Kapitel 20

Turbulente Weihnachten

„Sind wir bald da?“ brummte Gimli ärgerlich, als es langsam zu dunkeln begann.
„Bist du müde?“ gab Legolas sofort zurück.
„Ich müde??? Spinnst du? So was, als ob ich...“ Bei den letzten Worten wurde der Zwerg immer leiser und schließlich war er gar nicht mehr zu verstehen, sondern brummelte nur noch schlecht gelaunt in seinen Bart.
Aiko erbarmte sich: „Nur noch ein paar Minuten, Gimli. Sieh nur, dort sind die Baumhäuser der Elben.“
Sie deutete nach rechts, wo nur ein wenig entfernt von der Straße viele Häuser in den Baumkronen zu sehen waren. Gesang und Gelächter waren zu hören.
„Wird aber auch Zeit... Ich habe nämlich einen Bärenhunger“, meinte der Zwerg schnell, bevor sein Freund wieder eine Bemerkung machen konnte. Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen. „Wo ist denn der Weg geblieben?“ fragte er perplex und starrte auf die Wiese direkt vor sich. Verwirrt blickte er ein paar Meter zurück, wo ein kleiner Pfad abzweigte. „Sind wir zu weit gegangen?“
„Nein, nein, das dahinten ist nur der Weg zu der Weide. In unserem Garten gibt es keine Wege. Komm nur, Gimli, wir sind da.“
Aiko und Legolas schritten weiter auf die Wiese und der Zwerg folgte ihnen, wobei er kopfschüttelnd meinte: „Ihr spinnt ja total! Keine Wege, so was blödes!“ Er hatte ziemlich zu kämpfen in dem hohen Schnee.
Sie gingen zwischen den Blumenbeeten hindurch zu dem weißen Häuschen. Immerhin besserte sich Gimlis Laune jetzt ein wenig, besonders als ein Elb heraus kam und erklärte, man habe bereits etwas zu essen aufgetragen.
„Alle Achtung, das war aber schnelle Arbeit. Elben können zwar weit sehen, aber...“
„Du hast wohl vergessen, daß wir unsere Pferde voraus geschickt haben, um zu Fuß zu gehen?!“
„Stimmt. War eigentlich eine blöde Idee bei dem Schnee. Ich könnte einen Becher heißen Wein vertragen.“
„Keine Sorge“, erwiderte der Elb, der sie begrüßt hatte, lachend, „es gibt heißen Wein und auch Kakao.“
„Was ist das Kako?“
„Das habe ich von zu Hause mitgebracht“, erklärte Aiko. „Du mußt es mal probieren, es schmeckt wirklich gut.“
Kurz darauf speisten die drei ganz ausgezeichnet.
„Euer Koch ist wirklich hervorragend“, erklärte Gimli gönnerhaft, durch seinen vollen Magen besänftigt.
„Ich werd’s ihm ausrichten“, erklärte Aiko.
Nach dem Essen kamen viele Elben in den Garten, um ihr Königspaar zu begrüßen. Es gab ein lustiges Fest, während es wieder zu schneien begann. Die Kälte machte dabei keinem etwas aus, denn es gab Glühwein in Menge, nur Aiko hielt sich damit zurück, denn sie wollte sich nicht betrinken. Elben und Zwerge vertrugen ja vielmehr als Menschen.
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Die vier Helfer, die bei Modo in Minas Tirith gewesen waren, waren tatsächlich auf die Weise geflohen, wie Arne vermutet hatte. Bis zur Grenze hielten sie einträchtig zusammen, doch dann brach Streit aus. Saruman wollte sich in Düsterwald verstecken, da er glaubte, daß Lenas Versteck bald gefunden würde. Doch die Diener wollte er gerne bei sich behalten und versuchte, sie zu überzeugen, bei ihm zu bleiben.
Die Diener waren aber als zumindest ein wenig magisch begabte Menschen immun gegen seine Stimme.
„Wir müssen zu unserer Herrin zurück und ihr berichten, was passiert ist“, sagte einer von ihnen.
„Und wer bezahlt euch?“ fragte Saruman gehässig. „Modo ist tot und von dieser Lena nicht viel zu erwarten.“
„Wir müssen zumindest die Nachricht zu unserer Herrin bringen.“
„Na gut, wenn ihr euch durch Rohan oder das Nebelgebirge nach Eriador schleichen wollt in der Gefahr, daß sie euch erwischen, dann müssen wir uns jetzt trennen.“
Dies geschah. Die drei Diener eilten nach Eriador, um Lenas Versteck zu erreichen. Diese brach bei der Nachricht völlig zusammen. Nach langen Tagen völliger Teilnahmslosigkeit schickte sie alle Diener fort. Ihr Geld verteilte sie unter ihnen, dann machte sie sich auf und wanderte allein durch Mittelerde, ohne Ziel und als wäre sie betäubt. Doch tief in ihrem Inneren gärte Haß und der Wunsch nach Rache wuchs schnell, um bald hervor zu brechen.
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Währenddessen wußten die drei magischen Diener, die Modo und Lena am meisten verbunden gewesen waren, nicht, was sie mit sich anfangen sollten. Sie konnten sich nicht vorstellen, etwas anderes zu tun, als diesen beiden zu dienen.
„Wir müssen uns an Aiko rächen oder es zumindest versuchen“, sagte einer von ihnen.
Die anderen stimmten zu.
„Aber wie stellen wir das an?“
„Ja, das wird nicht einfach. Wir sollten nach Ithilien gehen und schauen, was wir ausrichten können.“
Man nahm den Vorschlag an, auch wenn ihnen wegen den Elben nicht ganz wohl war.
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Es war der vierte Advent und bald würde Weihnachten sein. Corinna hatte Urlaub genommen und war erst gestern von ihrer Tochter hierher geholt worden. Gerade waren sie dabei, Kekse zu backen, egal was die Elben dazu sagten. Aber die regten sich sowieso kaum darüber auf, denn sie hatten sich inzwischen daran gewöhnt, daß ihre Königin anders war als andere Königinnen.
„Kommt Salim eigentlich?“ fragte ihre Mutter, während sie ein Blech Plätzchen in den Ofen schob.
„Ja und Jojo habe ich auch eingeladen. Aber ich weiß nicht, ob sie kommen kann, sie ist noch so schwach. Mehr als ein paar Tage kann sie die Häuser der Heilung auf keinen Fall verlassen. Sie kann einem wirklich leid tun. Was sie alles durchgemacht hat!“
„Was ist denn mit ihren Eltern?“
„Du hast recht. Ich sollte mal hin und sie fragen, ob sie herkommen wollen. Zu blöd, daß ich daran nicht gedacht habe, als ich dich holte.“
„Ich hätte noch viel eher daran denken sollen, sie sind schließlich alte Freunde von mir. Weißt du was, leih mir einfach den Stern und ich gehe morgen zu ihnen.“
„Oh oh“, grinste Aiko, „eigentlich darf ich den Stern nicht an andere Hände geben, das solltest du doch wissen.“
„Meinst du, ich stell was damit an?“ erwiderte ihre Mutter genauso amüsiert.
„Ach was. Mir ist es doch egal. Aber der Verwandtschaft vielleicht nicht.“
„Ach, es wird schon keiner meckern, sofern es deine Großmutter nicht erfährt.“
„Ich werd’s ihr bestimmt nicht verraten. Aber vielleicht gehst du besser erst am dreiundzwanzigsten Dezember, denn sie arbeiten doch beide. Ich erwarte euch dann am heiligen Abend. Ich hoffe, die beiden können kommen.“
„Hast recht“, erklärte Corinna und steckte sich schnell etwas Teig in den Mund, während Aiko den Ofen geöffnet hatte und nach den Plätzchen schaute.
Trotzdem hatte sie etwas mitbekommen, denn sie meinte vorwurfsvoll: „He, du naschst!“
Ihre Mutter mußte lachen: „Macht doch nichts. Wir haben sowieso viel zu viel Teig. Die ganzen Plätzchen werden wir nie aufessen können.“
„Oh, wir haben hier doch genug Elben, die uns zur Not helfen können.“
Plötzlich klirrte es laut und Glassplitter regneten durch die Küche und ein dunkler Gegenstand verfehlte Aiko nur knapp. Aiko und ihre Mutter rissen erschrocken die Arme hoch, um ihre Gesichter zu schützen.
„Da hat jemand einen Stein durchs Fenster geworfen!“ rief die junge Frau fassungslos.
Corinna lief erschrocken zu ihr: „Bist du verletzt, Aiko?“
„Nicht mehr als du. Kleine Schnitte von den Glasscherben, aber glücklicherweise nichts ernstes.“
„Aber du wärest fast getroffen worden. Das hätte übel ausgehen können. Ob man dich wirklich treffen wollte? Oder was es nur Zufall?“
„Ich denke, eher das zweite. Aber wir sollten nachsehen. Er muß erst die Treppe hinunter und dann in den Wald. Vielleicht haben wir Glück und derjenige ist noch nicht im Wald verschwunden.“
Sie rannten hinaus. An der Rückseite des Hauses lief eine Treppe direkt zur Küche im ersten Stock, damit die Diener nicht immer durch die Vorhalle in die Küche laufen mußten. Ein Fenster blickte direkt auf diese Treppe und durch dieses hatte der Übeltäter den Stein geworfen. Jetzt war nichts mehr von ihm zu sehen. Er mußte schnell reagiert und die kurze Erstarrung der Frauen ausgenutzt haben, um zu verschwinden. Auf der Rückseite des Hauses war der Garten leider nicht so breit wie auf der anderen Seite und derjenige hatte nach der Treppe keine zwanzig Meter zurücklegen müssen.
„Vielleicht ein Kind. Es ist nur eine halbe Stunde bis zum nächsten Dorf“, sagte Aiko unsicher, während sie von ihrem erhöhten Platz mit den Augen den nahen Waldrand absuchte.
„Die wagen es, den Elben Streiche zu spielen?“
„Bisher noch nicht, aber irgendwann ist immer das erste mal. Kinder sind doch oft leichtsinnig und denken nicht über die Folgen ihrer Taten nach.“
Elben kamen heran gelaufen, weil sie den Krach gehört hatten. Die beiden Frauen stiegen zu ihnen die Treppe hinab.
„Ist euch etwas passiert?“ rief einer der Elben entsetzt.
„Nein, nein, keine Sorge. Aber seht zu, ob ihr den Übeltäter erwischt. Falls es ein Kind war, dann schimpft es tüchtig aus und laßt es dann laufen. Ein Erwachsener soll uns zumindest den Schaden ersetzen.“
Ein paar der Elben machten sich auf die Suche nach den Übeltätern, die anderen begannen, die Küche aufzuräumen. Aiko wollte helfen, doch das ließen sie nicht zu. Also beschlossen sie und ihre Mutter, ein wenig spazieren zu gehen. Plätzchen backen war sowieso erstmal gelaufen, denn den restlichen Teig konnten sie natürlich nicht mehr verwenden und die Eier waren ausgegangen, weswegen sie gezwungen waren, bis morgen zu warten, um weitermachen zu können.
Im winterlichen Wald trafen sie auf Gimli.
„Nanu, ein Zwerg, der im Wald spazieren geht?!“
„Was soll ich denn machen? Hier gibt’s ja nichts anderes. Aber ab und zu gehe ich auch mal ganz gerne unter den Bäumen spazieren, weil mich das ein wenig an Lorien und die Frau Galadriel erinnert... Wohlgemerkt ab und zu!“ fügte er noch schnell hinzu.
Zu dritt spazierten sie weiter. Es war ein kalter aber klarer Tag und die Sonne schien, daher wanderten sie eine ganze Strecke fort. So kamen sie in die Nähe des Gebirges Ithiliens Emyn Armen.
„Wir sollten umkehren“, erklärte Aiko schließlich. „Wir werden kaum bis zur Dunkelheit zurück sein.“
Gimli drehte sich gerade zu ihr, um zuzustimmen, da sah er, wie sich auf dem kleinen Abhang neben ihnen ein Fels löste. Er rutschte hinab, Schnee und andere Steine mit sich reißend.“
„PASS AUF!“ schrie er und riß Aiko fort. Gerade noch rechtzeitig!
„Man, das war knapp“, meinte Corinna, die schneeweiß geworden war.
Aiko und der Zwerg waren übereinander gefallen und rappelten sich jetzt wieder mühsam hoch.
„Was für ein Tag!“ murrte Aiko. „Heute habe ich wirklich Pech. Aber danke Gimli, du hast mir wahrscheinlich das Leben gerettet, auch wenn die Lawine nicht groß war.“
„Ach, schon gut. Laßt uns wieder zurück gehen. irgendwie ist es nicht geheuer hier. Es ist ja so viel Schnee gefallen, vielleicht lösen sich weitere Lawinen.
Die Frauen stimmten zu und sie machten sich auf den Rückweg.

Kaum hatten sie wieder den Garten betreten, da kam ein Elb auf sie zu und erklärte, daß man die Übeltäter, die für den Steinwurf verantwortlich waren, nicht erwischt hatte. Sie hatten zwar Spuren gefunden und waren denen gefolgt, aber sie führten zur Straße nach Osgiliath, die soviel genutzt wurde, daß man dort im Schneematsch unmöglich noch etwas unterscheiden konnte.
„Es müssen zwei erwachsene Menschen gewesen sein. Anscheinend sind uns doch nicht alle Gondorer so freundlich gesinnt, wie wir dachten.“
„Das ist schade“, erwiderte Aiko betrübt.
„Ach, mach dir doch keine Gedanken wegen zwei Idioten. Das sind bestimmt Ausnahmen“, erklärte Gimli.
„Vielleicht hast du recht.“
Plötzlich drehte sich der Elb, der eben mit ihnen gesprochen hatte, um und musterte den Wald aufmerksam. „Merkwürdig, ich hatte eben das Gefühl, das uns ein Mensch beobachtet. Aber jetzt ist nichts mehr zu merken. Vielleicht habe ich mich geirrt. Ich schau mal nach.“
Als er unter die Bäume trat, hörte er in der Ferne ein brechen, als würden Äste abgeknickt. Ein Blick auf den Boden zeigte ihm, daß hier jemand gestanden hatte und fortgelaufen war.
„Vielleicht war es einer von denen, die wir verfolgt haben“, meinte er unsicher, als er zurück kam. „Die Fußgröße könnte hinkommen und es ist jedenfalls die selbe Sohle.“
„Was können die nur gegen uns haben?“
Wirklich ernst nahm die Sache jedoch keiner von ihnen, da sie nicht erwarteten, daß sich Leute von Lena hierher nach Ithilien wagen würden. Erwischte man sie, drohte ihnen nichts gutes, das wußten diese schließlich
In Wirklichkeit war der fortgelaufene Mensch der dritte Diener. Er war nicht dabei gewesen, als die beiden anderen den Stein geschmissen hatten, sondern hatte sich auf der anderen Seite des Hauses an der Straße versteckt gehalten und gewartet, daher hatten die Elben seine Spuren nicht finden können. Als er nun sah, wie Aiko und ihre Mutter sich entfernten, war er sofort hinterher gegangen. Nachdem der Anschlag mit der Lawine fehlgeschlagen war, hatte er sie wieder nach Hause verfolgt, um eine neue Gelegenheit auszumachen. Als er merkte, daß die Frauen schon kurz hinter dem Ende des Waldes stehen blieben und mit einem Elben sprachen, wurde er nervös. Ob man seine Freunde erwischt hatte? Er beobachtete sie nervös, doch der Elb wurde ihm zum Verhängnis und so mußte auch er machen, daß er davon kam. So schnell er konnte, rannte er zur Straße nach Osgiliath. Dort hatten sie an einer bestimmten Stelle einen Treffpunkt ausgemacht, die leicht wieder zu erkennen war. Zu seiner Erleichterung traf er dort die anderen. Sie berichteten sich gegenseitig von ihren Mißerfolgen. Einer der beiden, die den Stein geworfen hatten, war auf der Flucht gefallen und hatte sich das Fußgelenk gezerrt. Daher beschlossen sie, ein paar Tage mit einem erneuten Versuch zu warten, denn sie mußten schließlich vielleicht wieder schnell fliehen. Außerdem sie fanden alle drei, daß sie auf jeden Fall eine Pause gebrauchen konnten. Sie waren alle nicht sonderlich gut trainiert. Und schließlich hatten sie ja alle Zeit der Welt, wo niemand mehr wartete, daß sie ihren Auftrag erfüllten.
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Am Heiligen Abend sollte es gleich drei Ankünfte geben. Zuerst kam Salim und zwar schon früh morgens. Sie war sehr aufgeregt, weil sie noch nie ein Weihnachtsfest erlebt hatte und Aiko doch soviel davon erzählt hatte, aber sie weckte ihre Schwester und deren Mann nicht, sondern ging über die hintere Treppe durch die offene Küchentür ins Haus und ließ sich von den Elben, die dort fast lautlos beschäftigt waren, einen Becher heißen Tee geben. Die Elben boten ihr auch schon ein Frühstück an, doch sie wollte lieber mit ihrer Schwester essen und setzte sich solange an das Küchenfeuer.
Legolas stand als erster auf. Als er hörte, daß Salim schon da war, begrüßte er sie herzlich und weckte anschließend seine Frau.
Dann, als sie beim Frühstück saßen, kamen Aragorn und Arwen zusammen mit Jojo, die in einer Sänfte ruhte und noch so schwach war, daß der Mann sie stützen mußte, als sie ins Haus gingen.
„Hallo, schön daß ihr hier seid. Wollt ihr auch mit uns feiern?“
„Wenn ihr nichts dagegen habt. Meine Frau würde furchtbar gerne ein paar Tage bei den Elben verbringen.“
„Wir freuen uns darüber.“
„Nur mit dem Platz wird es knapp“, sagte ein Elb, der gerade hinter ihnen herein kam. „Wir wollten gerade für unsere weiteren Gäste Baumhäuser fertig machen und mußten entdecken, daß es so kalt ist, daß die Häuser von innen ganz naß sind. Dort kann im Moment niemand wohnen.“
„Sind die Häuser denn undicht?“ fragte Legolas erschrocken.
„Undicht nicht, aber wir hätten sie wohl heizen müssen. Wir versuchen sie jetzt mit einem Kaminfeuer trocken zu kriegen, doch ich befürchte, das wird jetzt nicht mehr viel bringen.“
„Was machen wir denn jetzt?“ meinte Legolas ratlos.
„Ach, wir können doch hier im Haus wohnen“, meinte Arwen. „Stellt einfach ein paar Betten im Wohnzimmer oder im Ballsaal auf. Für ein paar Tage geht das schon.“
Ihr Mann nickte: „Das macht uns sicher nichts. Aber jetzt sollten wir sehen, daß Jojo sich hinlegen kann.“
Legolas faßte mit an und sie trugen das Mädchen die Treppe hinauf ins Wohnzimmer. Dort stand schon der Weihnachtsbaum fertig geschmückt und mit Kerzen bestückt. Jojo wurde auf die Coach gebettet.
„Wir haben für dich ein Bett in mein Arbeitszimmer gestellt“, erklärte Aiko. „Du kannst natürlich auf keinen Fall in einem Baumhaus schlafen. Wir kümmern uns über die Weihnachtstage um dich.“
„Danke“, sagte Jojo müde, aber mit einem Leuchten in den Augen. Auch sie freute sich auf das Fest. In letzter Zeit hatte sie ja wenig zu lachen gehabt. Die größte Überraschung für sie gab es aber zur Abenddämmerung. Da kamen nämlich Arne und Julia, die Corinna geholt hatte, außerdem wurden sie von Jojos Cousin und Cousine begleitet, zweieiige Zwillinge, die 8 Jahre alt waren.
„Meine Schwester hat sich gewünscht, mal ein ruhiges Weihnachten zu verbringen“, erklärte Arne. „Das sind Dominik und Marie.“
„Ich hoffe, sie können Deutsch sprechen. Deine Schwester wohnt doch in Paris.“
„Keine Sorge. Meine Schwester hat sie genauso zweisprachig erzogen, wie wir es wurden. Meine Mutter war Deutsche, deshalb habe ich auch einen Deutschen Namen. Mein Vater hat sich dagegen immer als Franzose gesehen, obwohl unser Vorfahr ja einst aus Mittelerde kam.“
„Was ist eigentlich mit Julias Familie?“
„Arnes Familie ist auch meine. Bis auf eine Tante von mir lebt niemand mehr. Ich komme übrigens aus Köln. Ich habe Arne durch meine Tante kennen gelernt. Sie ist jeden Sommer nach Paris gereist. Ich verstehe mich gut mit den Leuten dort, auch wenn ich nicht gut französisch spreche und in Arnes Familie niemand außer Arne und seiner Schwester Deutsch.“
Gimli kam nun von seinem Baumhaus herüber. Sie waren nun also vollzählig und es war jetzt auch dunkel genug, um die Kerzen anzuzünden. Der Zwerg betrachtete alles mit versteckter Neugier. Aragorn und Arwen hatten sehr gute Laune, sie freuten sich wirklich sehr auf ein paar Tage bei den Elben. Heute wurde allerdings nur im engsten Kreis gefeiert. Morgen sollte es draußen ein fest mit allen Elben geben, ein Winterfest, da Aiko den Elben ihre Traditionen nicht aufdrängen wollte.
Der Heilige Abend wurde schnell sehr gemütlich. Aiko konnte sich über viel Lob für ihren Bratapfelkuchen freuen, den es zum Weihnachtstee gab.
Dann wurde Bescherung gemacht, weil die beiden Kinder es nicht mehr abwarten konnten. Jeder bekam ein kleines Geschenk, bis auf Aragorn und Arwen, weil ja niemand damit gerechnet hatte, daß sie kamen, aber die beiden hatten auch nichts anderes erwartet und störten sich nicht daran. Die Kinder wurden mit den meisten Geschenken bedacht, aber auch Jojo wurde reich beschenkt, vor allem von Aragorn und Arwen, die großen Anteil an ihrem Schicksal nahmen und außerdem ein wenig auch zur Entschädigung, weil sie sie ja unschuldig verdächtigt hatten, Arwen vergiftet zu haben.
Aiko bekam von ihrem Mann ein von ihm selbst gemaltes Gemälde. Sie küßte ihn strahlend. So ein Geschenk war ihr lieber als ein Schmuckstück oder ähnliches. „Also deshalb warst du in den letzten Tagen so oft nicht zu finden!“ erklärte sie verschmitzt. Für ihren Mann hatte sie ein Kaleidoskop besorgt, genau das richtige Geschenk für ihn, denn es faszinierte den Elben sehr. „Das ist wirklich großartig, wie die Farben ineinander fließen!“ meinte er und war kaum von dem Gerät wegzubringen. Als sie dieses doch endlich geschafft hatten, gab es Abendbrot. Jojo kam auch mit an den Tisch im Eßzimmer, das glücklicherweise gleich neben dem Wohnzimmer lag. Es gab Ente mit Rotkohl und Kartoffelpüree (auf Wunsch der Kinder hatte man die Kartoffeln schnell noch gestampft). Zum Schluß gab es noch grüne Götterspeise, die allerdings den Elben und Aragorn nicht recht zusagte. „Merkwürdig“, murmelte Legolas nur und ließ die Nachspeise mit dem ungewohnten Geschmack fast unberührt stehen, ähnlich Aragorn und Arwen. Doch wegwerfen brauchte man die Götterspeise der drei doch nicht, denn als die Kinder merkten, daß diese Portionen nicht aufgegessen wurden, baten sie darum, sie zu bekommen.
„Wie kann einem das nur schmecken?“ fragte Legolas verständnislos.
Aber dann wurde er durch Jojo abgelenkt, die sich kaum noch auf ihrem Stuhl halten konnte, so erschöpft war sie. Schnell brachte der Elb sie zusammen mit Aragorn zu Bett.
Als sie zurückkamen, meinte der König schmunzelnd: „Das nennst du ein Arbeitszimmer, Aiko? Sehr gemütlich, wirklich. So sollte mein Arbeitszimmer auch aussehen.“ Die Frau hatte sich ja in ihrem Zimmer eine Leseecke eingerichtet und zwar so gemütlich, daß ihr Mann und sie dort öfter saßen als in ihrem Wohnzimmer.
„Neidisch?“ fragte Aiko grinsend.
„Und wie!“ meinte Aragorn lachend, aber dann wurde er wieder ernst: „Bei der Feier morgen kann sie auf keinen Fall dabei sein.“
Niemand brauchte zu fragen, wer „sie“ war.
„Das war zu erwarten. Aber es ist schade“, sagte Aiko. Dann fiel ihr etwas ein: „Wir könnten das Fest unter den Fenstern von meinem Arbeitszimmern machen. Das Fensterbrett ist zur Sitzbank ausgebaut. Wenn wir es ihr dort bequem machen, kann sie dort wenigstens ein bißchen teilhaben.“
Sie saßen noch ein paar Stunden zusammen. Die Kinder schliefen irgendwann unter dem Weihnachtsbaum ein und wurden ins Bett getragen. Gegen ein Uhr nachts verabschiedeten sich Gimli und Corinna schließlich, um ihre Baumhäuser aufzusuchen, und die anderen gingen zu Bett, bis auf Legolas, der seinen Freund noch zu seinem Baumhaus begleitete. Alle waren sich einig, daß es ein wunderschöner Abend gewesen war.

Legolas blieb ein wenig länger fort als gedacht, denn es war eine wunderschöne Vollmondnacht und so spazierte er mit seinem Freund noch ein wenig länger durch den Winterwald, sich lustig mit ihm unterhaltend. Gimli war wie er bester Laune und so konnten sie kaum ein Ende finden. Erst als der Himmel sich mit neuen Schneewolken bezog, machten sie kehrt und gegen vier Uhr schlich Legolas sich endlich zurück ins Haus. „Hoffentlich hat Aiko nicht auf mich gewartet“, dachte er schuldbewußt, während er durch das Wohnzimmer huschte, wo Arne, Julia und die Kinder schliefen. Den Eßtisch hatte man jetzt in die Küche getragen und im leer geräumten Eßzimmer nebenan schliefen dafür Aragorn und Arwen.
Seine Frau schlief glücklicherweise und er legte sich ebenfalls schnell ins Bett.
Er hatte noch nicht lange geschlafen, als ihn ein Geräusch weckte.
Es war ein leises Knacken unten im Haus gewesen. Dort unten lagen nur die Eingangshalle, das Empfangszimmer und der Ballsaal, wo um diese Uhrzeit niemand etwas verloren hatte. Auch ihre Gäste nicht, denn die waren ja alle oben einquartiert (wer hätte auch gerne in dem ungemütlichen Ballsaal schlafen wollen?) und würden sicher nicht nach unten gehen, schließlich gab es dort nichts. Seltsam! Was konnte das sein? Ein ungutes Gefühl trieb ihn aus dem Bett und hinunter. Dort öffnete er vorsichtig die Tür zum Ballsaal. Zu seinem Erstaunen sah er, wie drei Menschen sich dort bewegten und eine übelriechende Flüssigkeit vergossen. Eine der großen Fenstertüren hatten sie aufgebrochen. Jetzt riß der Elb die Tür ganz auf. Die Menschen fuhren erschrocken herum. Einer von ihnen wollte den Elben angreifen, doch dieser stieß einen schnellen Warnruf aus, um die anderen zu wecken, und so machten die drei lieber, daß sie fort kamen.
Legolas setzte ihnen nach, doch einer schleuderte über die Schulter einen Feuerball, der ihn belehrte, daß er die Verfolgung doch lieber lassen sollte, auch wenn die Feuerkugel recht mickrig ausgefallen war. Als er zurück kam, war Aragorn schon die Treppe hinunter und in den Ballsaal gekommen, obwohl seit dem Warnruf gerade mal eine Minute vergangen war. Die Anderen folgten kurz darauf mit Ausnahme von Jojo, sogar die Kinder kamen erschrocken herbei gelaufen.
„Was ist das für ein fürchterlicher Gestank?“, fragte Arwen.
„Das ist Öl! Erdöl“, rief Aiko nach einem kurzen Blick in den Raum. Mein Gott, die wollten das Haus anzünden! Erdöl brennt sehr gut.“
Legolas erzählte nun von seiner kurzen Verfolgung.
„Es waren drei? Das können nur die magischen Diener Modos oder besser Lenas sein“, erklärte Aiko. „Die müssen wir unbedingt erwischen.“
„Hoffnungslos. Es hat wieder zu schneien begonnen und so stark, daß die Spur zugeschneit ist, bevor wir den Schlitten klar gemacht haben. Außerdem bräuchten wir sehr viel Licht, da die Schneeflocken die Nacht noch dunkler machen.“
„Wir brauchen sie nicht zu verfolgen. Die werden schon wieder kommen. Wir sollten nur gut wachen lassen, damit wir ihre Rückkehr mitkriegen.“
Legolas lief los, um ein paar Elben zu holen, während die anderen wieder zu Bett gingen.
Zuvor fragte Julia noch: „Wo mögen sie das Erdöl her gehabt haben?“
„Ach, das ist nicht so schwer. Es gibt Erdöl auch hier in Mittelerde, aber die Leute beachten es nicht wegen einem üblen Geruch. Es gibt natürlich auch nicht viele Quellen, die an die Oberfläche treten.“ Als sie mit ihrem Mann wieder im Schlafzimmer war, fragte sie verschmitzt: „Na Schatz, wann bist du zurück gekommen?“
„Ehrlich gesagt, erst vor einer halben Stunde“, gestand der Elb. „Bist du deswegen böse.“
„Blödsinn. Warum sollte ich das sein? Du bist doch erwachsen und kannst tun, was du willst. Ich war sowieso zu müde, um noch irgendwas zu machen, du verstehst schon, was ich meine. Solange du die Nacht nicht bei einer anderen Frau verbracht hast...“
Legolas zog sie scherzhaft an den Haaren: „So was darfst du nicht mal denken.“
Aber Aiko blinzelte schalkhaft und meinte: „Oder hast du was mit Gimli?“
Einen Moment sah der Elb sie völlig fassungslos an. „Mit einem Zwerg? Und dann auch noch einem Mann? Oh Aiko, du bist ja so gemein zu mir! Leg dich bloß schlafen.“
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Am nächsten Morgen schlief Aiko ungewöhnlich lang. Die Aufregung letzte Nacht hatte sie lange nicht schlafen lassen, so daß sie erst am Morgen in sanften Schlummer fiel und Legolas schlich sich fort, ohne ihren Schlaf zu stören. Erst gegen elf Uhr weckte er sie mit einer Tasse Tee und einer Kleinigkeit zu essen.
„Oh, danke Schatz. Das ist aber lieb. Uaaah, bin ich noch müde. Wie spät ist es eigentlich?“
„Die fünfte Stunde oder elf Uhr. Du wirst gleich aufstehen müssen, denn das Festbankett beginnt gleich.“
„So spät schon? Du hättest mich früher wecken sollen!“
„Ach was. Du konntest ruhig mal ausschlafen Gîlnya“, erwiderte ihr Mann und küßte sie zärtlich.
Als Aiko eine Stunde später nach unten kam, begann gerade die Feier. Man hatte einen großen Teil des Gartens vom Schnee befreit und dort Tafeln aufgestellt. Über einem Feuer hing ein riesiger Kessel mit Wein und man war gerade dabei, das Essen aufzutragen. Im übrigen fand das Fest nicht nur draußen statt, man hatte den Ballsaal noch letzte Nacht gereinigt und auch dort einen Tisch aufgestellt, wo die Menschen Platz nahmen. Sie griff die Kälte schließlich mehr an. Bei ihnen saßen natürlich Arwen und Legolas und außerdem ein paar ausgewählte Waldelben. Zum Essen kam auch Jojo hinunter, doch sie genoß nur wenig und wollte bald wieder nach oben gebracht werden.
Kurz nach dem Ende des Mahles kam dann einer der Wachtposten, der meldete, er habe drei Männer kommen sehen.
„Wir sind wohl genug Magier, um sie zu fangen“, meinte Salim.
„Problem ist nur, daß wir nicht wissen, was sie vorhaben.“
„Werden wir aber bald!“ meinte Aiko und bat den Elben, sie zu führen.
Doch als sie ankamen, stellten sie fest, daß sie nicht mehr gebraucht wurden. Ein tollkühner junger Elb war einfach ohne Erlaubnis auf die Magier losgegangen und die anderen hatten ihm nicht anders zu helfen gewußt, als sie zu erschießen.
„Was soll’s“, meinte einer der Elben. „Was hätten wir mit ihnen anfangen sollen, wenn wir sie gefangen hätten?! Ich bezweifle, daß man sie hätte bessern können.“
„Damit sind auch diese Diener für Lena verloren“, sagte Arne. „Jetzt hat sie niemanden mehr mit magischen Fähigkeiten. Sie steht nun ganz allein.“
„Hoffen wir, daß wir niemals mehr von ihr hören.“
„Kommt, laßt uns zurück zu den anderen gehen“, meinte Legolas. Ihm war eigentlich gar nicht mehr nach Feiern zu Mute, aber sie konnten die Elben nicht enttäuschen, indem sie fortblieben.

 

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