Kapitel 3

Die geheimnisvolle Krankheit

Es war mitten in der Nacht, dennoch herrschte in der Burg auf einmal hektische Betriebsamkeit. Diener rannten hin und her, meistens wirkten sie recht kopflos und eine Dienerin fiel sogar mit lautem Poltern eine zum Glück kurze Treppe hinab und weckte damit Sheena. Diese lauschte eine Weile verwirrt den Geräuschen draußen, dann stand sie auf und legte ihren Umhang um, worauf sie ihr Zimmer verließ, um nach der Quelle des seltsamen Treibens zu forschen. Doch von den Vorbeihastenden bekam sie keine Antwort und so lief sie ziellos durch die vielen Gänge, bis sie endlich auf die Fürstin Eowyn traf, die zwar auch sehr angegriffen aussah, doch wenigstens ruhig dastand und sicher wußte, was los war.
„Herrin, könnt ihr mir sagen, was passiert ist?“
Eowyn sah sie ziemlich erstaunt an: „Wißt ihr es denn nicht?“
„Niemand scheint Zeit zu haben, mir zu antworten.“
„Die Königin ist schwer krank.“
Sheena glaubte nicht richtig zu hören: „Man hat mir erzählt, Elben würden nicht krank werden?!“
„Das ist das Problem“, erwiderte Eowyn grimmig.
„Ihr meint, sie ist vergiftet worden?“
„Etwas anderes kommt wohl kaum in Betracht.“
„Mein Gott, das ist ja fürchterlich!“
Eowyn nickte zustimmend.
Der Blick der Prinzessin wurde besorgt: „Sie wird doch durchkommen?“
„Ich... ich weiß es nicht“, murmelte Eowyn.
Schweigend machten sie sich auf zum Gemach der Königin. Gerade als sie kamen, trat Faramir mit einem seiner Berater heraus. Dieser stürzte sofort auf Sheena zu.
„Diese muß verantwortlich für diesen gemeinen Anschlag sein“, rief er zornig.
„Dagor! Du beleidigst unseren Gast“, meinte der Fürst erschrocken.
„Gast! Wenn ich das schon höre. Sie ist sicher nur nach Gondor gekommen, um Unheil anzurichten. Wenn der König nicht fort geritten wäre, ginge es ihm jetzt wahrscheinlich genauso.“
„Ich habe nichts getan“, sagte Sheena mit ernster Stimme.
„Das sollen wir euch glauben? Ihr gehört zu den Haradrim.“
An den Gesichtern der Diener, die in der Nähe waren, konnte die Prinzessin erkennen, daß die meisten ähnlich dachten und dasselbe sah auch Eowyn. Schnell zog sie die Prinzessin fort, ihr Mann folgte ihnen.
„Es tut mir fürchterlich leid. Bitte entschuldigt dieses unmögliche Benehmen, die Leute sind im Moment alle äußerst aufgeregt“, meinte er verlegen zu Sheena.
Diese ließ nicht erkennen, was sie dachte, sagte jedoch: „Es ist nicht so schlimm.“
Der Fürst bezweifelte die Wahrheit dieser Worte, doch es gab im Moment wichtigeres für ihn zu tun, seine Frau würde sich gewiß darum kümmern. „Ich muß sofort zum König und ihm Bescheid sagen“, erklärte er und eilte schnellstens davon.
„Auch mir tut fürchterlich leid, was eben passiert ist“, sagte Eowyn. „Sobald sich die Leute etwas beruhigt haben, werden sie sich sicher bei euch entschuldigen.“
„Vielleicht... Aber sie werden es nicht ernst meinen!“
„Es tut mir so leid“, wiederholte Eowyn betrübt.
Die Prinzessin schüttelte traurig den Kopf und wollte sich wieder in ihr Zimmer begeben, um vor etwaigen weiteren Beschuldigungen der Dienerschaft erstmal sicher zu sein, doch plötzlich ging ein seltsames Zucken über ihr Gesicht: „Wißt ihr, was mir gerade einfällt? Sie haben dieses Mädchen Jojo ganz in der Nähe der Gemächer des Königspaares gefunden!“
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Die Elben in Ithilien hatten sich die Galadrim zum Vorbild genommen und ihre Behausungen in die Bäume gebaut, jedoch hatten sie keine Plattformen, sondern richtige Häuser in die Baumkronen gesetzt, die nach der Bauweise in Düsterwald gestaltet waren. Nur Legolas hatte für sich und seine Frau ein schönes weißes Haus auf dem Boden gebaut, da dieser das Leben in der Höhe nicht so recht behagen wollte. Es hatte nur 7 Räume. Da war im ersten Stock zunächst mal das Wohnzimmer und dahinter das Schlafzimmer, neben dem ein Zimmer lag, das Aiko für sich eingerichtet hatte. Es barg ihre Zauberutensilien, ihren Schreibtisch und ihre Zauberbücher aber auch viele andere Bücher und eine Sitzecke mit einer Coach und verschiedenen Sesseln. Die Frau las dort nicht selten, meistens zusammen mit Legolas, auch wenn der sich gewöhnlich über die Romantexte köstlich amüsierte. Außer diesen drei Räumen lagen im ersten Stock noch das Eßzimmer und die Küche. Im Erdgeschoß befanden sich außer der kleinen Eingangshalle mit der Treppe nach oben nur zwei Räume, nämlich ein Empfangszimmer und der Festsaal. 5 Bedienstete hatten sie, denn als König und Königin war es natürlich undenkbar, daß sie irgendetwas selber machten, jedoch wohnte keiner von ihnen im Haus, was Aiko manchmal ausnutzte, um Abends ihre Leidenschaft fürs Backen auszuleben. Die meiste Zeit verbrachten sie und ihr Mann jedoch im Garten und in den Wäldern ringsum, der Garten ging ohne eine Abgrenzung direkt in diese über. Hier wohnten die anderen Elben in ihren Baumhäusern, die das Königspaar oft besuchte. Jede Nacht schwebte der wunderbare Gesang dieser Wesen über der Gegend und dann saßen die zwei am liebsten in ihrem Garten, zwischen vielen Blumenbeeten. Man hatte überall im Garten um die Beete Wiese gepflanzt, auf der man Lustwandeln konnte. Natürlich war allen Elben das Betreten des Gartens gestattet und so bekamen sie auch oft Besuch. Kein Weg durchbrach die Harmonie dieses Gartens, der Weg, der von der etwa 1 Wegstunde entfernt liegenden Straße kam, endete am Anfang des Rasens. Dort zweigte ein kleiner Pfad ab, der zur Weide führte, allerdings kaum genutzt wurde, weil alle die Abkürzung durch den Garten nahmen, anstatt darum herum zu gehen. Die große Weide grenzte an die nördliche Seite des Gartens und alle Pferde der Elben hatten dort ihr Zuhause.
Entgegen Aikos Befürchtungen, die Elben würden sie als Mensch nicht mögen, verstand sie sich mit allen bestens. Die Elben akzeptierten sie ohne Bedenken als ihre Königin. Die junge Frau, die sich so wenig aus ihrer Königinnenwürde machte und sich über niemanden stellte, war allseits sehr beliebt.
Jetzt saßen sie, ihr Mann und Aragorn im Eßzimmer und frühstückten. Eben gerade hatten sie mit Salim gesprochen. Diese war glücklicherweise gesund und munter und hatte ihren Stern noch. Nun diskutierten sie über das Geheimnis um Jojos plötzliches Auftauchen.
„Modo hat doch eine ganze Zeit Sarumans Portal benutzt. Vielleicht hat er heraus gefunden, wie es funktioniert“, vermutete Aiko.
„Gut möglich. Modo scheint ein schlauer Kopf zu sein“, erklärte Aragorn.
„Ja, aber warum hat man Jojo dann hierher geholt?“ fragte Legolas.
„Eine gute Frage“, erwiderte seine Frau nachdenklich.
Keinem der drei wollte darauf eine Antwort einfallen.
„Irgendetwas muß mit ihr sein, daß sie für diese Schwarzmagier interessant macht, doch wir können das so kaum heraus finden. Es bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als zu warten bis Jojos Gedächtnis wiederkehrt“, meinte Aragorn schließlich.
Plötzlich hörten sie draußen Hufgetrappel.
„Wer mag so früh etwas von uns wollen?“ murmelte der Elb erstaunt.
Sie liefen hinaus und konnten gerade noch den Fürsten Faramir vom Pferd springen sehen. Sein Tier schien völlig erschöpft zu sein, es schnaufte und dicke Schweißperlen standen auf seinem Hals.
„Ihr müßt sofort zurück zur Burg, mein König“, rief er ohne einen Gruß, „die Königin ist vergiftet worden.“
Aragorn wurde ganz bleich und war einen kleinen Moment vor Schreck erstarrt, dann lief er ohne ein Wort zu sagen in Richtung Weide. Die drei anderen folgten ihm dorthin und sahen ihn im schnellsten Galopp davon eilen. Faramir bekam ein neues Pferd, dann folgten die Zurückgebliebenen dem König.
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Aiko, Eowyn, Legolas, Faramir, Fürstin Rina und Prinzessin Sheena saßen in einem Zimmer und warteten auf Aragorn. Erst nach vielen Stunden kam der König herein. Er sah grau und müde aus und niemand mochte fragen, denn alle sahen es ihm an, daß er nichts gutes berichten konnte.
Schließlich raffte sich der Mann auf: „Das Gift ist mir unbekannt. Ich kann Arwen für einige Zeit am Leben erhalten, doch nicht heilen.“
„Dann sollten wir so schnell wie möglich Herrn Elrond benachrichtigen“, meinte Legolas. „Vorhin kam die Nachricht, daß Gandalf in Minas Tirith eingetroffen ist. Auf Schattenfell kann er Bruchtal in Windeseile erreichen.“
„Gandalf ist hier?“ Aragorn wollte sofort wieder zur Tür hinaus.
Aiko hielt ihn fest: „Nur noch ganz kurz – Weißt du, auf welche Weise deine Frau vergiftet wurde?“
„Wahrscheinlich durch vergiftete Pralinen. Es lag noch eine auf dem Tisch neben dem Bett. Hier“, er holte sie raus, „wenn man den Boden genau ansieht, erkennt man, daß man ihn angebohrt und anschließend noch mal heiße Schokolade darüber geschmiert hat, um es auszufüllen. Das war kein Problem, denn die Sachen standen alle in der Küche herum und zeitweise war dort niemand, weil alle bei der Vorbereitung des Festsaals waren.“
„Auch die Köche?“
„Ja. Da so wenig Zeit war, haben sie es übernommen, das Buffet herzurichten.“
Die Praline ging von Hand zu Hand, dann meinte der Elb: „Wer kann das nur getan haben?“
Eowyn antwortete: „Viele verdächtigen Sheena, doch das ist nur dem alten Haß zuzuschreiben. Aber wir haben einen anderen Gedanken gehabt, nämlich daß wir Jojo, nachdem sie ihr Bett verlassen hatte, in der Nähe eurer Gemächer gefunden haben.“
„Das Mädchen? Unmöglich! Ich wollte schon nicht glauben, daß sie das Bett verlassen kann, aber die vielen Treppen hinunter in die Küche und wieder zurück, das kann sie nicht geschafft haben.“
„Vielleicht sind die Verletzungen nicht so schlimm, wie sie aussehen“, vermutete Legolas.
„Ich habe sie selbst behandelt!“ erklärte der König empört.
„Aber vielleicht ist sie verzaubert worden und der Zauber hat sie angetrieben“, vermutete Aiko.
„Das ist möglich?“ fragte Faramir erstaunt.
„Bei einem so mächtigen Magier wie Modo kann ich mir’s zumindest gut vorstellen.“
Aragorn brach jetzt eiligst auf, um Gandalfs Hilfe zu erbitten. Vorher jedoch befahl er Faramir, seine beiden Patientinnen nach zu bringen. Der Fürst ließ zwei Frauensänften vorbereiten, die je von zwei Pferden getragen wurden. Dann folgten sie dem König in langsamem Schritt. Legolas und Aiko beschlossen, sich der Gruppe anzuschließen. Aiko wollte noch mal mit Jojo über ihre Welt sprechen, vielleicht kam ihre Erinnerung dann schneller wieder.
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Gandalf saß in Minas Tirith an einem Feuer und unterhielt sich mit einem der Heerführer. Die beiden kannten sich schon länger und der Zauberer schätzte seinen Gesprächspartner als klugen und auch witzigen Mann. Die beiden unterhielten sich also ausgesprochen heiter, als sie plötzlich gestört wurden. Die Tür flog krachend auf, so daß beide zusammen zuckten und Aragorn stürmte ins Zimmer herein. Gandalf sah ihn erstaunt an, bekam für den Moment jedoch keine Erklärung, da der König so keuchte, daß er kein Wort heraus bekam. Bei einem Mann wie dem ehemaligen Waldläufer mutete das sehr merkwürdig an.
Der Zauberer schüttelte den Kopf: „Was hat dir die Tür getan, daß du sie beinahe einschlägst?“
„Ich... habe... im Moment... echt keine.... Lust... auf Scherze!“
„Was ist denn eigentlich passiert? Du machst den Eindruck, als wärst du durch die ganze Stadt gerannt.“
„Von den Ställen hierher, aber so schnell wie es nur irgend ging. Ich fürchte, ich habe mehrere Leute einfach umgerannt“, antwortete Aragorn, der sich jetzt einigermaßen erholt hatte. „Arwen ist vergiftet worden und ich kann sie zwar am Leben erhalten, doch nicht heilen.“
„Was???“
„Arwen ist vergiftet worden und wir brauchen Herrn Elrond, um ihr zu helfen! Das Gift ist mir unbekannt. Ich wollte dich bitten, zu ihm zu reiten. Auf Schattenfell bist du schneller als jeder andere.“
„Natürlich, ich werde mich sofort auf den Weg machen.“
Er sprang auf und eilte fort.
Erst viele Stunden später kamen Faramir, Aiko und Legolas in Minas Tirith an. Sie brachten Arwen und Jojo zunächst in die Häuser der Heilung, wobei man zur Sicherheit eine Wache in der Nähe von Jojos Tür postierte. Sie sollte ihr Zimmer nicht unbeobachtet verlassen können, doch auch nicht merken, daß man sie beobachtete, denn das konnte ihr Angst machen, was sich wiederum ungut auf ihre Heilung auswirken würde. Nachdem sie die beiden gut versorgt wußten, gingen sie in die Veste. Sie fanden Aragorn erst nach einigem Suchen auf dem Turm der Veste. Er blickte dorthin, wo in weiter Ferne Bruchtal lag.
„Immerhin ein Glück bei all dem Unglück, daß Gandalf gerade jetzt hierher gekommen war“, meinte er leise.
„Ja, es war wirklich Glück“, erwiderte der Elb.
Am nächsten Tag verbrachte Aiko viele Stunden bei Jojo, doch leider hatten ihre Bemühungen um sie keinen Erfolg und so kehrten die beiden nach ein paar Tagen zu ihren Waldelben zurück, natürlich nicht ohne Aragorn darum zu bitten, sie sofort zu benachrichtigen, wenn irgendetwas geschah.
„Ich komme mir ziemlich mies vor, ihn jetzt alleine zu lassen“, erklärte Aiko, als sie aus der Stadt ritten.
„Wir haben ihn in den letzten Tagen doch kaum zu Gesicht bekommen. Er stürzt sich in Arbeit, um sich abzulenken und wenn er nicht beschäftigt ist, dann sitzt er bei Arwen. Doch auch ich reite nur ungern fort. Aber wir müssen, ich hab’s dir doch schon erklärt. Einer der Ratgeber meines Vaters ist den weiten Weg hierher gereist, um sich anzuschauen, wie wir hier leben. Wir können ihn nicht einfach ignorieren, Gîlnya.“
„Ich weiß, ich weiß.“

 

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