Teil II – „Die Angst sich zu verlieren“

Als ich ins Schlafzimmer eintrat, war es dunkel. Ich hielt es für unnötig, Licht anzuzünden, schlüpfte rasch aus meiner leichten Kleidung und kroch unter die schwere Decke. Obwohl ich wusste, dass ich nicht schlafen konnte, schloss ich die Augen, und drehte mich zur Seite.
Ich dachte nach. Dachte darüber nach, was morgen geschehen würde, wie unser Auftrag lauten würde. Ich dachte nicht weiter. Vielleicht wusste ich schon, dass ich die nächsten Tage nicht mehr bewusst erleben würde, vielleicht hatte ich auch einfach nur Angst, daran zu denken, was als nächstes passieren würde.
Ich wollte die Gedanken an die Zukunft verdrängen. Ich drehte mich um, wollte Lisha in den Arm nehmen, aber sie war nicht da. Das Bett war leer. Sie musste noch in dem kleinen Innenhof sitzen, und grübeln. Rasch stand ich auf, zog mir ein Hemd über und ging nach draussen. Da sass sie wirklich, den Kopf auf die Hände gestützt, vor sich ein Rest dunkles Brot.
Ich setzte mich ihr gegenüber auf die Holzbank und betrachtete sie. Sie war nicht schön, wie all die feinen damen aus den oberen Ringen oder gar die Elbenfrauen. Sie war so zierlich, ganz klein und schlank, schon fast mager, und immer wenn ich sie umarmte hatte ich Angst, sie zu erdrücken, so zerbrechlich war sie. Ihre braunen Haare trug sie kürzer als die meistern Frauen in der Stadt, sie hingen ihr nur ganz knapp über die Schultern. Im Gegensatz zu ihrer schlanken Gestalt hatte sie eine weiche Stupsnase, und runde Wangen. Sie hatte nie enge Kontakte zu andern Frauen oder auch Männern. Je älter sie wurde, desto scheuer wurde sie. Sie sprach nicht viel, doch wenn sie es tat, war es weise, sie sprach wie eine alte weise Frau, obwohl sie noch so jung war. Sie konnte sich oft nicht der Meinung der breiten Bevölkerung anschliessen, tief in ihrem Innern war sie eine Rebellin. Doch diese rebellischen und pazifistischen Gedanken teilte sie nur sehr selten mit mir, mit andern Leuten verlor sie kein solches Wort. Ich denke, diese Rebellin wurde ihr ausgetrieben von ihrem Vater, als sie noch ein Kind war. Nun war sie so ruhig und anders als alle andern…deshalb zog sie mich an, und ich verstand sie in gewisser Weise.
Sie schaute auf, und in ihrem Blick war so viel Hoffnungslosigkeit abzulesen, dass ich unweigerlich ihre Hand ergriff und sie festhielt. Ihre Finger klammerten sich in die Haut meiner Hand. Es schmerzte, doch ich war mir auf einmal nicht mehr sicher ob diese Schmerzen nicht auch von dem Ziehen in der Magengegend stammen könnten.
„Komm ins Bett.“
Ich flüsterte nun auch, obwohl mir die bedrückende Stimmung langsam den letzten Nerv kostete. Also sagte ich laut:
„Grüble nicht… geniesse diese Nacht, es ist nach Wochen wieder unsere Erste“
Sie nickte langsam, löste ihre Hand von meiner und stand auf. Ich tat es ihr gleich, und sobald ich wieder neben ihr stand, ergriff sie meine Hand von neuem. So gingen wir Hand in Hand ins Schlafzimmer.
Nachdem wir eine Weile schweigend dagelegen hatten, ihre Hand immer noch in meiner, sagte sie:
„Ich habe Angst. Ich weiss nicht, was auf uns zukommen wird, ich weiss nur, dass es schlecht sein wird. Und ich weiss, dass du dich genau ins Zentrum dieses Schlechten stürzen wirst. Ich habe Angst.“
„Auch ich habe Angst. Jeder hat Angst. Denke nicht darüber nach. Bleib hier, geh in einen der oberen Stadtringe. Ich werde mich verteidigen…Ich werde dich verteidigen… Ich will nicht sagen, hab keine Angst, ich will nicht sagen, ich komme wieder. Schütze dich und lebe weiter…Und schlaf jetzt“
Ich küsste ihre kleine Stupsnase, und nahm sie schliesslich in meine Arme. Sie drückte ihren Kopf an meine Brust und nickte leicht. Ich hielt sie fest, und so blieben wir liegen. Sie schlief früher als ich.
Am nächsten Tag erfuhr ich, dass ich unter Faramirs Kommando an einem erneuten Versuch Osgiliath einzunehmen mitreiten würde.

© by nadja

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