Kapitel 6

Die Belagerung

Legolas steckte wirklich in einer üblen Lage. Weder des Tags noch des Nachts sah er eine Möglichkeit, aus dem Belagerungsring zu fliehen. Bei gewöhnlichen Orks hätte er es tagsüber versucht, doch die Uruk- hai, mit denen er es hier zu tun hatte, konnten das Sonnenlicht ertragen und gut sehen. Nachts war ihr Sehvermögen dafür nicht ganz so gut wie bei anderen Orks, doch es reichte völlig aus, um ein Entkommen für ihn auch während der Dunkelheit unmöglich zu machen. Außerdem waren die Orks, die ihn belagerten, genug, um sich in 2 Gruppen aufzuteilen und abwechselnd zu wachen, so daß ein Nachlassen der Wachsamkeit nicht so schnell zu erwarten war. Bei ihrem Angriff auf ihn hatte er 8 von ihnen erschossen, was die Orks ihm zusätzlich noch sehr übel nahmen und ihre Wachsamkeit anspornte (zum Teil auch, weil die Menschen ihnen die Arbeit aufgehalst hatten, die Toten zwischen den Bäumen zu vergraben). Ohne die Toten waren es immer noch 52 Orks und er hatte gerade noch 21 Pfeile, also viel zu wenig, um alle zu töten. Von alleine konnte er eine Flucht also unmöglich bewerkstelligen. Doch das jemand vorbei kam, war auch sehr unwahrscheinlich, denn er war nicht der Straße gefolgt, sondern auf einen kleinen Pfad eingebogen, der direkt nach der Schlucht von Helms Klamm führte. Leider wurde er kaum genutzt, da die Hornburg zu Friedenszeiten nicht viele Bewohner hatte und die Mehrzahl der Bevölkerung in dieser Gegend Bauern waren, die auf ihren Feldern vor der Schlucht wohnten und ihre Höfe nur verließen, wenn sie ihre Waren auf dem Markt in Edoras anbieten wollten. Dann fuhren sie gewöhnlich Wagen, mit denen sie die Straße benutzen mußten. Wäre er doch nur auch auf der Straße geblieben, der Umweg war eigentlich gar nicht zu bedeutend, doch er hatte so schnell wie möglich zurück in Minas Tirith sein und sich daher auch bei den Zwergen in den Höhlen von Aglarond nur so kurz wie möglich aufhalten wollen. Jetzt sah es so aus, als würde er gar nicht zurück kehren.
Am Abend des 2. Tages der Belagerung begann es auch noch zu regnen. Als Elb war Legolas zwar abgehärtet und jedes Wetter machte ihm nicht viel aus, doch der Regen dauerte an und verwandelte den nicht bewachsenen Boden zwischen den Steinen in Schlamm, mit dem er schnell von Kopf bis Fuß beschmiert war. Erst bei Sonnenaufgang des 4. Tages hörte der Regen auf. Ergebnislos versuchte der Elb den Schlamm aus seinen Haaren zu bekommen. Die Zöpfe, die er sonst immer trug, hatten sich längst aufgelöst, so daß die nassen, schmutzigen Strähnen oft nach vorne fielen, was sehr unangenehm war und ihn außerdem unglaublich nervte. Die Elben flochten sich ihre Haare nicht nur zur Zierde zu Zöpfen, das lange und weiche Haar war im offenen Zustand kaum aus dem Gesicht zu halten. Als er die Beine einmal unvorsichtig bewegte, spritzte ihm der Schlamm auch noch in die Augen, so daß er für einen Moment blind war. Glücklicherweise hatte es niemand bemerkt, sonst wäre er in diesem Moment eine leichte Beute gewesen, aber das interessierte Legolas nur noch wenig, denn inzwischen hatte ihn die Hoffnung auf ein Entkommen fast verlassen. Die Feinde waren keinen Moment unachtsam und ihn quälte ein fürchterlicher Durst, der so stark war, daß er den Hunger kaum spürte. Die letzten Tage hatte er den Regen von den Steinen geleckt, doch das hatte ihm nicht viel gebracht, im Gegenteil hatte er danach immer das Gefühl noch durstiger zu sein und es schließlich gelassen. Der Durst würde ihn noch wahnsinnig machen. Er brauchte dringend Hilfe, sonst war er verloren!
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Legolas fuhr aus einem kurzen Schlaf hoch und schaute schnell nach allen Seiten, ob sich etwas verändert hatte. Er bemerkte, daß einer der Menschen ihn spöttisch ansah. Man hatte seinen Schlaf also bemerkt, doch den Leuten gefiel es wohl, ihn möglichst lange leiden zu lassen. Er seufzte. Er konnte es nicht länger vermeiden, er mußte schlafen! Elben kamen längere Zeit ohne Schlaf aus, aber nicht ewig und besonders der Durst hatte ihn so geschwächt, daß er es nicht länger hinaus zögern konnte. Wahrscheinlich würde es eh nichts ändern, da der Mensch immerhin Wort zu halten schien, daß sie sich erst nach Ablauf einer Woche wieder sprechen würden. Mit einem letzten wachsamen Blick rundum suchte er sich eine möglichst bequeme Position und schlief ein.
Die Menschen saßen vor dem Zelt, das sie vor den Unbilden des Wetters schützte. Nach dem Regen schien ein wenig die Sonne und es war einigermaßen warm geworden, vielleicht der letzte warme Tag des Jahres. Diesen genossen sie nun und achteten nicht auf die Umgebung. Bisher hatte immer einer von ihnen auf einem Baum am Rande der Lichtung gesessen, um den Elben zu beobachten, doch jetzt, wo er schlief, war keiner mehr willig, diesen Posten zu übernehmen, besonders weil er ihnen so schon sehr leidig geworden war. Nun unterhielten sie sich lebhaft und verließen sich in bezug auf ihre Sicherheit auf die guten Nasen der Orks, die ihrer Meinung nach garantierten, daß niemand sie unbemerkt beobachten konnte, wenn hier überhaupt jemand herkam. Was sie dabei nicht bedacht hatten, war, daß der leichte Wind konstant aus dem Osten kam, während die nächsten Behausungen des Volkes von Rohan doch im Westen lagen. So kam es, daß sie schon am 3. Tag der Belagerung von einer kleinen Gruppe Holzfäller entdeckt worden waren. Diese konnten den Elben zwar nicht sehen, aber allein der Umstand, daß Orks in der Gegend waren, reichte aus, um ihnen klar zu machen, daß sie schnell ihren König benachrichtigen mußten. Daher liefen sie zum nächsten Dorf, daß in der Nähe von Helms Klamm lag und von dort wurde ein Bote nach Edoras geschickt. Die Geschichte sprach sich schnell herum und so hörten sie auch die Zwerge am nächsten Tag.
„Hmm“, brummte Gimli, „eigentlich ist es doch gar nicht nötig auf die Leute aus Edoras zu warten. Wir sind Zwerge genug.“
„Wir sollten trotzdem erstmal nichts unternehmen. König Eomer ist hier der Herr und er muß entscheiden, was getan werden soll. Aber untätig zusehen möchte auch ich auf keinen Fall“, meinte ein andrer Zwerg namens Gormhad.
Die beiden saßen zusammen beim Bier und unterhielten sich. Sie waren gute Freunde.
„Du hast wohl recht“, antwortete jetzt Gimli, „dennoch möchte ich mir die Sache mal näher anschauen. Ich meine, das Verhalten ist für Orks ziemlich ungewöhnlich.“
„Welches Verhalten?“
„Na, einfach so auf einer Waldlichtung herum zu sitzen und das auch noch im Feindesland.“
„Du hast recht, Gimli. Aber was willst du jetzt machen?“
„Nun, wenn diese Holzfäller sich da anschleichen, werden wir das wohl auch schaffen. Wir beobachten sie also ein wenig, um herauszufinden, was sie hier wollen. Wir erraten das wohl eher, als die unerfahrenen Leute, die sie entdeckt haben. Du begleitest mich doch?“
„Natürlich.“
„Dann ist es abgemacht. Ich werde heute Abend einen der Holzfäller nach dem Weg fragen und morgen früh geht’s los.“
Sie machten sich noch vor dem Morgengrauen auf den Weg und erreichten nach etwa 5 Stunden den Wald. Der Holzfäller hatte ihnen den Weg so gut beschrieben, daß sie die Lichtung ohne Schwierigkeiten fanden, obwohl sie von dem Weg ins Dickicht ausweichen mußten, damit ihr Kommen nicht bemerkt wurde. Allerdings war keiner der beiden sonderlich in der Kunst des lautlosen Bewegens bemeistert, besonders nicht im Wald. Glücklicherweise erreichten sie die Lichtung trotzdem ohne bemerkt zu werden, denn ein paar Orks waren gerade in Streit geraten und brüllten sich gegenseitig laut an.
Gormhad flüsterte: „Wirklich merkwürdig! Was glaubst du, warum bilden sie einen Kreis um diese Steine?“
„Dumme Frage! Sie belagern jemanden. Zwischen den Steinen ist ein freier Platz, wo sich ein Mensch verstecken kann.“
Sie beobachteten die Szenerie eine Weile, dann flüsterte Gimli plötzlich kaum hörbar: „Sieh, ich hatte recht.“
„Ich sehe nichts.“
„Es schaut ein halber Kopf hinter den Steinen hervor und blickt um sich. Jetzt verschwindet er wieder.“
Kurze Zeit später erschien der Kopf noch mal, diesmal jedoch etwas höher.
„Der arme Kerl ist ganz mit Schlamm beschmiert, man kann das Gesicht kaum erkennen“, brummte Gimli.
„Wir müssen ihm helfen“, meinte Gormhad. „Er muß über 2 Tage da drin stecken.“
„Ich bezweifle nicht, daß du recht hast. Er wird jedenfalls schon dort gewesen sein, als die Holzfäller die Orks entdeckten.“
„Was sollen wir tun?“
„Auf eine günstige Gelegenheit warten und sie dann ablenken, damit der Belagerte entkommen kann“, erklärte Gimli.
„Ziehst du dabei auch in Betracht, daß wir dann von einer Horde Orks verfolgt werden?“
Sein Freund dachte eine Weile nach, dann erklärte er: „Wir müssen geschickt vorgehen. Ich denke mal, wenn wir sie versuchen fort zu locken, dann werden wir nur von denen verfolgt, die keine Wache haben. Das sind... 32. Wir müssen sie überlisten und dazu habe ich schon eine Idee. Es gibt in der Nähe eine Höhle, die ich vor kurzem untersucht habe. Dort ist es leicht zu entkommen und mit dem Rest werden wir dann schon fertig. Es sind nur noch... 20. Die Nacht halten sie wohl für gefährlicher und stellen dort mehr Wachen auf. Vielleicht kann uns auch unser Freund dahinten helfen, wenn er noch genug Kraft hat.“
Gormhad betrachtete die Steine mit schief gelegtem Kopf und meinte: „Ich hoffe, er ist wirklich ein Freund. Nachher riskieren wir hier unseren Kopf und am Ende stellt sich dann heraus, daß wir es hier mit irgendeinem bösen Wesen zu tun haben, das mit den anderen Leuten in Fehde lebt.“
„Das hoffe ich auch.“
Sie warteten eine Weile auf eine günstige Gelegenheit. Gegen Mittag begab es sich, daß man Essen zuzubereiten begann. Die Menschen sorgten für sich selbst und aßen in ihrem Zelt, die Orks, die momentan keine Wache hatten, versammelten sich um ein Feuer auf der anderen Seite der Lichtung und begannen darüber Fleisch zu braten. Brot verteilten sie bereits untereinander und an die Posten, während sich ein würziger Duft über der Lichtung ausbreitete. Dennoch rümpften die Zwerge angewidert die Nasen, da sie sich unwillkürlich fragten, von was für Lebewesen das Fleisch stammte. Aber sie mußten sich jetzt auf andere Dinge konzentrieren.
„Eine günstigere Gelegenheit werden wir nicht bekommen“, behauptete Gormhad und Gimli stimmte zu. Orks können sehr schnell laufen, daher brauchten sie einen Vorsprung, um zu entkommen. Jetzt traten die beiden auf die Wiese und taten völlig überrascht und entsetzt und Gormhad schrie laut und deutlich: „Weg hier!“ Als ob das ein Zeichen gewesen wäre, rannten nicht nur die Zwerge, sondern auch die für einen Moment erstarrten Orks los, wobei sie zu brüllen anfingen, daß man davon taub werden konnte.
Gimli übernahm die Führung durch den Wald. Hier zwischen den Bäumen hatte er Schwierigkeiten den Weg zu finden und daher hatten die Feinde sie fast eingeholt, als endlich der Eingang der Höhle vor ihnen lag. Sie liefen hinein. Die Höhle teilte sich nach kurzer Zeit in 2 Gänge und Gimli wählte den Linken, die Orks folgten. Der Gang endete nach einer kurzen Strecke, doch an der Seite führte ein Loch schräg nach oben, gerade groß genug für die Zwerge. Sie krochen hinein und hörten unter sich das laute Kreischen der Orks, die ihre Beute schon sicher geglaubt hatten. Zum Glück hatten sie keine Bögen dabei, diese waren bei dem überhasteten Aufbruch liegen geblieben. Wütend schlugen die Orks mit ihren Schwertern gegen den Stein, als ob sie damit das Loch breiter machen könnten. Die Zwerge erreichten derweil den oberen Ausgang.
„Und nun?“ fragte Gormhad.
„Hier an der Seite führt ein Pfad hinunter, doch sie würden uns schnell wieder einholen, wenn wir sofort gehen. Aber siehst du die Steine hier? Die Felswand ist abschüssig und mit kleinen Steinen und Kies bedeckt. Wenn wir sie anschieben, verursacht das einen Steinschlag, der die Höhle verschließt.“
Sie brauchten ihre ganze Kraft, um die 2 Steine, die Gimli gemeint hatte, an zu schieben, doch als es endlich geschafft war, brachte es auch den gewünschten Effekt.
Unten in der Höhle unterdessen waren die Orks gerade auf den Gedanken gekommen, von außen nach dem anderen Ende des Lochs zu forschen. Sie liefen aus der Höhle, als gerade die Steinlawine kam. Mehrere wurden verschüttet und der Rest war gefangen, nur einer entkam. Gimli zog schnell seine Wurfaxt heraus und schleuderte sie nach dem Uruk. Er traf gut.
„Der wäre erledigt!“ rief er, während er den Abhang hinunter kletterte und seine Axt zurück holte. „Es wird mit Sicherheit mehrere Stunden dauern, bis die restlichen Orks so viele Steine abgetragen haben, daß sie eine Lücke schaffen, aus der sie hinaus ins Freie können. Inzwischen haben wir genug Zeit zu handeln.“
Sie fanden den Weg zur Lichtung leicht, da die Spur der Orks nicht zu übersehen war. Am Ziel angelangt, bemerkten sie, daß die Zurückgebliebenen sich keine Sorgen machten. Die völlig überraschten Zwerge mußten eine leichte Beute sein. Die Menschen spekulierten sogar schon darüber, ob die Zwerge nicht vielleicht sogar Gold bei sich hatten. Sie lagerten nun nahe des Anfangs der Spur der Orks, daher konnten die Zwerge gut verstehen, was gesprochen wurde.
„Wenn sie wirklich Gold bei sich haben, dann werden sich die Uruk- hai gegenseitig umbringen“, meinte einer.
„Und außerdem wäre es doch Verschwendung, diesen Kreaturen das schöne Metall zu überlassen. Ich werde ihnen hinterher gehen und nachschauen, was passiert.“
Er erhob sich, um der Orkfährte zu folgen. Gerade noch rechtzeitig konnten sich Gormhad und Gimli tief genug ins Gebüsch zu drücken, um von ihm nicht gesehen zu werden, denn sie mußten sich dabei sehr vorsichtig bewegen, um nicht gehört zu werden. Schnell war der Mensch vorbei.
„Das war knapp“, meinte Gimli so leise, daß sein Freund ihn kaum verstehen konnte. „Wir sollten jetzt angreifen, bevor er zurück kommt.“
Die Zwerge berieten nun flüsternd, wie sie vorgehen sollten. Am Ende beschlossen sie, einfach drauf los zu stürmen. Die Menschen wollten sie erstmal außer Acht lassen, denn die Uruks hielten sie für wesentlich gefährlicher.
Dann blickte Gimli wieder zur Lichtung und bemerkte die Augen des Belagerten, die diesmal genau in ihre Richtung blickten. Schnell streckte er die Hand für eine Sekunde aus dem Gebüsch. Die Augen schienen zu zwinkern, sofern es sich auf diese Entfernung überhaupt sagen ließ.
„Ob er es gesehen hat?“ fragte Gormhad.
„Keine Ahnung. Möglich ist es. Und wenn nicht, dann wird er gleich von unserer Anwesenheit erfahren, denn wir legen jetzt los.“
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Durch die lange Zeit des Wachens hatte Legolas so tief wie noch nie geschlafen. Die nicht gerade leisen Vorbereitungen der Orks für das Essen hatte er einfach überhört und erst als die Uruks die Zwerge entdeckten und anfingen ohrenbetäubend zu brüllen, während sie los stürzten, wachte er auf. Schnell hoch schreckend sah er gerade noch 2 kleine Gestalten im Wald verschwinden. Von hinten konnte er Gimli nicht erkennen, schon gar nicht in der einen Sekunde, die er die beiden sah, dennoch wünschte er den Zwergen von ganzem Herzen, daß sie entkommen könnten. Auf den Gedanken, das plötzliche Auftauchen sei Absicht, kam er nicht, aber er hoffte, sie holten Hilfe, um die Orks zu besiegen. Doch es war eher unwahrscheinlich, fand der Elb, denn sie hatten ihn nicht sehen können, außerdem waren Zwerge anderen Reisenden gegenüber gewöhnlich wenig hilfsbereit. Von Zeit zu Zeit spähte er nervös über die Steine, um zu schauen, was geschah. Dabei blickte er immer in die Richtung, in der die Verfolgung los gegangen war. Er nahm an, daß die Zwerge sie einhalten würden, um die nächsten Behausungen des Volkes von Rohan zu erreichen und er fragte sich außerdem, wann die Orks wieder kommen würden. Ob sie die Verfolgung nach einer gewissen Zeit aufgaben? Bevor die Zwerge sich in das nächste Dorf in Sicherheit gebracht hatten sicher nicht, beantwortete er sich die Frage sofort selbst, denn für diese Gesellschaft hier war es besser, wenn niemand etwas von ihnen wußte. Und die nächsten Wohnstätten des Volkes von Rohan waren einige Stunden entfernt, also kaum zu erreichen für die Zwerge. Erwischten die Orks sie dennoch nicht, so würde man wahrscheinlich noch heute versuchen, ihn gefangen zu nehmen. In Wirklichkeit waren die Zwerge natürlich nicht nach Westen gelaufen, sondern bald nach Süden eingebogen, um zu den Ausläufern des Gebirges zu gelangen.
Als etwas eine Stunde vergangen war, schaute er wieder einmal über die Steine, weil er sich entfernende Schritte hörte. Einer der Menschen ging aus irgendeinem Grund den Orks nach. Schnell erreichte er die Sträucher und war nicht mehr zu sehen, dennoch starrte Legolas ihm noch eine Weile nach, weil er sich fragte, was das zu bedeuten habe. Gerade wollte er wieder zwischen den Steinen verschwinden, da sah er auf einmal ganz kurz eine Hand aus den Büschen neben der Fährte ragen. Sein Erstaunen äußerte er lediglich mit einem Augenzwinkern, denn alles andere konnte den Feinden auffallen. Aber er hoffte, daß die Hand ein Zeichen war, daß ihm jemand helfen wollte. Wenn das so war, dann mußte er seinen Teil dazu beitragen. Er nahm seinen Bogen und tat, als betrachte er eine schadhafte Stelle am Holz. Niemand beachtete es.
Und dann stürmten die Zwerge plötzlich mit lautem Ruf auf die Orks los: „Khazad, Khazad!“
Im selben Moment schoß Legolas auch schon den ersten Pfeil ab. Die Orks waren von den Menschen nicht mehr zu halten und schossen auf den Elben, doch dieser kniete hinter den Steinen, so daß er nur die Stirn und die Augen als Ziel bot und die Uruks waren nicht die besten Schützen. Nur gelegentlich mußte er sich ducken, um einem Pfeil zu entgehen. Die Zwerge sprangen zwischen die Orks und begann mächtig auszuteilen. Die Uruks vergaßen Legolas daraufhin erstmal und zogen sich um sie zusammen, doch einer nach dem anderen fiel unter ihren Äxten. Der stärkste und größte Ork der Gruppe sprang aus dem Gewühl heraus, um genug Platz zu haben, Gimli kam hinterdrein. Der Uruk bemerkte ihn, machte halt und drehte sich um, scheinbar erwartete er seinen Gegner und hielt das Schwert kampfbereit, aber plötzlich zog er ein Messer aus dem Gürtel und schleuderte es heimtückisch auf den Zwerg. Dieser wich aus, schaffte es jedoch nicht mehr, ganz fortzukommen und so durchbohrte die Klinge seinen Arm, was aber natürlich besser war als das Herz. Ein Schmerz schoß durch seinen ganzen Körper, aber er achtete nicht darauf, sondern griff mit lautem Brüllen an. Er wehrte den Schlag des Gegners ab, dann schlug er ihn in die Eingeweide. Der Ork ließ das Schwert fallen und sank auf die Knie, ein zweiter Schlag tötete ihn. Der Zwerg zog sich das Messer aus dem Arm und eilte dann zurück, um Gormhad zu helfen, der von vorn und hinten angegriffen wurde. Doch seine Hilfe war unnötig, denn Legolas hatte es bereits gesehen und erschoß schnell die beiden Orks im Rücken des Zwerges, mit den anderen wurde er alleine fertig. Die Uruks, die jetzt noch übrig waren, flohen. Es waren nicht mehr allzu viele. Gimli sah sich nach den Menschen um, doch auch diese waren fort.
„War ja klar, daß die abhauen. Jemand hungern lassen, das können sie, aber kämpfen...“
„Wir müssen deinen Arm verbinden. Die Wunde hört gar nicht auf zu bluten“, meinte Gormhad.
Beim zweiten Auftauchen der Zwerge hatte Legolas seinen Freund sofort erkannt. Jetzt sah er mit Schrecken, daß dieser blutete. Er wollte hin, um zu helfen und sprang auf. Erst in diesem Moment merkte er, wie sehr ihm die Tage und Nächte ohne Nahrung und Bewegung zugesetzt hatten: Er konnte kaum stehen und taumelte aus dem Steinring. So etwas hatte er noch nicht erlebt und es ärgerte ihn sehr. Die Zwerge blickten zu ihm rüber. Auf den Gedanken, daß sie es hier mit einem anderen Wesen als einem Menschen zu tun hatten, kamen sie nicht im Entferntesten.
„Ist alles in Ordnung mit euch, Herr?“ fragte Gimli.
„Herr?!“ dachte Legolas verwundert. „Kennt Gimli mich nicht mehr?“
Er versuchte ihn anzusprechen, doch über seine gesprungenen Lippen kam nur ein trockenes Krächzen. Der Durst war wirklich fürchterlich. Während des Kampfes war er abgelenkt gewesen, jetzt spürte er ihn um so schlimmer.
„Wartet nur noch einen kleinen Moment. Ich werde nur schnell meinen Freund verbinden, dann helfen wir euch, Herr. Am besten legt ihr euch solange hin.“
Gormhad war ein Heiler der Zwerge. Diese hatten zwar nicht ein solch großes Wissen wie die Heiler der Elben, doch schlecht waren sie auch nicht. Er untersuchte die Klinge und stellte fest, daß sie nicht vergiftet war, dann legte er Kräuter auf die Wunde und verband sie.
„So, das wird erstmal ausreichen. Wie gut, daß ich immer Verbandzeug dabei habe.“
Dann wendeten sie sich zu Legolas, der es vorgezogen hatte, sich mit dem Rücken an die Steine zu lehnen, anstatt sich hinzulegen, denn die ungekannte Schwäche machte ihn nicht nur auf sich selbst ärgerlich, sondern war ihm auch peinlich, besonders vor den Zwergen. Wortlos reichte Gimli ihm einen Wasserschlauch, den er dankbar leerte. Dabei legte er den Kopf in den Nacken und die Haare fielen zurück, so daß die beiden nun die spitzen Ohren sehen konnten.
„Ihr seid ein Elb!“ rief Gimli erstaunt aus.
Legolas hatte inzwischen seine Sprache wiedergefunden: „Natürlich! Für was habt ihr mich denn gehalten?!“
Die Zwerge mußten lachen.
Gormhad zog den Elben am Arm hoch und meinte: „Kommt nur einmal mit zu dem Bach da vorne. Dann könnt ihr uns sagen, ob ihr euch selbst erkennt.“
Legolas kniete nieder, um sein Spiegelbild zu betrachten und erschrak ziemlich, als er sich im Spiegel des Wassers sah, denn der Schlamm war wirklich überall, er hing sogar in den Wimpern und seine Haarfarbe war kaum zu identifizieren.
Dann mußte er selber lachen: „Ich erkenne mich wirklich selbst kaum. Aber Gimli, wenn du mal überlegst, mit wie vielen Elben du befreundet bist, dann weißt du vielleicht, wer ich bin.“
„Legolas?“ fragte Gimli erstaunt und als der Elb nickte, fiel er dem vor ihm knienden Freund vor Freude um den Hals, was dieser gern litt, auch wenn es ihn überraschte, denn ein solches Verhalten kannte er eigentlich nur von Menschen.
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Legolas hatte im Bach gebadet.
„Nun bist du wieder von einem Ork zu unterscheiden“, meinte Gimli schmunzelnd. Der Elb mußte lächeln. Während er im Wasser gewesen war, hatten die Zwerge ihre Vorräte ausgepackt, die aus ein paar Käsebroten und Äpfeln bestanden.
„Eßt nur alles auf“, meinte Gormhad, „ihr müßt großen Hunger haben. Wie lange habt ihr eigentlich in diesem Loch gesteckt?“
„Beinahe 5 Tage.“
„Oh, weh, das ist noch länger, als wir gefürchtet hatten.“
Sie beobachteten lächelnd, wie Legolas die Brote hinunterschlang.
„Leider ist nicht allzuviel zu Essen da, weil wir nur mit einem Tagesausflug gerechnet hatten“, meinte Gormhad bedauernd.
„Einen Tagesausflug? Was wolltet ihr denn hier?“ fragte der Elb und biß ein großes Stück von einer Brotscheibe ab.
„Nachschauen, was die Orks hier treiben.“
Legolas sah ihn einen Moment fassungslos an, dann schluckte er den letzten Bissen fast unzerkaut hinunter: „Aber wie konnte es euch denn dann passieren, mitten in die Orks hinein zu laufen?“
„Das war natürlich Absicht“, meinte Gimli ungeduldig. „Der Hunger scheint deinem Verstand zu schaden. Wir mußten die Orks teilen, 52 dieser Kreaturen waren doch ein paar zuviel auf einmal...“
„Schon klar“, nuschelte Legolas undeutlich, weil er bereits wieder kaute. Schnell verschwanden auch die Äpfel.
„Fühlst du dich jetzt besser?“ fragte sein Freund.
„Sehr viel besser. Und vielen Dank ihr beiden, ihr habt...“
„Schon gut, schon gut“, unterbrach ihn Gormhad. „Das reicht. Wir wollen keine weiteren Worte des Dankes hören!“
Legolas nickte. Er selbst hätte genauso darauf bestanden, wäre es andersherum gewesen. Aber wenn er konnte, dann würde er es ihnen irgendwann danken, indem er ihnen seinerseits half.
„Hast du eine Ahnung, was das für Leute waren und was sie von dir wollten?“ fragte Gimli.
„Es waren Diener von Modo“, erklärte Legolas, während er begann, seine Haare zu flechten, damit er endlich wieder ungestörte Sicht hatte. „Und sie wollten mich fangen, um so an Aiko heran zu kommen.“
„Modo? Also ist er wieder aufgetaucht. Wir hatten ja gleich gefürchtet, daß es nur eine Frage der Zeit sei, bis man wieder von ihm hört. Aber mich wundert es, daß er immer noch an Aiko interessiert ist. Selbst Gandalf meinte, sie sei jetzt außer Gefahr.“
„Tja, anscheinend hat es Modo Selbstbewußtsein mächtig gestärkt, daß er Gandalf auf irgendeine Weise aufhalten konnte. Vielleicht ist er sogar gefangen oder tot.“
„Was??? Das kann doch nicht sein! Was ist denn passiert, daß es so weit kommen konnte?“ Beide Zwerge waren sehr erschrocken und außer sich.
Der Elb wollte antworten, doch diesem Moment horchte er auf und kurze Zeit später auch die Zwerge, denn der Schall von Hufgetrappel drang zu ihnen. Bald sprengte eine Reiterschar auf die Lichtung.
Eomer sprang vom Pferd und lief auf sie zu: „Heil König Legolas, heil Gimli Gloins Sohn und Gormhad Gorans Sohn. Was hat euch hierher geführt?“ Gimli erklärte dem Menschen nun zunächst die Situation, worauf dieser eine Abteilung Reiter zu der Höhle schickte, in der die Zwerge die Uruks überlistet hatten. „Wo ist euer Pferd, Legolas?“ fragte er dann.
„Das ist erschossen worden, als ich angegriffen wurde. Die Orks haben sich darüber her gemacht. Da drüben liegen noch die Knochen.“ Er wies in die betreffende Richtung.
Einer der Reiter überließ Legolas sein Pferd, er kannte sich hier aus und wollte zu Fuß nachkommen. Gimli saß mit dem Elben auf dem Tier, während Gormhad von Eomer gebeten wurde, mit ihm zu reiten. Auf den schnellen Pferden erreichten sie bald Helms Klamm und stolz führte Gimli sie in die Höhlen von Aglarond. Die Zwerge hatten die Gänge vorsichtig bearbeitet, so daß alles noch mehr funkelte, tausende kristallene Lampen hingen gut verteilt an den Wänden und beleuchteten jede Ecke. Eine kleine aber besonders glitzernde Kammer bildete das Empfangszimmer, in dem Gimli Gäste begrüßte. Es war der Stolz der Zwerge, denn es schillerte in allen Farben des Regenbogens, weil die Decke und die Wände mit Opalen fast komplett bedeckt waren. Legolas sah sich lächelnd um. Die Zwerge hatten es wirklich geschafft, diese wunderbaren Höhlen ins vorteilhafteste Licht zu setzen. Die steinerne Landschaft der Grotten brauchte sich vor der Schönheit der oberirdischen Natur nicht zu verstecken, fand der Elb. Hier würde er gerne öfter zu Besuch kommen. Doch jetzt war keine Zeit für eine längere Bewunderung der Lichtspiele, denn sie hatten wichtigeres zu tun, nämlich über die Vorkommnisse in Minas Tirith und das Ausbleiben der Hilfe aus Bruchtal zu sprechen. Besonders König Eomer mußte schnell unterrichtet werden, denn es war nötig, daß er um die Gefahr wußte, die seinem Land möglicherweise drohen mochte.
Doch Gimli ordnete an, erstmal etwas zu Essen aufzutragen und ein heißes Bad vorzubereiten. Legolas war es ziemlich peinlich, daß er eine solche Verzögerung verursachen sollte, auch wenn er immer noch Hunger hatte. Dafür war später noch genug Zeit.
Aber Gimli blieb hart: „Auf eine Stunde mehr oder weniger kommt es auch nicht an. Außerdem haben wir dann auch noch Zeit dazu, daß Gormhad meinen Arm sofort noch mal richtig versorgt, während du badest.“
Der Zwerg ließ keine Widerrede zu und nach dem Bad mußte Legolas sich eingestehen, daß er sich viel besser fühlte, nachdem der restliche Schmutz fort gewaschen war. Anschließend kam er zurück zu den anderen, die schon am Tisch saßen und auf ihn warteten.
Schon während des Essens erzählte Legolas von den Vorgängen in Minas Tirith. Eomer erklärte daraufhin, er wolle einen Teil seiner Reiter in Edoras versammeln, um bei einer entsprechenden Nachricht aus Gondor sofort zur Hilfe eilen zu können. Jedoch mußte er sich natürlich erstmal um die Sicherheit seines eigenen Königreiches sorgen. Reiterscharen mußten ausgeschickt werden, um die nördliche und die östliche Grenze zu überwachen, damit man rechtzeitig gewarnt würde, wenn ein Heer gegen Rohan marschierte.
Leider wußte niemand etwas von Gandalf. Zwar konnte Eomer ihnen berichten, daß ihn die Wachen von Edoras mit Windeseile in Richtung der Pforte von Rohan hatten reiten sehen, doch zurück gekommen war er nicht. Die Zwerge wußten gar nichts von ihm, wahrscheinlich hatte er das Gebiet hier bei Nacht durchritten oder alle bewohnten Gegenden gemieden, um nicht aufgehalten zu werden vom langsameren Wagenverkehr.
„Was kann denn nur passiert sein?“ fragte Gormhad bedrückt.
„Diesen Schwarzmagiern ist alles zuzutrauen. Ich hoffe nur, sie leben noch“, erwiderte Legolas.
Eine Weile schwiegen sie, dann verabschiedete sich Eomer von ihnen, weil das Gehörte ihm einige Sorgen bereitete und er möglichst schnell seine Vorkehrungen treffen wollte.
Auch Gormhad ging jetzt, um den Freunden ein wenig Zeit allein zu geben.
„Wenn du zurück nach Minas Tirith reitest, dann begleite ich dich“, sagte Gimli zu seinem Freund.
„Ich fürchte, ich muß mich erst mal ein paar Tage ausruhen.“, gab Legolas widerwillig zu. „Durch die Belagerung habe ich jetzt so viel Zeit verloren, daß es darauf auch nicht mehr ankommt.“
Auf Gimlis Gesicht erschien ein breites Grinsen: „Ah, unser Herr Elb macht tatsächlich auch mal schlapp.“
Legolas sah ihn pikiert an, doch er konnte seinem Freund nicht wirklich böse sein, schließlich hatte dieser ihn gerettet und sich dabei mit einer vielfachen Übermacht angelegt. Darum gab er seine Haltung auf und fing an zu lachen. Gimli stimmte ein.

 

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