“
„Rina ist also eine Helferin von Modo“, meinte Aiko erschüttert.
„Das vermute ich zumindest. Der Name ihres Meisters ist nie gefallen.“
„Wer sollte es sonst sein?“ fragte Pippin vorlaut.
„Ja, es kommt eigentlich niemand anders in Betracht“, stimmte Sheena zu.
Aiko berichtete nun, unterstützt von Arne und den Hobbits, von Aragorns seltsamen Verhalten. Auch Sheena fand es beunruhigend.
„Es wäre gut, wenn Salim hier wäre. Sie kennt sich mit solchen Dingen am Besten aus. Wir sollten sie benachrichtigen.“
„Das habe ich längst getan. Leider ist sie nicht zu Hause gewesen und ich kann nicht sagen, wann sie die Nachricht erhält. Wer weiß, in welcher Gegend von Mittelerde sie sich gerade aufhält“, erklärte Aiko.
„Verflucht.“
„Ich wünschte, mein Mann wäre hier. Als Elb wüßte er vielleicht, was zu tun ist.“
„Woher sollte er das?“ meinte Arne kopfschüttelnd.
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Erst am Abend des nächsten Tages verließen Aragorn, Legolas und Gimli die Gräber. Sie wußten, daß Eile not tat, doch sie hatten nicht früher aufbrechen können, da Aragorn krank geworden war, wohl weil er so lange im Schnee gekniet hatte. Immerhin war er durch die lange Gefangenschaft mit wenig Essen und Bewegung etwas geschwächt. Husten, Schnupfen und vor allem hohes Fieber machten einen Aufbruch unmöglich. Legolas mußte den Krankenpfleger spielen, denn auch Gimli fühlte sich nicht besonders, sein Kopf dröhnte immer noch fürchterlich. Mit Kräutertees und Umschlägen für Aragorn und schneegetränkten kühlenden Tüchern für Gimli versuchte der Elb seinen Freunden Linderung zu verschaffen und hatte wenigstens teilweise Erfolg. Gimlis Kopfschmerzen nahmen so weit ab, daß er den Gang eines Pferdes ertragen konnte und Aragorns Fieber war fast auf normale Temperatur gesunken. Davon, daß es ihm wesentlich besser ging, konnte man mit gutem Gewissen allerdings nicht reden. Legolas und Gimli waren daher dafür gewesen, ein Stück weiter in die Berge zu gehen und sich dort für ein paar Tage zu verstecken, bis Aragorn richtig genesen sei, denn sie machten sich ernsthafte Sorgen um ihn, doch er wollte unbedingt aufbrechen und sie konnten den Mann nicht umstimmen, so daß sie bei Sonnenuntergang schließlich losritten. Gimli saß natürlich wieder bei seinem Freund auf dem Pferd und die beiden unterhielten sich leise.
„Sollen wir eigentlich nur nachts reiten?“ fragte der Zwerg.
„Besser ist es. Modo wird uns weiter jagen lassen. Und wir haben viel Zeit verloren“, antwortete Legolas.
„Auf jeden Fall haben wir jetzt eine Erklärung für deine Unruhe in Minas Tirith. Erinnerst du dich? Du hast vermutet, daß es an Amarylons Abreise liegt. Mich hat das gleich gewundert, daß du wegen so was derartig nervös werden solltest.“
„Du hast recht, Gimli. Ich hätte dem Gefühl freien lauf lassen sollen, dann wären mir möglicherweise schon früher Zweifel an diesem vermeintlichen Aragorn gekommen. Doch vielleicht war es sogar besser so, denn sonst wären wir nicht hier gewesen, sondern in Minas Tirith geblieben, um ihn zu überwachen.“
Gimli brummte etwas, das man als Zustimmung deuten konnte, dann schob er sich hoch, so weit es ging, um so nah wie möglich an das Ohr des Elben zu gelangen und flüsterte: „Behalt bloß Aragorn im Auge. Er sieht aus, als würde er gleich vom Pferd fallen.“
„Das habe ich gehört“, murmelte ihr Freund, der ein wenig vor ihnen ritt.
„Keine Sorge, wir heben dich wieder auf, wenn es soweit kommen sollte“, gab Legolas schmunzelnd zurück.
„Sehr witzig!“ grummelte Aragorn finster.
„Mach dir nichts draus“, meinte Gimli, „wir reiten ja nicht sonderlich schnell, da wird der Fall nicht so schmerzhaft.“
Aragorn drehte sich im Sattel um und blickte die beiden mit einem wahren Mörderblick an. Es mußte ihm wirklich sehr schlecht gehen. Seine Freunde beschlossen, ihn lieber in Ruhe zu lassen, wurden jedoch noch besorgter. Leider wies der Mensch auch die kleinste Andeutung auf Pause zurück. Da sie langsam reiten mußten, wollte er wenigstens die gesamte Nacht nutzen.
„Die Frage ist nur, ob er nächste Nacht überhaupt noch reiten kann, wenn er sich heute so übernimmt“, raunte diesmal der Elb leise Gimli zu. Auch jetzt schien der Mensch verstanden zu haben, aber diesmal sagte er nichts, sondern warf nur einen warnenden Blick zurück.
Tatsächlich ritten sie trotz der Krankheit des Königs jede Nacht durch, auch wenn dieser wohl nur durch reine Willenskraft durchhielt. So brauchten sie nur drei Tage länger nach Minas Tirith als unter normalen Umständen, inklusive des Tages, den sie in den Bergen hatten verweilen müssen vor ihrem Aufbruch. Legolas und Gimli bewunderten Aragorn dafür, ein anderer Mensch hätte sich wahrscheinlich nicht mal auf dem Pferd halten können, das war ihnen klar, auch wenn sie selbst keine Menschen waren.
Allerdings wurde eine andere Sorge immer größer: Sie fürchteten von Dienern aus der Zuflucht eingeholt zu werden, falls man sie von dort aus verfolgt hatte. Und tatsächlich, als sie eines Morgens schon die Umrisse der fernen Hauptstadt vor sich erkennen konnten, hörten sie schnelle Hufschläge auf der nahen Straße. Natürlich wurde diese öfter benutzt, aber gewöhnlich von langsamen Fuhrwerken der Bauern. Sie blickten durch die Büsche, zwischen denen sie ihr Lager aufgeschlagen hatten. Es waren fünf Menschen in schwarzer Kleidung, die die Straße entlang galoppierten, die Aragorn sofort erkannte.
„Das sind sie!“ sagte er leise. „Diener aus der Zuflucht. Wie genial, daß sie uns nur auf der Straße suchen. Anscheinend sind sie sonst fürs Polieren des Silbers zuständig. Sie dürfen aber trotzdem auf keinen Fall nach Minas Tirith gelangen. Modo braucht nicht noch mehr Helfer zu bekommen.“
„Keine Sorge. Wir kümmern uns um sie“, meinte Legolas und spannte seinen Bogen, während Gimli aus den Büschen sprang und laut rufend auf sich aufmerksam machte.
Die Reiter verhielten, wendeten ihre Pferde und blickten auf den Zwerg, der es gewagt hatte, sie anzurufen.
„Was willst du?“ rief einer von ihnen.
„Euch!“ gab Gimli zurück und stürzte sich mit seiner Axt auf einen der Diener, während ein Zweiter und ein Dritter von Legolas Pfeilen getroffen fielen. Nur Zweien gelang es, ihre Pferde schnell genug zu wenden und davon zu galoppieren, doch Legolas sprang auf sein Pferd und jagte ihnen nach.
Aragorn hatte bei dem Kampf nur zugesehen. Zwar ging es ihm inzwischen etwas besser, aber gesund war er noch nicht und so sparte er lieber seine Kräfte für später, zumal er sicher sein konnte, daß seine Freunde keine Schwierigkeiten haben würden mit den Menschen. Nachdem Legolas nun die Verfolgung aufgenommen hatte, gesellte sich Gimli zu ihm und beide warteten ohne Sorge auf den Elben der tatsächlich bald unbeschadet zurück kam.
„Na endlich, das wird aber auch Zeit“, meinte der Zwerg, als Legolas neben ihnen vom Pferd sprang.
„Für was hältst du mich, Gimli? Für den Sturmwind persönlich?“

 

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