Teil IV – „Der Tod und seine Adjutanten“

Sobald wir auf dem Pelennor angelangt waren, begannen wir zu traben. Ich sass ruhig auf Fundo und liess mich von seinem weichen Trab tragen. Wir wollten das Ganze alle möglichst schnell hinter uns bringen.
Ich ritt in der zweiten Reihe, in der Mitte, schräg vor mir ritt Faramir. Seine fuchsbraunen Haare wehten, er hatte sich etwas aus dem Sattel erhoben und drehte sich plötzlich um, warf einen wehmutsvollen Blick in Richtung der weissen Stadt, die sich hinter uns erhob. Immer noch riesig, aber bald kleiner werdend. Faramir wendete den Kopf wieder, und kurz streifte ich seinen Blick, verzweifelt und entschlossen, doch nicht erwartend, dass wir lebend zurückkehren würden. Dieser Blick nahm mir jeden Mut. Mein Sitz wurde locker, und Fundo wurde langsamer, sein Trab holpriger. Ich trieb ihn rasch an, er senkte den Kopf und riss mir beinahe die Zügel aus der Hand.
Wir näherten uns Osgiliath immer mehr, und die vordere Reihe fiel in Galopp. Auch ich trieb Fundo etwas mehr an, er machte ein paar seltsame Zwischenschrittchen, bevor er zu galoppieren begann, wie er das immer machte und schon als Fohlen gemacht hatte. Osgiliath war noch näher gekommen, ich konnte einzelne Viecher des Bösen ausmachen. Es schien mir, als würden sie bösartig grinsen, obwohl ich dass aus dieser Entfernung unmöglich erkennen konnte. Und wieder nagte es in meinen Eingeweiden, diesmal so schlimm wie nie zuvor. Ein kalter Schauer durchlief mich, ich begann zu zittern, ich hatte Angst, so furchtbare Angst, wie ich noch nie zuvor gehabt hatte, bei keinem meiner Einsätze, nirgends. Fundo spürte es, er scherte plötzlich zur Seite aus und machte einen kleinen Bocksprung. Beinahe wäre ich vom Sattel gerutscht, und ich wünschte sosehr, dass ich dies wäre, und ohnmächtig auf dem Pelennor liegengeblieben wäre, bis mich jemand rettete und ich in den Armen von Lisha aufwachte… Aber ich blieb im Sattel, und eine Kälte schlich meinen Rücken hinunter, wie sie nur von kaltem Metall stammen könnte… Ich behielt mit Mühe die Zügel in der Hand, Fundo lief wieder normal. Ich versuchte mich zu beherrschen, gerade zu sitzen. Es gelang mir nur schwerlich.
Osgiliath ragte nun gross vor uns auf. Einige Männer begannen zu schreien, liessen ihrer Angst Luft. Aus voller Kehle schrien sie, keine Wörter, nur hohe Töne. Ich stimmte mit ein, schrie auch, doch es nützte nichts, die Kälte blieb, das Ziehen im Bauch blieb.
Tränen liefen mit über die Wangen, vom Wind, vor Angst.
Osgiliath war nun direkt vor uns. Ich schrie lauter und lauter. Sah die Bestien, die uns zermalmen wollten, und die Angst wurde so gross, dass ich es nicht vermochte, sie zu tragen. Hass stieg in mir auf, der die Angst unterstützte. Der Hass wurde grösser und grösser, und die Angst wurde klein. Vielleicht hatte sich auch einfach die Angst in Hass verwandelt, ich wusste es nicht, ich konnte nicht mehr denken, ich schrie, und als neben mir ein erstes Pferd zu Boden ging, getroffen von einem schwarzen Pfeil, sprühte ich vor Hass.
Fundo rannte schneller, immer schneller, ich konnte ihn nicht mehr kontrollieren. Doch es machte nichts, alle andern Pferde waren genau so schnell. Faramir hob mühsam die Hand, das Zeichen für uns Bogenschützen, zu schiessen. Ich klemmte die Zügel zwischen ein Knie, zog den Bogen und einen Pfeil aus dem Köcher. Ich schoss, ohne zu zielen, holte den nächsten Pfeil, schoss wieder, und immer wieder, immer wieder. Schwarze Viecher fielen zu Boden, von Pfeilen getroffen, er wusste nicht, ob von seinen, oder andern. Doch noch mehr Pferde und Reiter von meiner Seite stürzten, blieben liegen, starben vor den Toren Osgiliaths. Unsere Reihen wurde kleiner, schmaler, schwacher. Ich schoss einen Pfeil nach dem andern ab, ohne etwas zu denken, oder zu fühlen. Etwas Fremdes beherrschte mich, von dem ich nichts wusste.
Faramir ritt vor mir, wir waren nun schon in den Toren der Stadt, es ging an den Nahkampf. Faramir hatte die Messer gezogen. Ich liess den Bogen sinken, kurz, verschnaufte. Ich sah die steinernen Mauern der Stadt. Fundo war in langsameren Galopp gefallen, irrte umher, wusste nicht wohin. Ich beruhigte mich, und bemerkte, dass es furchtbar stank. „Hier in der Nähe muss eine Fäkaliengrube sein“, dachte ich mir. Dann stellten sich die Gedanken wieder aus, noch ein letztes Aufblitzen spürte ich, ich sah ein Gesicht, wusste aber nicht welches…
Ich nahm den Bogen auf und schoss einen weiteren Pfeil, traf ein schwarzes Wesen. Ich wollte wieder nach den Pfeilen greifen. Doch da war nichts. Ich hatte keine Pfeile mehr, alle waren weg. Ich stockte, und sah wieder das Gesicht vor meinem inneren Auge.
Fundo sackte plötzlich unter mir weg, seine Beine klappten ein, plötzlich lagen wir auf dem steinernen Pflaster Osgiliaths, das nun in schwarzen Händen war. Mein Bein hatte Fundo eingeklemmt, ich konnte es nicht bewegen, doch es schmerzte nicht. Ich spürte nichts mehr. Ich lag auf den kühlen, schmutzigen Steinen einer zerstörten Stadt. Über mir erschien eine schwarze Gestalt, grinste, und jagte mir einen Pfeil in die Brust. Doch ich sah keine schwarze Gestalt, ich sah das vertraute Gesicht mit der Stupsnase, und sie grinste nicht, sie lächelte fürsorglich, und legte mir etwas Warmes auf die Brust. Doch das warme Etwas war rotes Blut von mir selbst. Ich spürte nichts mehr, glitt weg, weiter weg, immer weiter weg, und die dunklen, kühlen Pflastersteine färbten sich dunkelrot von meinem und Fundos Blut.

© by nadja

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