Kapitel 4

Dunkle Schatten

Nachdenklich blickte Gandalf einen kleinen Moment auf das Tal hinab, dann lenkte er Schattenfell vorsichtig auf den steilen Pfad, der hinunter nach Bruchtal führte.
Als er die ersten Wiesen erreichte, kam ihm Glorfindel entgegen: „Heil, Gandalf! Was führt dich hierher?“
Doch Gandalf hatte für lange Reden keine Zeit. „Ich muß sofort mit Herrn Elrond sprechen“, sagte er schnell ohne eine Begrüßung.
Glorfindel verbarg erfolgreich seine Verwunderung und antwortete genauso knapp, wie der Zauberer eben gesprochen hatte: „Folge mir.“
Herr Elrond stand an einem Schreibpult. Als er Schritte hörte, sah er auf und lächelte Gandalf entgegen, kam jedoch nicht zu Wort, da der Zauberer sofort losredete: „Ich bin leider nicht zu einem Freundschaftsbesuch hier. Ich werde gleich zur Sache kommen, da Rücksicht euch doch nicht helfen könnte. Eurer Tochter geht es sehr schlecht und niemand in Gondor konnte ihr helfen.“
Der Elb wurde grau im Gesicht: „Was ist passiert?“
„Arwen ist vergiftet worden. Doch wir kennen das Gift nicht. Die Heiler können sie am Leben erhalten, aber nicht heilen.“
Eine Stunde später waren Herr Elrond und sechs Elben, die ihn begleiten sollten, fertig zum Aufbruch. Es ging mit dem höchstmöglichen Tempo am Gebirge entlang über die alten Pfade, die nur die Leute von Bruchtal kannten. Der Ritt durch das karge, unwirtliche Land am Fuße des Gebirges war nicht sehr angenehm, die Pferde hatten Mühe auf den unebenen Wegen und der ewige Wind störte sogar die Elben. Sie waren froh, als sie Hulsten erreichten, denn ab hier begannen freundlichere Landstriche. Bald darauf waren sie dann in Dunland, wo sie vorsichtiger sein mußten wegen der Bewohner, die andere Menschen nicht mochten und Elben erst recht nicht. Gegen Abend wurde die Gegend neblig. Es erinnerte Gandalf unangenehm an den Schlafzauber, der auf seine Freunde beim letzten Mal gelegt worden war, doch jetzt fiel der Nebel allmählich und kam nicht plötzlich, außerdem gab es hier um diese Jahreszeit häufiger welchen. Es war wohl eben nur gewöhnlicher Nebel. Sie erreichten einen Wald, durch den der Weg führte und weil es möglich war, daß dort Dunländer auf der Lauer lagen, beriet man kurz, ob man ihn umreiten sollte, doch dann wurde beschlossen, den Zeitverlust nicht in Kauf zu nehmen sondern hindurch zu reiten, da sie als Elben frühzeitig einen Hinterhalt erkennen würden. Der Wald zog sich hin und hin, bis er sie zu aller Erstaunen in eine Schlucht führte, die schnell in einer Felswand endete.
„Wo sind wir hier nur gelandet?“ fragte Gandalf. „Ist schon mal jemand in diesem Wald gewesen?“ Er hatte den Wald auf dem Hinweg umritten.
Die Elben verneinten. Das letzte Mal war einer von ihnen vor 2000 Jahren hier gewesen und da hatte es an dieser Stelle noch keine Bäume gegeben. Der Wald sah aus, als wäre er erst wenige hundert Jahre alt.
„Wir sollten lieber umkehren, anstatt zu versuchen einen anderen Weg durch diesen Wald zu finden. Es ist bei dem Nebel nicht ungefährlich für die Pferde hier. Es sind überall Risse und Löcher im Boden neben dem Pfad und von diesem kann man leicht abkommen bei der schlechten Sicht. Die Pferde können leicht stolpern und sich verletzen“, erklärte der Zauberer. Er war abgestiegen und hatte sich gebückt, denn vom Pferderücken aus war der Erdboden schon lange nicht mehr zu sehen.
Doch auch beim Rückweg landeten sie in einer Schlucht.
„Wir müssen falsch abgebogen sein“, meinte einer der Elben.
Mitten im Wald gab es eine Stelle, wo sich über 20Pfade sternförmig kreuzten und die dadurch natürlich sehr dicht beieinander lagen, dennoch glaubte in Wirklichkeit keiner daran, daß sie den falschen Weg eingeschlagen hatten. Trotzdem gingen sie zurück zur Kreuzung und nahmen den direkt daneben liegenden Pfad. Dieser führte sie bald wieder zu einer Kreuzung, diesmal jedoch nur von zwei Pfaden.
„Gab es auf dem Weg, den wir gekommen sind, eine Kreuzung?“ fragte Gandalf schon völlig verwirrt.
„3 sogar.“
Dann könnten wir richtig sein.“
Doch bald erreichten sie eine vierte Kreuzung. Sie hielten an.
Herr Elrond sah sich nachdenklich um: „Es ist so neblig, daß man kaum etwas sieht. Doch das kann keine Erklärung dafür sein, daß ich die Richtung, in der wir gehen, nicht mehr bestimmen kann.“
Die anderen sahen betreten an, denn auch sie hatten es bemerkt. Anscheinend waren sie in die Falle gegangen.
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Legolas war nach Minas Tirith geritten. Aragorn erwartete ihn schon ungeduldig. Der König war äußerst nervös und schritt in seinem Gemach auf und ab, als der Elb gemeldet wurde. Er ließ ihn in seine Privatgemächer führen und fragte sich dabei, warum er allein kam. Es war doch wohl nichts mit Aiko?
Legolas trat ein. „Auf deine Nachricht bin ich so schnell wie möglich gekommen, wie ich konnte“, kam er ohne Umschweife zur Sache.
„Warum hat Aiko dich nicht begleitet?“
„Sie hat Heimweh bekommen und besucht deshalb ihre Mutter. Warum hast du nach uns geschickt?“
„Gandalf ist vor fast fünf Wochen aufgebrochen, um Herrn Elrond zu benachrichtigen. Sie müßten längst hier sein.“
„Übertreibe nicht. Gandalf braucht fünf bis sechs Tage hin und zurück dauert es mindestens 3 Wochen, da das Pferd von Herrn Elrond nicht so schnell sein kann wie Schattenfell. Doch das ist eine sehr knappe Rechnung und es sind gerade mal 4½ Wochen vergangen, also nur wenige Tage mehr. Für diese Verzögerung kann es viele harmlose Gründe geben. Außerdem ist es Herbst und wir wissen nicht ob das Wetter in Eriador auch noch so gut ist.“
„Elben macht kein Wetter etwas aus, das weißt du besser als ich.“
„Aber Regen kann die Reise verlangsamen, weil er die Straße schlechter macht und es für die Pferde anstrengender wird. Und falls sie nicht durch die Forte von Rohan sondern über den Caradhras gehen, dann könnten sie von Schnee überrascht werden.“
„Sie werden den Übergang über das Rothorn bestimmt nicht riskieren. Du erinnerst dich sicher noch, was das letzte Mal passiert ist, als wir es überquerten. Gimli meinte, der Berg würde Elben und Zwerge nicht lieben.“
„Also kein Schnee. Aber regnen wird es wohl sicher.“
„Herr Elrond weiß, daß es um das Leben von seiner Tochter geht und mit der größten Schnelligkeit vorwärts drängen. Es muß etwas passiert sein!“
„Was könnten wir gegen diese Schwarzmagier tun, wenn deine Vermutung wirklich stimmt?“ fragte Legolas leise.
Aragorn hörte auf hin und her zu wandern und setzte sich Legolas gegenüber: „Wir können nichts tun, ich weiß das auch. Wenn jemand helfen kann, dann Aiko.“
Legolas spürte, wie er ärgerlich wurde. Du willst Aiko auf die Suche schicken, wo du annimmst, daß selbst Gandalf von unseren Feinden besiegt wurde? Ich werde das nicht zulassen. Aiko darf sich nicht in eine solche Gefahr begeben!“ Jetzt war er so aufgeregt, daß er aufsprang.
Aragorn blieb unbeeindruckt: „Wenn Aiko das hören würde, wäre sie beleidigt.“
„Das ist mir egal. Ich weiß, daß sie kämpfen kann und inzwischen ausgezeichnet mit einem Schwert umgeht, mal ganz abgesehen von ihren magischen Kräften. Aber allein gegen diese Schwarzmagier, das... DAS WERDE ICH NICHT ZULASSEN!“
„Immer mit der Ruhe“, sagte Aragorn und hob abwehrend die Hände. „Ich habe nicht gesagt, daß sie allein gehen soll. Aber deine Frau steht in Kontakt mit ihrer früheren Lehrerin Suna und mit Salim und diese kennen bestimmt noch andere Magier, außerdem können sie vielleicht noch Verwandte von sich aus der anderen Welt holen.“
„Das dauert viel zu lange, bis die alle hier endlich versammelt sind. Und wer weiß, wann Aiko wiederkommt. Solange sie bei ihrer Mutter ist, können wir sie nicht erreichen.“
„Wir haben keine andere Möglichkeit“, behauptete Aragorn finster.
Plötzlich klopfte es an der Tür.
Auf Aragorns „Herein“ stürmte der Fürst Faramir ins Zimmer: „Herr, einer der Außenposten hat gerade gemeldet, daß von Nordosten her ein riesiges Heer von mindestens zwanzigtausend Orks auf uns zu marschiert. Der Mann vermutet, daß es Uruk- hai sind wie die in Isengart. Jedenfalls sind sie größer als normale Orks und sie sind nur noch drei Tagesmärsche entfernt von der Stadt.“
„Modo ist wieder am Werken“, erklärte Legolas.
Aragorn nickte. „Doch wo mögen sie so viele Orks her haben, noch dazu Uruk- hai?“
„Eine gute Frage“, gab sein Freund zurück.
„Die meisten Uruks sind doch beim Kampf gegen Saruman vernichtet worden und der Rest, der sich noch in Eriador versteckt hatte, den hat Modo gesammelt und rekrutiert. Und diese haben wir beim Kampf um Isengart vernichtend geschlagen. Ich hatte geglaubt, daß wir wahrscheinlich nie wieder eine dieser Kreaturen sehen würden.“
„Das selbe habe auch ich gedacht“ erwiderte der Elb. „Und nun schickt dieser Schwarzmagier zwanzigtausend Orks gegen uns, doppelt so viel wie das Heer von Saruman groß gewesen ist.“
„Aber Modo hat wie er in Isengart gewohnt. Vielleicht hat er dort heraus bekommen, auf welche Weise Saruman die Orks gezüchtet hat.“
Faramir unterbrach das Gespräch der beiden: „Wir müssen unser Volk zu den Waffen rufen, König Elessar.“
„Sofort. Doch wir dürfen uns nicht allein auf die Schlacht konzentrieren. Ich fürchte, das ganze ist nur ein Ablenkungsmanöver für was auch immer.“
„Ein Ablenkungsmanöver???“ Faramir glaubte seinen Ohren nicht trauen zu können. „Unser Feind ist wirklich mächtig geworden, wenn er eben mal zwanzigtausend Orks als Ablenkungsmanöver schicken kann.“
Die nächsten Tage waren völlig chaotisch. Aragorn versuchte gleichzeitig die Frauen und Kinder fort zu schicken und Soldaten zu sammeln. So bekamen sie wenigstens 6000 Mann zusammen, was völlig ausreichte, um die stark befestigte Stadt zu verteidigen. Dann waren die Orks ganz nah. Alle gingen in Kampfposition auf der Mauer und schauten nach Nordosten, von wo die Orks kommen sollten. Schon war eine dunkle Masse am Horizont zu erkennen. Bald würde der Kampf losgehen, doch die Menschen waren sich des Sieges gewiß und erwarteten den Kampf um Minas Tirith ungeduldig.
Leider hielten die Orks sich nicht an die gewohnten Kampftaktiken, sondern marschierten einfach an der Stadt vorbei und zwar ein paar Wegstunden östlich von der Stadt, so daß man sie mit einem Ausfall nicht erreichen und von der Seite angreifen konnte, während sie Minas Tirith passierten. Modo wußte natürlich um die Uneinnehmbarkeit der Stadt und der einzige Zweck der Orks war, möglichst viel Schaden anzurichten, was die Heerführer viel länger beschäftigen mußte. Das Heer spaltete sich in Banden von zwanzig bis tausend Orks auf und verteilte sich übers Land, sie mußten von den gondorischen Soldaten regelrecht gejagt werden. Es würde einige Zeit dauern, bis sie alle aufgerieben waren. Aragorn schickte Boten zu jedem Fürsten, damit diese wiederum die Bevölkerung warnten, außerdem mußte jeder Fürst eine zusätzliche Truppe von mindestens 500 Soldaten aufstellen, um das Land zu durchkämmen. Die in Minas Tirith gesammelten Soldaten wurden von Aragorn in Gruppen aufgeteilt. Er hatte alle Hände voll zu tun mit der Koordination der Kampftruppen und kam kaum dazu, an andere Sachen zu denken. Legolas dagegen beteiligte sich nicht mit an der Jagd auf die Uruks, sondern beschloß zu den Höhlen von Aglarond zu reiten und seinen Freund Gimli aufzusuchen. Die Höhlen lagen in Helms Klamm, eine tiefe Schlucht, die ihrerseits nicht weit von Dunland entfernt war. Vielleicht hatte man dort etwas von Gandalf gehört oder er traf ihn und Herrn Elrond sogar unterwegs.
Er schickte daher Nachricht zu seinen Waldelben, daß Aiko, wenn sie zurück kehrte, sofort zu Aragorn kommen sollte, dann machte er sich auf den Weg.
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Aragorn war seit Tagen damit beschäftigt gewesen, die Jagd auf die Orks zu organisieren. Zwar würde es noch lange dauern, bis sie die letzte dieser Kreaturen erwischt haben würden, doch die Sache lief inzwischen gut und so hatte der König endlich ein wenig Zeit für andere Dinge. Zuerst ging er zu seiner Frau, die immer noch bewußtlos war und vom Fieber geschüttelt wurde. Eine ganze Weile saß er dort, dann raffte er sich auf und ging zu Jojo. Diese saß in ihrem Bett, ein Buch auf den Knien.
„Hallo Jojo. Was ließt du denn?“
„Ein Buch, das mir vor einer Woche ein Bote gebracht hat. Aiko hat’s mir geschickt. Es heißt ‚Der Herr der Ringe‘. Kennst du es?“
„Nein, tut mir leid“, meinte Aragorn.
„Ich dachte nur. Es kommt darin jemand vor, der auch Aragorn heißt. Und einen Legolas gibt es auch. Und eine Arwen.“
„Aha...“ antwortete Aragorn völlig perplex. Er wollte gern mehr über dieses Buch erfahren, doch Jojo wechselte jetzt das Thema: „Du hast dich verdammt lange nicht blicken lassen!“
„Ich weiß und es tut mir auch wirklich leid. Ich hatte in den letzten Tagen sehr viel zu tun. Künftig werde ich dich häufiger besuchen, so oft wie möglich.“
„Wie geht es denn Arwen?“
„Sie ist immer noch sehr krank.“ Aragorn hatte dem Mädchen nicht gesagt, daß man die Elbin vergiftet hatte. „Wie sieht es denn mit deinem Gedächtnis aus, Jojo?“ fuhr er schnell fort, um nicht an Arwens Schicksal denken zu müssen.
„An ein paar Dinge erinnere ich mich inzwischen wieder.“
„Das ist schön. Erzählst du mir davon?“
„Aber es ist nicht viel. Ich habe mich inzwischen daran erinnert, daß ich noch eine andere Sprache spreche. Als kleines Kind habe ich sogar nur diese Sprache gekannt, erst später habe ich deutsch gelernt. Ich hatte auch mal einen kleinen Hund, aber der ist irgendwann gestorben. An ein paar Ereignisse aus meiner frühen Kindheit erinnere ich mich auch.“
„Erinnerst du dich daran, wo du zuletzt gewohnt hast? Wir könnten vielleicht deine Eltern finden.“
„Ich weiß nicht. Ich sehe Berge vor mir. Mehr kann ich nicht sagen.“
Aragorn verbarg seine Enttäuschung und nickte dem Mädchen freundlich zu: „Das ist ja immerhin schon etwas. Zwar gibt es in vielen Gegenden Berge, aber wir werden sehen.“
„Vielleicht erinnere ich mich ja bald daran.“
„Möglich. Ich muß jetzt gehen, Jojo.“
„Du bist doch gerade erst gekommen! Du bist echt gemein. Ich bekomme doch sonst keinen Besuch.“
„Es tut mir leid. Ich verspreche dir, daß ich morgen wieder vorbeischaue und länger bei dir bleibe. Und dann erzählst du mir etwas über dieses Buch, das du da hast, ja?“
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Legolas war nicht weit mehr weit von Helms Klamm entfernt und von Gandalf und Elrond hatte er nichts gesehen. Obwohl er bald am Ziel war, machte er Halt, um seinem Pferd eine Rast zu gönnen, es war schon recht erschöpft. Rohan war ein weites hügeliges Grasland bis auf ein paar Moore am Entfluß und Wäldern am Rand des Gebirges. In einem solchen befand Legolas sich gerade. Als seinen Rastplatz hatte er eine Lichtung auserkoren, durch die ein kleines Bächlein plätscherte. Gerade als er sich vorbeugte, um aus diesem zu trinken, hatte er plötzlich das Gefühl beobachtet zu werden. Dennoch ließ er sich nichts anmerken und trank seelenruhig aus dem Bach, behielt dabei jedoch die Umgebung im Auge. Dann sattelte er sein Pferd ab und nutzte die Gelegenheit umher zu spähen. Er konnte niemanden sehen, doch er wußte, daß mehrere Menschen zugegen waren. Er hörte ihr leises Atmen und konnte außerdem spüren, wie sie ihn aus den Büschen heraus beobachteten. Waren es nur Menschen, die Angst vor ihm hatten – so was kam öfter vor – oder waren es Feinde? Dann kam ein Windstoß genau aus der anderen Richtung, als von wo er bisher gekommen war, gerade von dort, wo die Leute saßen und nun war es klar: Es waren Feinde! Seine Nase hatte eindeutig den widerlichen Geruch von Orks wahrgenommen. Sie mußten ein kleines Stück hinter den Menschen im Gebüsch stecken. Der Elb überlegte nicht lange, sondern sprang schnell auf sein Pferd in der Hoffnung, die Menschen würden davon so überrascht sein, daß er schon im Dickicht verschwunden wäre, wenn sie reagierten. Doch kaum hatte sich das Tier in Bewegung gesetzt, da traf es ein Pfeil. Es bäumte sich auf und brach dann tot zusammen. Legolas sprang geistesgegenwärtig ab und landete auf den Füßen, das hohe Gras federte den Fall zusätzlich ab, so daß es kaum weh tat. Mit einem weiteren Sprung rettete er sich zwischen mehrere hüfthohe Steine, die ihn in jede Richtung schützten. Leider waren diese ziemlich in der Mitte der Lichtung, so daß es in alle Richtungen ein langer Weg zu den rettenden Bäumen war. Seine Feinde kamen aus den Büschen hervor und umzingelten ihn. Legolas schoß ein paar Pfeile ab, um sie daran zu hindern, näher als 10 Meter zu kommen. Die restlichen Pfeile brauchte er noch, da er jedenfalls belagert werden würde. Vorsichtig spähte er über die Steine: Um ihn herum verteilten sich 50 Orks, im Hintergrund standen drei Menschen.
Ärgerlich suchte Legolas sich eine bequemere Sitzposition. Wie hatte ihm das nur passieren können? Anstatt mitten im Wald Halt zu machen, wo er sich sofort im Unterholz verstecken konnte, hatte er sich die Waldlichtung ausgesucht. Jetzt zahlte er den Preis dafür. Einer der Männer trat jetzt durch die Orks in den Belagerungsring, wobei er die rechte Hand erhoben hielt zum Zeichen, daß er unterhandeln wollte. Legolas legte einen Pfeil an die Bogensehne und erhob sich. Einen Moment standen sie sich schweigend gegenüber, dann fragte der Mensch: „Liege ich richtig in der Annahme, daß ich Prinz Legolas von Düsterwald vor mir habe?“
„Warum interessiert euch das?“
„Genau diesen wünscht mein Herr zu sehen. Wenn ihr es also seid, dann solltet ihr Vernunft annehmen und euch ergeben. Ich verspreche euch, daß euch kein Haar gekrümmt wird.“
„Was ist ein Versprechen von einem Menschen, wie ihr es seid, schon wert!“
„Nun, ihr kennt meinen Meister, nicht wahr?“
„Euer Meister kann nur dieser Modo sein!“
„Richtig. Und ihr könnt euch sicher denken, daß er immer noch großes Interesse für seine Nichte hegt. Ihrem Ehemann würde er niemals etwas tun.“
„Modo will Aiko immer noch, obwohl er weiß, daß Aiko Gandalfs Tochter ist? Ist er nicht recht gescheit?“
„In eurer Lage solltet ihr vielleicht etwas weniger beleidigend sein. Unser Meister fürchtet diesen Zauberer nicht.“
„Das habe ich aber ganz anders in Erinnerung.“
„Vorsichtig.“
„Außerdem meinte ich das eben ganz anders. Er wird Aiko niemals von seinen bösen Machenschaften überzeugen können.“
„Das ist nicht meine Sache, sondern die meines Herrn. Es ist natürlich richtig, daß sie von diesem Zauberer verdorben wurde, doch in ein paar Jahren wird unser Meister ihr sicher Vernunft beigebracht haben. Jetzt ergebt euch schon. Ich verspreche euch noch mal, daß wir euch nichts antun werden.“
„Mag sein. Doch ich werde mich niemals freiwillig ergeben. Lieber sterbe ich, als daß euer schwarzer Meister mich als Geisel verwendet. Er wird Aiko nicht bekommen.“
„Nun wir werden sehen. Euer Proviant war doch in der Satteltasche, nicht wahr?
Elben kommen zwar länger ohne Nahrung aus, doch nicht ewig. In einer Woche werden wir uns wieder sprechen, es sei denn, ihr selber wollt früher unterhandeln. Wenn es sein sollte, braucht ihr mich nur zu rufen.“
Er ging zurück zu den anderen Menschen und meinte leise: „In einer Woche wird er fast verdurstet sein. Der Hunger wird ihn außerdem quälen, auch wenn Verhungern länger dauert. Wir werden dann keine Probleme mehr haben, selbst wenn er sich nicht ergibt.“
Gerade in diesem Augenblick kamen zwei Frauen heran geritten, sie sich glichen wie ein Ei dem anderen. Es mußten Zwillinge sein. Beide hatten schwarze Haare, blaue Augen und eine von der Sonne gebräunte Haut. Sie mußten um die dreißig Jahre alt sein. Die beiden wurden von den Männern ehrerbietig begrüßt: „Die Herrinnen Arlena und Altana! Seid willkommen.“ Bei diesen Worten verbeugten sie sich.
Die Frauen ließen sich kurz berichten, dann meinte die Eine: „Leider haben wir keine Zeit, euch zu helfen, da wir einen eiligen Auftrag zu erfüllen haben und keine Stunde säumen können. Ihr müßt ihn also weiter belagern. Lebt wohl.“
Die Männer sahen ihnen enttäuscht nach, als sie fort ritten, denn gegen die Hexen hätte sich der Elb nur wenige Minuten wehren können, wenn überhaupt.
„Als ob es auf diese 5 Minuten angekommen wäre. Zum Teufel mit diesen Hexen!“ brummte einer.
„Hast recht. Die sind so was von eingebildet. Um uns zu helfen sind sie sich natürlich viel zu fein. Sie könnten sich ja die Hände schmutzig machen!“
„Auch das noch“, murmelte Legolas, der die Szene über die Steine seines Verstecks hinweg beobachtet hatte. Anscheinend hatte Modo neue Hexen gefunden, die nun in seinen Diensten standen. Und das, wo sie geglaubt hatten, daß alle Schwarzmagier mit Ausnahme von Modo und seinen bisherigen Leuten vernichtet waren. Nun ja, vielleicht waren es ursprünglich weiße Hexen, die zu ihm übergelaufen waren.
Legolas atmete tief ein und verdrängte dann energisch diese lästigen Gedanken, denn im Moment hatte er wahrlich andere Sorgen.

 

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