Kapitel 19

Ein übermächtiger Gegner

Gleich nach dem Gespräch mit Sheena ging Aiko in ihr Zimmer, um einen Brief an Legolas zu schreiben. Ihre Lehrerin Suna hatte ihr eine Brieftaube zur Hochzeit geschenkt und diese hatte sie in den letzten Wochen oft zu ihrem Mann geschickt, allerdings immer nur mit privaten Nachrichten, weil sie den Luftweg für zu unsicher hielt, denn die Taube konnte vielleicht von Modos Leuten abgefangen werden. Doch da dies bisher nicht passiert war, hatte sie heute beschlossen, es zu wagen und das aufzuschreiben, was sie von Sheena erfahren hatte. Legolas mußte unbedingt wissen, daß diejenige, die er suchte, zu Modos Leuten gehörte, sonst konnte sie ihn vielleicht in eine Falle locken. Und wenn sie das schon erwähnte, konnte sie auch gleich alles andere, was in Minas Tirith vorgefallen war, mit aufschreiben. Außerdem berichtete sie über Aragorns seltsames Verhalten und ihre Meinung dazu.

Die Taube mußte nicht weit fliegen, um ihren Auftrag zu erfüllen, denn sie fand ihn unweit der Stadt. Der Elb war ziemlich erstaunt über den Inhalt und las den Brief den anderen vor. „Sie hätte uns das, was sie vor Sheenas Erklärungen wußte, vor einiger Zeit ruhig schon mal berichten können“, meinte er kopfschüttelnd.
„Ich habe Sheena von Anfang an mehr geschätzt als ihre Freundin, auch wenn beide scheinbar liebenswerte Frauen waren“, erklärte Aragorn.
Legolas meinte: „Ich weiß nicht. Rina schien so ein reizendes Geschöpf zu sein. Nie hätte ich sie verdächtigt! Ich glaube, noch nie hat es ein Mensch geschafft, einen Elben so zu täuschen.“
„Tja...“, begann Gimli schadenfroh, doch er konnte nicht aussprechen, da Legolas ihn mit der flachen Hand gegen den Hinterkopf schlug, zwar nicht doll, aber da der Kopf von seiner Verletzung immer noch ein wenig brummte, war es doch schmerzhaft.
„ELB, du hast die wohl nicht mehr alle!!! Na warte, du kannst was erleben, du...“
„Legolas, Gimli, bitte hört auf!“ fuhr Aragorn genervt dazwischen.
Der Elb nickte schuldbewußt, weil er sich wirklich daneben benommen hatte und meinte dann schnell, da der Zwerg noch mächtig zornig aussah: „Entschuldige Gimli, ich hätte das nicht tun sollen. Das war unmöglich und außerdem gemein, weil du doch immer noch Kopfschmerzen hast.“
„Ach, schon gut. So schlimm war’s nicht“, erwiderte Gimli, der nicht zugeben mochte, daß ihm etwas weh tat. „Aber gebe wenigstens zu, daß ich da einen empfindlichen Nerv getroffen habe.“
„Fang nicht schon wieder an, Gimli“, schimpfte der Mensch. „Es ist sicher nicht Unfähigkeit von Seiten Legolas, wenn er nichts gemerkt hat. Rina hat sich öfter mit den Elben aus Bruchtal unterhalten, die Herrn Elrond begleitet haben und einmal auch mit ihm selbst. Und keiner von ihnen hat etwas gemerkt. Vielleicht hatte sie wirklich Recht, daß man es einfach nicht gemerkt hat, weil so schön und anmutig war und man sich bei ihr nichts böses denken mochte.“
„Das hat sie gesagt?“ fragte der Elb betroffen. „Wenn das wirklich stimmt, dann ist das irgendwie traurig. Ich meine, es gibt doch manchen Menschen, der von der Natur benachteiligt worden ist und dennoch eine herzensgute Seele hat.“
„Ganz meine Meinung.“
„Ach, das ist doch alles Unsinn“, grummelte Gimli. „Die Frau war einfach eine perfekte Blenderin, das ist alles. Schönheit ist schließlich relativ.“
„Ja, für dich muß eine Frau einen Bart haben, um schön zu sein“, grinste Legolas.
„Hat Galadriel einen Bart?“
So blödelten sie noch eine Weile weiter rum, bis der Elb plötzlich meinte: „Sagt mal, wie wär’s, wenn ich Aiko schreibe, daß sie mit Sheena hierher kommen soll?!“
„Gute Idee.“
Der Elb holte Feder, Pergament und Tinte heraus, dann begann er zu schreiben. Seit Aiko die Taube besaß hatte er glücklicherweise immer Schreibutensilien dabei. Als er fertig war, erklärte er: „Ich habe ihnen auch gleich berichtet, daß der Aragorn in Minas Tirith in Wirklichkeit Modo ist. Ich hoffe nur, die Taube wird nicht abgefangen. Wegen Gimli und mir würden sie wahrscheinlich nichts machen, doch aus dieser Bemerkung können sie schließen, daß wir Bescheid wissen und du daher bei uns bist oder wir zumindest sagen können, wo du dich befindest.“
Jetzt band er den Zettel an das Bein der Taube und schickte sie wieder fort. Zwei Stunden später kamen Aiko, Sheena und Arne zusammen mit den drei Hobbits.
„Wir sind sie einfach nicht losgeworden“, erklärte Aiko entschuldigend.
„Das wäre auch noch schöner!“ rief Merry.
„Von wegen“, schimpfte Pippin gleichzeitig.
„Ruhe!“ murrte die Frau genervt. Im Moment hatte sie echt keine Lust auf die Albernheiten der Hobbits.
Maulend schwiegen die Hobbits und Legolas konnte jetzt ausführlich darüber berichten, was ihnen geschehen war. Der Zwerg unterstützte ihn dabei, Aragorn dagegen schien keine Lust zu haben, sich zu äußern. Vielleicht lag es auch einfach an seiner noch nicht ganz überstandenen Grippe.
Zum Schluß meinte Gimli: „In dem Brief von dir, Aiko, stand, daß Arwen fort ist?“
„Ja.“
„Aber Gimli, Aragorn hatte doch auch schon davon erzählt“, meinte der Elb mit einem unsicheren Blick auf seinen Freund. „Hatte Rina nicht davon gesprochen?“
„Ja“, erwiderte Aragorn ausdruckslos.
„Na, ist doch eigentlich sehr viel besser, als wenn die sich in der Nähe dieses Modo befände“, behauptete Merry und die anderen stimmten zu.
Der Zwerg räusperte sich und sagte: „Wie wär’s denn, wenn wir die Taube zu Herrn Elrond schicken mit einem Brief, der alles erklärt?!“
„Eine gute Idee“, erklärte Legolas eifrig, den die scheinbare Teilnahmslosigkeit Aragorns irritierte. „Möchtest du den Brief verfassen oder soll ich das für dich tun?“
„Mach du nur.“ Die Stimme des Mannes klang müde.
Die anderen betrachteten ihn besorgt.
„Du hast dich in den letzten Tagen doch übernommen“, meinte der Elb erschrocken.
„Ach, so schlimm ist es nicht. Sobald es nötig ist, werde ich wieder voll da sein. Laßt mir jetzt nur noch ein wenig Ruhe.“
Legolas sah ihn noch einen Moment zweifelnd an, nahm dann jedoch ohne ein weiteres Wort ein Blatt zur Hand. Er begann schnell zu schreiben und nur wenige Minuten später konnte er die Taube mit dem fertigen Brief los schicken.
Jetzt öffnete Aiko einen mitgebrachten Beutel und zog daraus zwei alte, abgetragene Umhänge heraus, von der Art, wie sie gewöhnlich die Bauern hier trugen. Auf die erstaunten Blicke der anderen erklärte sie: „Modo läßt nachts streng wachen, da besteht keine Möglichkeit in die Stadt zu gelangen. Doch heute ist Markttag und so viel los, daß sie die Leute kaum kontrollieren können.“
„Das ist eine gute Idee von dir. Daß wir nicht daran gedacht haben... egal. Ich staune bloß, wie du so schnell die Umhänge besorgt hast.“
„Ich habe eine Dienerin der Veste, mit der ich befreundet bin, los geschickt, damit sie sie mir besorgt. Sie hat sie Bauern auf dem Markt abgekauft, für gutes Geld natürlich. Die Herren dürften sich jetzt Pelzmäntel leisten können.“
„Das sei ihnen gegönnt“, erwiderte ihr Mann und zog einen der Umhänge an, dann ging er mit Aragorn, der den anderen nahm, zu Fuß auf die Stadt zu, die sie in der Ferne sehen konnten.
Die anderen warteten noch eine Weile, weil sie möglichst durchs Tor reiten wollten, wenn Aragorn und Legolas es passierten. Schließlich brachen auch sie auf, nachdem die beiden schon eine Weile außer Sicht waren. Gimli nahm hinter Sheena Platz auf ihrem Pferd; die Frau trug einen bauschigen Umhang, bei dem man nicht sah, daß sie nicht allein auf dem Tier saß.
Sie ritten unbehelligt durchs Tor und konnten dabei einen Blick auf die Verkleideten werfen, die tatsächlich schon kurz vor dem Tor waren. Sie hatten sich einer Gruppe Bauern aus dem Lebenin angeschlossen. Kurz bevor das Tor hinter ihnen aus ihrem Blickfeld verschwand, drehte Aiko noch mal den Kopf und sah, daß die zwei es passiert hatten. Das war schon mal gut gegangen! Sie setzten Gimli im sechsten Ring ab, bevor sie zu den Stallungen ritten und der Zwerg wartete ruhig in einer Ecke bis Sonnenuntergang.
Endlich erschienen Aragorn und Legolas.
„Wie seid ihr unbehelligt durch die ganzen Tore gekommen?“ fragte Gimli neugierig.
„Ganz einfach. Aragorn hat sich schwer auf meinen Arm gestützt und alle haben uns sofort geglaubt, daß er krank sei. Den Weg zu den Häusern der Heilung konnten sie uns nicht verwehren, wollten sie auch gar nicht. So sehr hat sich Modos Geist noch nicht durchgesetzt. Wir wurden nicht mal aufgefordert, die Kapuzen zurück zu schlagen.“
„Das wäre allerdings schlecht gewesen“, meinte der König lächelnd. „Die hätten wahrscheinlich an Gespenster geglaubt, denn wenn der König die Veste nicht verlässt und dann plötzlich durch ein Tor in Richtung Veste will, dann muß schon etwas sehr seltsames in Gange sein.“ Was er voraus gesagt hatte, war jetzt eingetroffen: Durch seine enorme Willensstärke merkte man kaum noch etwas davon, daß er krank war.
„Aber wie kommen wir jetzt in die Veste?“
Die Antwort des Königs kam ohne ein Zögern: „Ganz einfach! Gleich ist Wachablösung. Kurz danach gehen wir hin und wenn jemand fragt, dann war ich in den Häusern der Heilung.“
Er und der Elb legten die Mäntel wieder ab und kurz darauf konnten sie die Wachablösung beobachten. Kaum war der alte Wächter weg, machten sie sich auf den Weg. Der Posten war sehr erstaunt, daß die vorherige Wache ihm nichts davon mitgeteilt hatte, daß der König die Veste verlassen hatte, außerdem wunderte er sich, warum er nichts von der Rückkehr des Elben und des Zwerges gehört hatte, welche doch eigentlich einiges Aufsehen erregt haben mußte. Aber er ließ sie natürlich ohne Fragen gewähren.
„Das war wirklich einfach“, murmelte Gimli, als sie sich ein Stück entfernt hatten.
Sie gingen zum Zimmer von Aiko und fanden dort ihre Freunde versammelt. Diese warteten schon ungeduldig.
Pippin fragte sofort: „Also, was machen wir?“
„Immer mit der Ruhe. Wir müssen wohlüberlegt vorgehen“, wies ihn der König zurecht.
„Ja, und was machen wir?“
Aragorn verdrehte die Augen.
„Wie kann man einen solchen Zauber brechen?“ fragte Frodo.
„Dazu bräuchten wir erstmal eine genaue Schilderung der Vorgänge beim Zaubern“, erklärte Arne.
Aragorn hatte bisher noch keinen Bericht darüber abgegeben, da er sich nur ungern daran erinnerte, doch jetzt erzählte er in aller Ausführlichkeit.
Aiko nickte: „Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den Zauber zu brechen, aber ich fürchte, uns bleibt nur eine Einzige: Wir müssen ein weiteres Pentagram auf den Boden zeichnen und Modo hinein locken. Wenn Beide sich dann darin gegenüberstehen, erlischt der Zauber.
Gimli schnaubte aufgebracht: „Das ist dein Plan? Da könnten wir ihn gleich selbst töten. Oder was meinst du passiert, wenn die zwei sich gegenüber stehen?“
„Er wird ja nicht alleine sein. Sheena, Aiko und ich stellen uns Modo in den Weg“, versuchte Arne Aiko zu unterstützen.
„Selbst zusammen seid ihr niemals stark genug, um Modo zu besiegen“, meinte Aragorn kopfschüttelnd.
„Aber du kannst inzwischen fliehen. Übrigens werden wir noch weitere Hilfe kommen. Wir haben Suna benachrichtigt und sie muß jeden Moment kommen. Wir dachten uns schon, daß wir Hilfe brauchen könnten. Sie war meine Lehrerin, erinnert ihr euch?“
„Das wird euch nicht viel nützen“, sagte Legolas mit wachsender Unruhe. Plötzlich sprang er auf, zog seine Frau hoch und lief mit ihr aus dem Raum, nachdem er ein flüchtiges „Entschuldigt kurz“ hingeworfen hatte.
„Was soll das?“ protestierte Aiko, doch Legolas beachtete es nicht.
Er zog sie in ein leeres Zimmer in dem sie ungestört waren. „Ich will dich nicht verlieren!“
Ein sanftes Lächeln erschien auf dem bisher ärgerlichen Gesicht der Frau: „Mein lieber Schatz.“
Der Elb sah sie mit großen traurigen Augen an: „Du darfst das nicht tun.“
Aiko verkrampfte es das Herz, doch sie nahm sich zusammen und erklärte: „Früher oder später wird es auf jeden Fall zum Kampf kommen, sofern ich mich nicht Modo beuge und das werde ich niemals. Wenn wir jetzt nur Alarm schlagen und er verschwindet, dann werde ich ihm vielleicht irgendwann ganz allein gegenüberstehen. Willst du das?“
„Würde er wirklich verschwinden, wenn er hört, daß Aragorn hier ist?“
„Ziemlich sicher, denn eigentlich ist er recht feige. Mit der ganzen Wache der Veste wird er sich nicht anlegen wollen. Bitte Schatz, es ist besser, wenn ich Modo jetzt mit anderen zusammen gegenübertrete, als irgendwann alleine.“
„Ich sehe das anders, denn ich bezweifle, daß ihr Modo standhalten könnt. Es ist also eigentlich egal, ob du allein gegen ihn kämpfst oder nicht. Wenn du erst später gegen ihn antrittst, dann haben wir noch ein wenig Zeit. Wir sollten um jede zusätzliche Minute kämpfen. Bitte, Aiko, bitte!“
„Aber, Legolas. Denk nur, was er alles anstellen könnte in der Zeit. Ich könnte es mir nie vergeben, wenn ich jetzt nicht versuchte, ihn aufzuhalten.“
Legolas ließ den Kopf und die Schultern hängen: „Okay, ich werde nicht weiter versuchen, dich umzustimmen, auch wenn ich glaube, daß ihr keine Chance habt. Oh, wie kurz war die Zeit, die uns gegönnt gewesen ist.“ Er begann zu weinen.
Auch Aiko standen Tränen in den Augen. Sie zog ihn an sich und er legte seinen Kopf auf den ihrigen. Eine Weile standen sie so da, der Elb weiter weinend. Endlich meinte Aiko: „Bitte Legolas, sei stark und höre auf zu heulen. Ich ertrage das nicht.“
Ihr Mann nickte und trocknete seine Augen, doch dann meinte er plötzlich: „Vielleicht könnten wir noch bis morgen warten, dann hätten wir wenigstens noch ein paar Stunden.“
„Seid ihr auf dem Weg hierher von jemandem gesehen worden?“
„Von der Wache am Tor der Veste und einem Diener.“
„Dann ist es unmöglich noch zu warten. Die Kunde, daß du und Gimli zurück sind, wird sich schnell herum sprechen und Modo aufmerksam machen. Komm jetzt, bitte.“
Der Elb richtete sich wieder auf, atmete sich tief durch und nickte dann.

Währenddessen war Suna eingetroffen und nicht allein.
„Salim!“ Aiko fiel ihr um den Hals.
„Schön, daß du da bist. Wir können dich sehr gut brauchen!“ erklärte Arne. Zu fünft haben wir jedenfalls eine Chance gegen Modo“, fügte er noch hinzu, da ihm die leicht geröteten Augen des Elben nicht entgangen waren.
„Sicher?“ fragte Frodo skeptisch.
„Naja, zumindest können wir hoffen“, erwiderte Sheena.
Legolas sah jedoch alles andere als überzeugt aus.
„Na, dann kann’s los gehen. Was stellt ihr euch vor?“ meinte Salim schnell, um diese Diskussion zu beenden.
„Endlich!“ strahlte Pippin. „Können wir auch was tun?“
Aiko nickte: „Du und Merry, ihr könnt mir gleich mal helfen.“
„Und wie?“
„Wir brauchen ein Stück Kreide, doch Elessar alias Modo hat alle Kreide beschlagnahmen lassen. Wir haben uns natürlich ziemlich darüber gewundert, doch nun ist klar, warum dieser ‚König‘ das befohlen hat, nämlich aus Vorsicht, nachdem er nichts von den Zwillingen gehört hat. Die Kreide liegt jetzt im Zimmer eines Dieners. Ihr müßt ihn ablenken, damit ich ein Stück davon stehlen kann.“
„Alles klar“, rief Pippin begeistert.
„Kein Problem“, meinte Merry etwas ruhiger, aber sehr siegesgewiss. „Wo liegt denn das Zimmer?“ Aiko gab Auskunft, worauf der Hobbit meinte: „Prima, das paßt gut. Ich habe schon einen Plan. Wir treffen uns gleich dort.“ Die beiden verschwanden.
„Du bist sicher, daß du die zwei das machen lassen willst?“ fragte Frodo kopfschüttelnd.
„Sie können dabei ja nichts anrichten und es macht ihnen Spaß“, behauptete Aiko. „Besser wir lassen sie jetzt was tun, als das sie uns später dazwischen funken.“
„Das es ihnen Spaß macht, glaube ich. Das hat man ihnen angesehen“, meinte Suna grinsend. Dann wandte sie sich an Arne: „Willst du nicht zur Sicherheit noch einen Brief an deine Frau schreiben?“
„Ja, du hast recht“, meinte der Mann. „Wie dumm, daß sie ausgerechnet jetzt nicht hier ist.“
„Ist aber besser für Jojo, wenn sie nicht beide Eltern verliert“, murmelte der Elb leise.
Inzwischen war Aiko schon verschwunden. An der Tür des besagten Zimmers warteten bereits Merry und Pippin. Beide trugen je einen kleinen Topf mit Eßwaren drin.
„Können wir anfangen?“ fragte Merry ungeduldig.
„Moment.“ Die Frau verschwand in einer dunklen Nische.
Ganz in der Nähe des Zimmers war eine Treppe. Pippin holte kräftig aus und schleuderte seinen Topf die Stufen herunter. Das Scheppern mußte in der halben Veste zu hören sein. Dann begannen die beiden lautstark zu streiten, wer schuld an dem Unglück sei.
„Du Depp, wie kann man nur so blöd sein, den Topf einfach fallen zu lassen?“ rief Merry.
„Von wegen, war gar nicht meine Schuld! Du hast mich angestoßen!“ schrie Pippin zurück und so ging es weiter.
Aus allen umliegenden Zimmern kam man herbei gelaufen, um zu sehen, wer hier so spät am Abend solchen Lärm veranstaltete. Die meisten trugen bereits Schlafkleidung. Die Hobbits wurden tüchtig ausgeschimpft, dann zog man sich kopfschüttelnd wieder zurück. Währenddessen hatte Aiko die Kreide geholt. Merry und Pippin ließen die Töpfe stehen, beziehungsweise unter an der Treppe liegen (wobei sich Pippin noch schnell etwas Proviant aus dem oben gebliebenen Topf einsteckte) und gingen schnell mit der Frau zurück zu den anderen.
„Alles klar“, riefen sie denen stolz zu.
Legolas drückte seine Frau noch einmal an sich, dann machten sich Aragorn, Arne und die Hexen auf zu den Königsgemächern, in denen sie Modo jetzt finden würden. Legolas, Gimli und die Hobbits blieben in bangem Warten zurück.
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Modo saß in einem Sessel und laß in einem alten Zauberbuch, als er plötzlich ein Geräusch aus dem Zimmer nebenan hörte. Um diese Zeit hatten dort Diener nichts zu suchen und daher stand er auf, um nachzusehen, was los war. Aber in dem Raum befand sich niemand. „So langsam fangen meine Nerven an, mir Streiche zu spielen“, murmelte er und wollte zurück zu seinem Sessel gehen, als es an die Tür klopfte.
„Was gibt es?“ fragte er ärgerlich durch die Tür.
„Herr, ich habe einen Brief für euch. Der Bote sagt, der Herr Amarylon würde ihn schicken.“
Dann konnte es nur ein Brief von seiner Frau sein! Erfreut eilte er zur Tür und öffnete sie selbst in seiner Vorfreude, doch sofort fuhr er erschrocken zurück. Aber es war schon zu spät – die auf einmal etwas zu große Kleidung sagte ihm, daß er wieder sein wirkliches Aussehen angenommen hatte. Fassungslos schaute er zu Boden.
Direkt unter der Tür, halb im Zimmer und halb auf dem Gang, war ein Pentagram aufgezeichnet. Den kurzen Moment der Erstarrung des Magiers nutzte Aragorn, um loszulaufen. Binnen Sekunden war er um die nächste Ecke. Doch schnell fasste sich Modo wieder und wollte hinter dem Mann her, um sich an ihm zu rächen, da sprangen ihm die Magier in den Weg.
„Hallo Modo, so sieht man sich wieder“, sagte Aiko mit einem ironischen Lächeln.
Im ersten Moment war Modo erschrocken ein ganzes Stück zurück gewichen. Seine fünf Gegner kamen sofort hinterher, was sich jedoch schnell als Fehler erwies, denn Modo hatte jetzt Raum, die Tür hinter ihnen zu schließen, was er mit einer einzigen lässigen Handbewegung vollbrachte. Er hatte sich wieder völlig gefangen und die Angst, die ihn so lange gequält hatte, war plötzlich fort. Er lachte auf: „Glaubt ihr etwa, daß ihr mir etwas könnt? Da hättet ihr aber mindestens dreimal so viele Magier mitbringen müssen!“ Er hob die Hände und ein kräftiger Sturm begann in dem Zimmer zu wüten. Unheimlich starke Winde strömten von dem Mann auf seine Feinde zu. Aiko und Salim konnten gerade noch rechtzeitig gemeinsam ein Schild aus Eis erschaffen, das dem Sturm zumindest kurz standhalten würde. Suna schleuderte Feuerbälle hinter dem Schild hervor, doch diese prallten wirkungslos Modo ab. Arne versuchte es gleichzeitig ebenso ergebnislos mit ein paar Blitzen, dann schüttelte er den Kopf und rief: „Schnell, wir müssen unsere Kräfte vereinigen, nur dann haben wir eine Chance.“ Sie nahmen sich an den Händen, aber in diesem Moment zerbrach der Schutzschild und die Fünf wurden gegen die Wand geschleudert, wobei ihre Kette zerriß. Die unglaubliche Kraft des Sturms preßte sie an die Wand und sie fühlten, daß sie jeden Moment zerquetscht würden.
Aiko schloß die Augen und konzentrierte sich so gut wie möglich. Verzweifelt versuchte sie irgendeinen Zauber zustande zu bringen, um sie noch einmal kurz zu schützen, doch sie kämpfte und kämpfte und schaffte es nicht...
Und dann spürte sie plötzlich etwas anderes in sich, eine neue Kraft, die sie nie vermutet hätte. Auf einmal erfüllte sie unendliche Ruhe und die Schmerzen verschwanden, der Sturm hatte keine Bedeutung mehr. Und dann wußte Aiko auf einmal, was das war - sie war Gandalfs Tochter und sie hatte seine Macht geerbt! Es war, als würde ein helles Licht ihren Körper durchfluten, unsichtbar, doch deutlich spürbar. In diesem Moment wußte sie, was zu tun war, als sei es selbstverständlich und als hätte sie es schon hundertmal gemacht. Sie schloß die rechte Hand, was ihr jetzt nicht mehr schwer fiel, obwohl sie sich eben noch keinen Zentimeter zu rühren vermocht hatte. Dann streckte sie den Arm aus und öffnete die Hand, Modo die Handfläche entgegen gestreckt. Ein Feuerstrahl schoß daraus hervor. Der Schwarzmagier erkannte die Gefahr zu spät und er konnte nicht mehr ausweichen. Der Strahl traf ihn mit voller Wucht. Modo stieß einen gellenden Schrei aus, während er durch das Zimmer geschleudert wurde. Sofort hörte der Sturm auf und Salim, Suna, Arne und Sheena sanken fast besinnungslos zu Boden. Aiko dagegen fühlte noch immer nichts und ging schnell zu dem Schwarzmagier. Sie kniete neben dem halb verkohlten Körper nieder – kein Zweifel! Der Mann war tot.
Jetzt, wo die Gefahr vorüber war, legte sich die neue Kraft in Aikos Innerem und eine große Schwäche überkam sie. Doch sie dauerte nur Sekunden, dann sprang sie munter auf und rief: „Wir müssen Modos Helfer, die noch hier sind, unschädlich machen.“
Die Anderen kamen mühsam hoch und folgten dann mit zusammen gebissenen Zähnen der vorauseilenden Frau, aber die Zimmer waren allesamt leer; Saruman und die Diener waren geflohen.
„Wieso sind die fort?“ fragte Sheena erstaunt.
„Wahrscheinlich war irgendein Zauber in den Zimmern, die Modo bewohnt hat, der die Leute gewarnt hat, daß ihr Herr angegriffen wurde“, erklärte Arne nachdenklich. „Wenn ich mich recht erinnere war die Tür eben nur angelehnt, als wir den Raum wieder verließen, wo Modo sie doch verschlossen hatte. Ich denke, daß die Diener herbei geeilt sind, um ihrem Herrn zu helfen und dann sahen, daß es bereits zu spät war, denn der Kampf war wirklich sehr schnell vorbei, auch wenn es mir wie eine Ewigkeit vorgekommen ist und euch bestimmt auch. Inzwischen sind sie sicher längst geflohen.“
„Ja, du hast wahrscheinlich recht“, stimmte Aiko zu. „Kommt, laßt uns wieder zu den anderen gehen.“
„Ja, das sollten wir wirklich“, meinte Suna gut gelaunt „denn sonst wird es ein gewisser Elb vielleicht nicht überleben. Was ja wirklich schade bei solch einen hübschen Kerl wäre.“
Auf dem Rückweg eilte Aiko wieder den anderen voran, diesmal jedoch, weil sie es kaum erwarten konnte, zu Legolas zu kommen und ihn zu beruhigen.
Der Elb schritt unruhig auf und ab, als sie in den Raum hinein kam, wo die Freunde jetzt inklusive Aragorn warteten.
„Aiko, mellonya“, rief er laut, stürmte auf sie zu und schloß sie so stürmisch in die Arme, daß sie beide das Gleichgewicht verloren und der Elb auf seine Frau fiel. Doch er kümmerte sich weder um die entsetzten Blicke der anderen, noch darum, daß Aiko sich bei dem Sturz wahrscheinlich weh getan hatte, sondern küßte sie stürmisch.
„Ich dachte, ich würde dich nicht lebend wiedersehen.“
„Ist ja schön. daran wirst aber nicht lange Freude haben, wenn du mich dafür jetzt umbringst. Geh bloß von mir runter, du blöder Elb. Mein ganzer Rücken tut mir weh!“
„Ist es schlimm?“ fragte Legolas betrübt.
„Hauptsache.... du gehst ....... von mir ... runter.. bevor ich.... ersticke!“
Der Elb lag auf ihrer Brust und preßte sie außerdem an sich, so daß sie wirklich nicht mehr richtig Luft bekam. Der Elb konnte die Wahrheit ihrer Worte auch an ihrer stoßartigen Sprechweise erkennen und erhob sich schnell, wobei er sie mit hoch zog und fuhr dann ungerührt fort, seine Frau zu liebkosen. Lächelnd schob Aiko einen Finger zwischen ihre Gesichter und legte ihn auf seine Lippen, um sprechen zu können: „Du solltest dich wieder beruhigen Legolas. Die anderen wissen schon gar nicht mehr, wo sie hinschauen sollen.“ Tatsächlich sahen die meisten ihrer Freunde mit verlegenem Blick zu Boden (wenigstens die aus Mittelerde, denn ein solches Verhalten war hier in der Öffentlichkeit alles andere als üblich) und wirkten sehr erleichtert, als Legolas Aiko wieder frei gab.
Diese begann sich die Seite zu reiben: „Ich glaub, ich habe mir die Hüfte geprellt. Um das gut zu machen, mußt du mir aber mindestens hundert Rosen schenken.“
Die anderen mußten lachen und Aragorn meinte: „In Zukunft solltest du dich nicht mehr ganz so doll freuen, sonst ruinierst du dich noch.“
Der Elb meinte dagegen: „Na, ich hoffe doch, das Aiko nicht ständig beinahe hoffnungslose Kämpfe zu bestehen hat. Das würde ich sowieso nicht überleben, daher werde ich kaum Gelegenheit haben, mich völlig zu ruinieren.“ Er wandte sich an seine Frau: „Du bekommst alle Rosen, die ich in Minas Tirith finden kann.“
Er machte sein Versprechen wirklich war, auch wenn es ihn eine Menge kostete, da er es sehr genau nahm und ihr auch zwei Blumengemälde, eine goldene Schale und einen Spiegel, der mit Rosen verziert war (und den Aiko so scheußlich fand, daß sie ihn möglichst schnell verschwinden ließ) schenkte. Von dem Kauf eines mit Rosen bemalten Kleides und eines Schranks konnte sie ihn immerhin abhalten, aber dafür ließ er ihr einen hübschen Ring anfertigen, dessen Diamant in Rosenform geschliffen worden war.
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Es war ein paar Stunden nach dem Kampf mit Modo. Zuerst hatten sie Fürst Faramir aus der Gefangenschaft befreit und Aragorn hatte ihm erklärt, warum er im Gefängnis gelandet war. Der Fürst war denn auch viel entsetzter über die Gefangenschaft seines Königs als über seine eigene, die ja nur kurz gedauert hatte. Nun saß er mit seiner Frau, Aragorn, Legolas und Gimli mit den Magiern zusammen, um zu hören, was passiert war, nachdem der König nach der Zurückverwandlung Modos geflohen war. Aiko übernahm das Erzählen, denn auch die anderen Magier waren neugierig darauf, wie sie Modo besiegt hatte. Sie hatten kaum etwas erkennen können; der Sturm hatte ihnen ihre Sinne fast ganz genommen, doch selbst das was sie gesehen hatten, machte ihnen nur noch mehr Kopfzerbrechen. Als Aiko endlich alles berichtet hatte schwiegen alle beeindruckt.
„Vielleicht solltest du Gandalf bitten, dich ein wenig zu unterrichten“, meinte Frodo schließlich.
„Ja, das würde sich sicher lohnen“, bekräftigte Aragorn.
„Wir werden sehen“, gab die Frau zurück. „Im Moment wissen ja nicht mal genau, wo er ist. Vielleicht noch bei meiner Mutter, aber wer weiß.“
Indessen mußten sie nicht lange warten, bis diese Frage beantwortet wurde. Ein paar Tage später kehrten Elrond und seine Tochter in Begleitung des Zauberers nach Minas Tirith zurück. Aragorn war überglücklich, seine Frau wieder in die Arme schließen zu können und das Volk freute sich ausgelassen über die Rückkehr seiner Königin, was den Mann schließlich auf den Gedanken brachte, alle an seinem Glück teilhaben zu lassen. Er gab den Befehl, daß es am nächsten Tag ein großes Fest in den Straßen der Stadt geben sollte mit freiem Essen für alle, was in der Schnelle natürlich nicht einfach zu bewältigen war. Außerdem sollte der ganze Feuerwerksbestand der Stadt aufgekauft werden, um damit den Abend zu krönen. Die gesamte Stadtbevölkerung war begeistert.
Inzwischen hatte Aragorn auch alle Änderungen in der Armee und bei den Beamten wieder rückgängig gemacht und die ehemaligen Neubesetzungen aus der Stadt verbannt, da diese natürlich mit Modo zusammen gearbeitet hatten. Nun da er das alles erledigt hatte, konnte er sich ein wenig Zeit gönnen und beschloß, die nächsten Tage allein seiner Arwen zu widmen, wofür jeder in Minas Tirith vollstes Verständnis aufbrachte.
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Am Abend des selben Tages besuchte Aiko Jojo in den Häusern der Heilung, für die sie in den letzten Wochen kaum Zeit gefunden hatte. Doch sie fand die Eltern des Mädchens ziemlich aufgelöst auf dem Gang vor ihrer Tür stehend.
„Was ist los?“
„Die Heiler sind gerade bei ihr. Jojo hat schon seit einer Woche Fieber. Zuerst sah es nur wie eine harmlose fiebrige Erkältung aus, doch inzwischen schütteln sie schlimme Fieberkrämpfe. Die Heiler sind ratlos!“
Diese kamen gerade wieder aus dem Zimmer und Aiko nahm einen von ihnen zur Seite, redete kurz mit ihm und ließ dann schnell einen Boten zu Herrn Elrond schicken. Ihr war nämlich etwas sehr unangenehmes in den Sinn gekommen: Der falsche Aragorn hatte Jojo mehrmals besucht, worüber sie sich bisher noch keine großen Gedanken gemacht hatten, da sie annahmen, daß er das nur gemacht hatte, weil er von Rina oder ihrem Bruder von den häufigen Besuchen bei dem Mädchen gehört hatte und seine Rolle möglichst gut spielen wollte, doch nun kamen Aiko Zweifel. Der Schwarzmagier konnte seine Besuche gut dazu genutzt haben, ihr ein schleichendes Gift zu verabreichen, auch wenn die Frau sich dafür keinen Grund denken konnte. Aber vielleicht war allein die Tatsache, daß sie eine weiße Hexe war schon ein ausreichender Grund. Schließlich könnte sie irgendwann mal seine Gegnerin sein.
Der Elb kam glücklicherweise auf Aikos Bitte hin in die Häuser. Die Eltern wollten in Dankesreden ausbrechen, doch Elrond wiegelte kurz ab und verschwand in dem Zimmer des Mädchens. Bald kam er wieder heraus. „Es war wirklich Gift und zwar ein sehr seltenes. Ich möchte mal wissen, wo dieser Schwarzmagier all diese Gifte her hatte. Glücklicherweise bin ich rechtzeitig gerufen worden und kann sie heilen. Aber sie wird lange in diesen Häusern liegen müssen, bevor sie wieder gesund ist. Wahrscheinlich den gesamten Winter und vielleicht auch den Frühling.“
„Oh weh, so lange?“ fragte Arne erschrocken. Er und seine Frau arbeiteten beide und hatten für die Reise nach Mittelerde unbezahlten Urlaub genommen, den sie natürlich nicht unbegrenzt ausdehnen konnten, was bedeutete, daß sie ihre Tochter hier alleine lassen mußten. Aragorn, der gerade kam, versprach ihnen, sich gut um ihre Tochter zu kümmern, dennoch war es für sie ein bitterer Gedanke.
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Das Fest war einfach großartig. Alle, ob Adlige oder Diener hatten sich in den Straßen zusammen gefunden und feierte gemeinsam. Nur zwei fehlten am frühen Nachmittag seit kurz nach dem Mittagsmahl. Es waren Gandalf und Aiko, die sich eine ruhige Ecke gesucht hatten, weil die junge Frau dringend mit dem Zauberer reden wollte. Gestern hatte sie ihn nicht erwischen können und bis morgen wollte sie nicht warten. Gandalf hatte nichts dagegen, die lauten Festivitäten einen Moment zu verlassen. Zuerst erzählte Aiko ihm noch einmal genau, was passiert war.
Der Zauberer lächelte: „Das war wirklich gut. Es erstaunt mich nur ein wenig, daß du deine Kräfte als erstes entdeckst, wo Salim mich doch schon viel länger kennt und weiß, daß ich ihr Vater bin.“
„Vielleicht hat sie es nie versucht.“
„Wahrscheinlich.“
„Ich habe im Moment etwas, das mir mehr Sorgen macht: Lena!“
„Ja, deine Tante ist noch frei, doch ich denke nicht, daß sie uns gefährlich werden kann. Sobald ihr das Geld ausgeht, werden alle Diener sie verlassen und was soll sie ganz alleine ausrichten?“
„Aber sie hat doch sicher den Stern, oder?“
„Nein, wir haben ihn in einer Schatulle auf dem Schreibtisch Modos gefunden. Er hatte ihn unvorsichtiger weise hier behalten. Du siehst, damit kann sie nichts anrichten.“
Der Zauberer ahnte nicht, daß das Schmuckstück in dem Kästchen zwar ein perfektes, doch völlig wertloses Duplikat des Sterns war. Modo hatte es vorsichtshalber anfertigen lassen, um seine Frau zu schützen, da man den Irrtum erst nach einiger Zeit bemerken würde, denn Jojo lag ja vergiftet in den Häusern der Heilung. Natürlich wäre es übel gewesen, wenn das Mädchen gestorben wäre, denn dann hätte ihr Vater das Armband wieder an sich genommen und einen neuen Hüter gesucht, der den Betrug bald entdeckt hätte, doch er vertraute auf das Können der Heiler und wenn Jojo gerettet wurde, dann würde sie, wie Herr Elrond auch schon festgestellt hatte, lange krank sein und niemand versuchen, den Stern zu gebrauchen. Und solange man Lena nicht im Besitz eines Sterns wähnte, würde man sie nicht so scharf jagen lassen, hatte Modo gehofft, denn ohne den Stern war sie nicht wirklich eine Gefahr. Diese Kalkulationen von ihm erwiesen sich nun als völlig richtig.
Gandalf erklärte Aiko nämlich: „Lena hat ohne Stern keine Macht mehr und außerdem wird sie der Tod ihres über alles geliebten Mannes völlig niederschmettern. Es besteht daher keine Notwendigkeit, sich weiter Gedanken über sie zu machen.“
„Ich hoffe, du hast Recht. Lena sollte man nicht unterschätzen.“
„Mach dir keine Sorgen, Aiko.“
Aber Aiko machte sich Sorgen. Sie konnte sich nicht sagen, warum, doch sie war felsenfest davon überzeugt, daß Lena noch mal in ihrem Leben auftauchen würde.
Gandalf ahnte, daß Aiko auf seinen Rat nicht wirklich hörte und meinte: „Denk lieber an schönere Dinge. Wir haben heute den ersten Advent. Hast du daran gedacht?“
Nein, das habe ich völlig vergessen“, gestand sie. „Was meinst du, soll ich Weihnachten zu meiner Mutter fahren, oder soll ich sie zu uns einladen?“
„Ich seh schon, du wirst früher oder später bei den Elben Ithiliens das Weihnachtsfest einführen“, grinste der Zauberer amüsiert.
„Und wenn? Wäre das so schlimm?“
„Nein, nein“, erklärte er jetzt lachend. „Aber komm, wir sollten lieber wieder zu dem Fest gehen, bevor nach uns noch ein Suchtrupp ausgeschickt wird. Hoffentlich haben sie uns den Wein noch nicht ganz weg getrunken. Bei so vielen Leuten muß man damit rechnen.“
Jetzt mußte Aiko über den Zauberer lachen. „Mir wäre es eigentlich lieber, wenn der Wein schon aus wäre. Heute Abend liegen sonst wahrscheinlich die Straßen voller Betrunkener.“
So unrecht hatte sie mit dieser Vorhersage nicht, denn es gab tatsächlich hunderte Betrunkene, die in dieser Nacht das Straßenpflaster als Bett benutzten und am nächsten Tag lag das Leben in der Stadt fast völlig brach.
Aiko, Legolas und Gimli waren fast die einzigen Lebewesen, die man auf der Straße sehen konnte. Legolas wollte endlich wieder zu seinen Waldelben zurück. Heute Morgen beim Frühstück hatte er behauptet, bald ein Mensch zu werden, wenn er noch lange hier bliebe. Aiko hatte sich amüsiert bereit erklärt, nach Hause zu gehen. Auch sie vermisste die Elben und ihr hübsches kleines Haus mit seinem wunderbaren Garten. Gimli hatte sofort erklärt, er wolle sie begleiten, denn er hatte Legolas neues Heim noch nicht gesehen. Außerdem war er neugierig wegen dem Fest, das Aiko in ein paar Wochen feiern wollte und beschloß daher, ein wenig bei seinen Freunden zu bleiben.
„Du bist natürlich willkommen“, hatte Legolas erklärt, „aber du kannst dich gleich darauf gefaßt machen, daß es in unserem Haus kein Gästezimmer gibt. Für Gäste gibt es mehrere Baumhäuser.“
„Baumhäuser??? Ihr habt sie wohl nicht mehr alle! An mich hast du wohl gar nicht gedacht?“ Der Zwerg war kurz davor in Minas Tirith zu bleiben.
„Ach, jetzt hab dich nicht so“, meinte daraufhin sein Freund. „Die Häuser sind über hölzerne Leitern bequem zu erreichen. Das solltest sogar du schaffen. Zwerge klettern in ihren Bergwerken doch ständig auf irgendwelchen Leitern herum.“
„Du meinst, ich will nicht kommen, weil ich keine Leitern hinauf klettern kann?“ Diesen Vorwurf konnte Gimli auf keinen Fall auf sich sitzen lassen und so machten sie sich zwei Stunden später zu dritt auf den Weg.

 

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