Kapitel 2

Das Fest

Gegen Abend traf Legolas in der Burg des Fürsten Faramirs ein. Zu seinem Erstaunen fand er jedoch anstatt seiner Frau und dem Freund eine Gruppe Fremder vor. Arwen und Eowyn begrüßten ihn und erklärten ihm dann, daß Aiko und Aragorn mit mehreren Soldaten aufgebrochen waren, um die Spuren dieses seltsamen Mädchens, das der König gefunden hatte, zu verfolgen. Gerade in diesem Moment kamen die Genannten in den Hof geritten.
„Ein voller Mißerfolg, wie befürchtet“, berichtete der König kurz seiner Frau Arwen, dann begrüßte er seinen alten Freund.
Während der Abwesenheit der beiden war das Fest vorbereitet worden, das Aragorn zur Wiedergutmachung für seine Gäste geben lassen wollte. Diesem war die Sache sehr wichtig, denn er hatte sich mit Rinas Vater Fürst Dameros während des Krieges um Süd- Gondor angefreundet und er schätzte ihn sehr. Daher ging er gleich nach seiner Ankunft, um sich zu erkundigen, wie weit man inzwischen war und Aiko übernahm es allein, ihren Mann aufzuklären.
„Gehen wir doch einmal zu dem Mädchen“, meinte Legolas teilnahmsvoll.
Aiko war einverstanden, denn auch sie wollte das Mädchen gern einmal sehen. Vielleicht kannte sie sie ja doch und nur der Name war nicht richtig. Wenn man ihr das Gedächtnis nehmen konnte, dann konnte man ihr auch sicherlich falsche Erinnerungen einpflanzen. So etwas ähnliches hatten sie schon erlebt, Aragorn war durch einen Vetter aus Minas Tirith fort und sie und Legolas von einem anderen Waldläufer nach Anuminas gelockt worden.
Die Frau hatte sich das Zimmer gemerkt, in dem Jojo lag, da sie ja am Morgen dorthin geführt worden war, daher brauchten sie niemand fragen.
„Hier ist es“, rief sie und klopfte an. Keine Antwort. Sie versuchte es noch mal, diesmal etwas lauter.
„Vielleicht haben sie ihr ein Schlafmittel gegeben“, vermutete der Elb.
„Ich seh mal nach“, erklärte seine Frau und öffnete leise die Tür, um ins Zimmer zu schleichen. Nur eine halbe Minute später kam sie wieder raus: „Hier ist niemand.“
„Vielleicht haben sie ihr ein anderes Zimmer gegeben?!“
„Glaub ich nicht. Das Bett ist benutzt und noch warm. Sie kann noch nicht lange fort sein. Aber laß uns Aragorn fragen, er muß es wissen, falls Jojo doch ein neues Zimmer bekommen hat.“
Der König jedoch wußte nichts von einem anderen Raum und eine genauere Nachfrage bei den zuständigen Dienern ergab, daß Johanna sich eigenmächtig aus dem Zimmer entfernt haben mußte. Man ließ sie sofort suchen. Aiko und Legolas beteiligten sich daran und liefen eiligst durch die Gänge. Doch schon nach wenigen Minuten hörten sie eine lauten Ruf: „Hier ist sie!“ Sie folgten der Stimme und sahen das Mädchen mitten in einem Gang auf dem Boden liegen. Eine Traube Menschen hatte sich um sie gebildet. Auch Aragorn kam heran.
Er schüttelte den Kopf: „Ich staune, daß sie überhaupt aufstehen konnte und dann schleppt sie sich noch durch die halbe Burg. Wie merkwürdig!“
Sie brachten die junge Frau zurück ins Bett und stellten diesmal eine Wache vor die Zimmertür.
„Vielleicht ist sie einfach eine Schlafwandlerin“, meinte Aiko.
Aragorn sah nicht sehr überzeugt aus, erklärte jedoch: „Belassen wir es fürs erste dabei. Wir haben jetzt keine Zeit, weiter darüber nachzudenken. Ich beleidige unsere Gäste aus Harad und Süd- Gondor geradezu mit meinem Benehmen. Ihr kommt doch mit zum Fest?“
„Natürlich.“
Ein wenig später saßen die drei nach dem offiziellen Teil der Feier mit Prinzessin Sheena zusammen und unterhielten sich. Legolas staunte nicht wenig über die Frau. Die Elben stellten sich die Menschen aus dem Osten gewöhnlich als roh und ungebildet vor, doch Sheena bewies, daß diese Vorurteile nicht immer der Wahrheit entsprachen. Sie konnte charmant und intelligent mit ihm diskutieren und beeindruckte damit alle, die zuhörten. Besonders Aiko amüsierte sich darüber, wie die Frau immer wieder eine neue Antwort auf Legolas Argumente fand. Elben waren es gewohnt, bei Wortgefechten immer zu gewinnen.
Sheena ihrerseits war sehr beeindruckt von Legolas. Die Königin hatte sie bisher nur gesehen und nicht gesprochen, doch der Elb bewies ihr jetzt, daß diese Wesen nicht die fürchterlichen Monster waren, als die man sie sich in ihrer Heimat vorstellte.
Von Rina war nicht viel zu sehen, sie war von einer Schar Männer umschwärmt, die fleißig um ihre Gunst warben. Rina hatte das Talent, ihre Schönheit auf die reizvollste Weise zu unterstreichen durch ihre Kleidung, Gesten und geschmeidigen Bewegungen. Leider plapperte sie in einem fort, was Aragorn ziemlich nervte, so daß er sich möglichst fernhielt, ihre Verehrer aber gar nicht zu bemerken schienen. Erst spät am Abend, als bereits die meisten gegangen waren, beschloß er, ein kurzes Gespräch mit ihr zu führen, immerhin war ihr Vater nicht nur ein Fürst von Gondor sondern auch ein Freund von ihm. Es war einfach eine Frage der Höflichkeit, außerdem mochte er Rina auch nicht zurücksetzen, sie war schon eine reizendes Geschöpf. Die Verehrer hatten bis auf einer aufgegeben, stattdessen saßen jetzt Sheena und Eowyn bei ihr.
Letztere fragte gerade: „Sagt Rina, wie kommt es eigentlich, daß ihr den Titel ‚Fürstin‘ tragt, wo ihr doch die jüngste Tochter eures Vaters seid?“
„Nun, wie ihr vielleicht schon gehört habt, ist mein Vater seit Jahren Witwer und er will auf keinen Fall erneut heiraten. Meine Schwestern waren alle schon verheiratet, also wurde ich Fürstin, auch wenn meine älteste Schwester einen Anspruch darauf erhebt. Aber eigentlich weiß ich nicht, was das soll, denn mit dem Titel verbinden sich schließlich weder Ansprüche noch Pflichten. Beim Titel ‚Fürst‘ wäre das etwas anderes.“
Sie lachte hell auf und Aragorn wendete sich kopfschüttelnd wieder ab. Konnte diese Frau eigentlich von etwas anderem reden als von sich selbst? Ein einfaches ‚meine Schwestern waren alle schon verheiratet, als mein Vater Fürst wurde‘, hätte auch gereicht.
Er verabschiedete sich jetzt von denen, die noch da waren und ging fort in die Richtung seiner Gemächer, in die Arwen sich bereits zurückgezogen hatte, stellte jedoch zu seinem Erstaunen fest, daß Rina ihm gefolgt war.
„Wünscht ihr noch etwas, Herrin?“
„Ich wollte nur kurz mit euch reden“, flötete die Fürstin mit einem strahlenden Lächeln und trat nahe an ihn heran.
Der König musterte sie erstaunt. Meinte sie damit das, was er vermutete? Wenn ja, dann war es einer Fürstin von Gondor absolut unwürdig. Rina strich über sein Haar und dabei beugte sie sich vor, als wolle sie ihn küssen. Schnell schob Aragorn ihre Hand fort und wich zurück.
„Ich bin verheiratet!“ sagte er empört.
„Und ihr seid ein treuer Mann, ja?“ fragte Rina schelmisch.
„Ja“, betonte der König und sah sie streng an, um ihr klar zu machen, daß sie es ja nicht weiter zu versuchen brauchte. Dabei konnte er ein Lächeln jedoch nur mühsam unterdrücken, die Fröhlichkeit der Frau wirkte ansteckend. Er war ihr auch nicht wirklich böse, er mochte Rina gern, auch wenn ihre Reize ihn völlig kalt ließen. Dafür liebte er seine Frau viel zu sehr. Allerdings fragte er sich einen Moment amüsiert, wie diese Geschichte ausgegangen wäre, wenn es Arwen nicht gäbe. Dann wäre er dem Charme der Fürstin sicher erlegen.
Wenigstens verstand Rina sofort, was Aragorn ihr sagen wollte. Sie verbarg ihre Enttäuschung und meinte mit einer Verbeugung: „Dann tut es mir leid, euch gestört zu haben.“ Sie wandte sich um, um zu gehen, doch plötzlich hielt sie noch einmal inne: „Ihr könnt eurer Frau sagen, daß sie sehr viel Glück hat.“
Nun mußte der Mann doch lachen: „Das Kompliment akzeptiere ich und danke euch dafür. Ihr dürft die Abweisung nicht zu tragisch nehmen, ihr seid eine bezaubernde Frau, doch für mich gibt es allein meine geliebte Gattin.“
Die Fürstin nickte.
„Kommst du, Rina?“ ertönte es da. Sheena stand nur ein kurzes Stück von den beiden entfernt.
„Ich war gerade dabei, zu gehen.“
Sobald die beiden außer Hörweite waren, begann die Prinzessin zu schimpfen: „Rina, wieso muß es ausgerechnet der König sein?“
„Warum nicht der König?“ gab die Fürstin mit gut gespielter Unschuld zurück.
„Oh, du und deine Männergeschichten! Eines Tages wirst du noch mal riesigen Ärger bekommen.“
„Aber König Elessar sieht verdammt gut aus. Ich konnte einfach nicht widerstehen.“
„Und er hat kein Interesse an dir.“
Rina wurde auf einmal ungewöhnlich ernst: „Du hast recht. Er liebt seine Frau wirklich und beachtetet mich deshalb nicht. Schade, daß er schon verheiratet ist. Den würde ich auch nehmen.“
„Du und heiraten???“ fragte Sheena, wobei ihr vor Erstaunen der Mund offen stehen blieb.
„Ja, das würde ich und wenn er nur ein ganz einfacher Bauer wäre. Bei unserer ersten Begegnung habe ich ihn übrigens auch dafür gehalten.“
„Wirklich?“
„Ja, lach nur über mich, das geschieht mir recht. Ich hätte gleich wissen sollen, daß er dafür viel zu edel aussieht. Aber ein einfacher Bauer hätte mir, der schönen Fürstin doch nie widerstehen können.“
„Oh Rina, ich glaube, du hast dich verliebt. Jetzt wirst du endlich einmal erfahren, was deine abgewiesenen Verehrer erleiden.“
„Wie mißgünstig du sein kannst. Ich kann doch nichts dafür, daß sich ständig Männer in mich verlieben.“
„Ach nein?“ fragte die Prinzessin spöttisch.
„Wirklich nicht. Im Übrigen mußt du dir um mich keine Sorgen machen. Ich komme schon über den König hinweg.“
„Das glaube ich dir aufs Wort.“
„Sieh mal, da kommt der junge Mann, der mir bis zuletzt den Hof gemacht hat. Irgendwie ist er ja ganz niedlich.“
„Niedlich? Paß bloß auf, daß er das nicht hört. Für ihn ist das sicher eine Beleidigung.“
„Die Männer sollen sich nicht so anstellen.“
„Und du solltest dich etwas mehr um die Gefühle anderer kümmern.“
Rina seufzte: „Du bist unmöglich, Sheena. Eigentlich wollte ich mich ein wenig mit dem jungen Mann trösten, doch du hast mir die Lust dazu völlig genommen. Pech für ihn.“
Sheena sah das anders. Die Männer hier glaubten, daß Frauen, die sich ihnen hingaben, sie heiraten wollten, doch Rina verließ ihre Liebhaber gewöhnlich nach wenigen Nächten. In ihren Augen hatte der junge Mann großes Glück, daß Rina ihn in Ruhe ließ. Und ein Glück für sie selbst, denn sie mußte gewöhnlich die Enttäuschten trösten.
Rina schien zu ahnen, was sie dachte, denn sie meinte verschmitzt: „In Ordnung, meine liebe Freundin, ich verspreche dir, daß ich mich in Zukunft zusammen reißen werde. Ich weiß zwar nicht, warum du so darunter leidest, aber ich will schließlich niemandem weh tun.“
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Anstatt sich schlafen zu legen, beschloß Aragorn, sich noch mal zu Aiko und Legolas zu begeben, da ihm ein Gedanke nicht mehr aus dem Kopf ging.
„Wißt ihr, wir sollten uns zur Sicherheit überzeugen, daß Salim ihren Stern noch hat.“
„Von zu Hause kann ich mit ihr kommunizieren. Das heißt allerdings nur, wenn sie auch zu Hause ist.“
„Wo lebt sie eigentlich?“
„In Thal. Dort ist sie bei ihren Pflegeeltern aufgewachsen und sie liebt diese Stadt. Früher war sie natürlich sehr viel unterwegs, doch seit wir Modo den Stern wieder abgenommen haben, ist sie öfter zu Hause. Die Chancen, sie zu erwischen, stehen also gut.“
„Dann wäre es am besten, wenn wir jetzt gleich aufbrechen.“
Sie verließen die Burg, um zu den Behausungen der Elben zu reiten. Zur selben Zeit fand Arwen auf ihrem Kopfkissen mehrere Pralinen und daneben einen Zettel: ‚Für unsere holde Königin‘. Arwen mußte lächeln. Solche Geschenke bekam sie öfter von irgendwelchen Bediensteten. Die Pralinen schmeckten einfach herrlich.

 

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