Teil III – „Der Anfang vom Ende“

Die Nachricht von meiner Einteilung kam früh. Lisha schlief noch, als es klopfte, und ich schlüpfte vorsichtig aus dem Bett, um sie nicht zu wecken. Im Morgengrauen, das gerade erst das Schwarz der Nacht in enge Winkel vertrieben hatte, stand ein älterer Soldat vor der Türe. Erst warf er einen etwas verwirrten Blick auf mich, ich musste noch ziemlich verschlafen aussehen, dann teilte er mir schnell und leise die Botschaft mit. Er wandte sich ab, und ich schloss die schwere Holztüre unsere kleinen Hauses. Dann ging ich raschen Schrittes ins Schlafzimmer, und schlüpfte wieder unter die Decke. Mir war kalt, und mir fiel ein, dass ich den Botschafter nur im Schlafhemd begrüsst hatte. Vielleicht kam daher der verwirrte Blick.
Lisha tastete im Halbschlaf nach mir. Dann schlug sie die Augen auf. Sie musste von der fehlenden Wärme meines Körpers erwacht sein.
Ich strich ihr mit der Hand über die Augen und sie schloss diese gehorsam wieder. Ich umarmte sie erneut, und dachte, dass ich so lange wie möglich mit Lisha hier liegenbleiben würde. Erst im letzten Moment würde ich mich bereitmachen und mit Fundo in den siebten Ring hetzen. Ich wollte diese Momente mit Lisha geniessen, wie wenn es meine letzten wären. Und ich hatte Recht damit.

Kurz vor Sonnenaufgang bereitet mir Lisha das Frühstück. Ich zog mich währendessen an. Sorgsam knüpfte und schnürte ich meine Unterbekleidung, die aus dunklem Leder bestand und mit dem weissen Baum bestickt war. Jeder meiner Handgriffe sass, und doch zitterten meine Hände ab und zu, wenn sich mein Mageninneres wieder zusammenzog. Zum Schluss zog ich sorgsam die Rüstung über. Dann ging ich in den kleinen Innenhof. Den Helm und den Bogen samt Köcher legte ich auf den Küchentisch, schliesslich setzte ich mich. Lisha hatte warme Milch gemacht, frisches Brot lag auf dem Tisch, ausserdem etwas Butter und ihre leckere Erdbeermarmelade. Es war ein reichhaltiges Frühstück. Butter und Marmelade gab es sonst nur an Feiertagen. Ich freute mich nun aber und strich mir ein Brot und goss mir Milch ein. Die Milch war nicht mehr ganz frisch, aber immer noch gut. Ich genoss den Geschmack des warmen Getränks im Munde, als sich mir wieder der Magen zusammenzog, ein panikartiges Angstgefühl rann durch meinen Körper von einem Zentrum in der Bauchgegend ausgehend. Ich wischte mit der Hand über den Tisch, Milch tropfte auf den Tisch und das Marmeladebrot fiel zu Boden. Mit der Marmeladeseite nach unten. Das Ziehen liess etwas nach, verschwand aber nicht ganz. Ich starrte auf das Brot, dann zu Lisha, die mir gegenüber sass und die mich mit ihren rehbraunen Augen ebenfalls anstarrte.
„Was ist?“
Ich hob schnell das Brot vom Boden auf, und sagte:
„Nichts… entschuldige.. ich bin etwas nervös.“
Sie nickte nur, und in diesem Nicken lag etwas verächtliches, so dass ich mich sofort schuldig fühlte. Dies veranlasste mich, ihr doch den Grund für meinen weiteren Ritt zu nennen.
„Ich reite wieder mit Faramir. Wir haben den Auftrag Osgiliath zurückzuerobern.“
Sie verharrte, schaute mich nicht an, und ich wusste, dass ihr nur wieder die Worte „Geh nicht“ im Kopf schwirrten. Es war förmlich auf ihrer Stirn zu lesen. Doch sie sprach sie nicht aus, denn sie hatte sie schon soviel mal ausgesprochen, und wusste, dass sie doch nichts nützten.

Wir verabschiedeten uns nur kurz. Die letzte Nacht war unser wirklicher Abschied gewesen. Ich küsste sie auf die Stirne, auf ihre Nase und schliesslich etwas länger auf den Mund. Dann drückte ich sie an mich. Nach einem letzten weiteren kleinen Kuss auf ihre Stupsnase, die ich so liebte, bestieg ich Fundo und ritt in Richtung siebter Ring. Lisha schloss die Türe. Kurz und schmerzlos.

Fundos im Gegensatz zu seinen dünnen Beinen grosse Hufe klapperten auf den Pflastersteinen. Ich erinnerte mich, dass ich ihn neu hatte beschlagen wollen. Nun war es wohl zu spät. Ich ritt mit den andern Kriegern durch die Stadt. Frauen standen am Strassenrand und warfen Blumen auf die Strasse, die bald wieder von den Hufen der Pferde zertrampelt wurden. Die Frauen weinten leise, ihre Gesichter waren erfüllt von Furcht. Kinder drückten sich an ihre Gewänder und staunten zu den Pferden auf. Die armen Kinder, ging es mir durch den Kopf. Die armen Kinder. Sie wissen weniger als die erwachsenen, was auf sie zukommen wird. Sie spielen heute noch so fröhlich, und morgen werden sie die hässlichsten Fratzen sehen, sodass sie vor Schreck nicht fliehen können. Vielleicht waren sie auch gar nicht so arm. Wenigstens hatten sie keine schlaflosen Nächte vor lauter Furcht. Diese schlaflosen Nächte waren hier manchem Krieger und auch mancher Frau abzulesen. Ich hatte geschlafen, nicht viel, aber ich hatte. Dank Lisha. In dieser letzten und ersten Nacht seit Monaten, hatte ich alles vergessen können…
Ich erblickte Lishas Stupsnase in der Menge. Sie stand nicht weit vorne, fast an die Mauer gedrückt stand sie. Auf ihren Wangen glitzerten keine Tränen, doch mir schien, dass ihre Augen dunkler waren als sonst. Ich warf ihr einen langen Blick zu, doch bald drehte sie sich um und verschwand in einer Gasse. Sie mochte es nicht, wenn ich sie weinen sah.

© by nadja

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