Teil V – „Der Tod und seine Schönheit“

Man sagt sich, dass wenn jemand stirbt, sein ganzes Leben an ihm in sekundenschnelle vorüberhuscht. Dem ist nur bedingt so. Als ich auf den Pflastersteinen lag, sah ich nichts, spürte ich nichts, doch ich hörte zahlreiche Stimmen in meinem Kopf, anfangs die Stimmen der Realität, Faramirs Rufen, Gekeife, Gebrülle, Schreie, die nicht mehr menschlich waren. Langsam entschwanden sie, und ich hörte die Stimmen aller Menschen, die in mein Leben getreten waren… Zuallerletzt hörte ich ein leises Lächeln von Lisha. Wie sie über meine Tollpatschigkeit gelacht hatte, als ich ein Glas Milch vergossen hatte. Ich hörte das feine Schnauben Fundos, der mit seinem Gewicht auf meinem Bein lag, und längst nicht mehr in der Lage war zu schnauben. Ich hörte sein Schnauben nach langen Ritten, wie er sein Kopf freundlich an mir rieb, und mich unabsichtlich beinahe umwarf. Ich hörte dies alles, und sah es bald auch. Dunkelheit umgab mich, die Bilder waren schwarz-weiss. Die Klänge der Stimmen vermischten sich, wurden Musik, wurden leiser und verstummten. Die Bilder wurden dunkler und dunkler, bis mich nur noch die Stille und Dunkelheit umgab.
Ich spürte meine Seele, so wie immer, ich lebte, doch mein Körper lag da, ein Bein unter meinem treuen Pferd, auf den Pflastersteinen Osgiliaths, nicht weiter meiner geliebten weissen Stadt, meiner geliebten Lisha, die da sass und sich sorgte. Umgeben vom getrockneten Blut, dass nun wie eine braune Kruste den Boden bedeckte. Ich konnte mich sehen, dunkel in einer kaputten Rüstung, ein Pfeil in der Brust, die Augen geschlossen. Doch dann wurde auch dieses Bild dunkel, und eine vollkommene Schwärze umgab mich lange Zeit. Eine lange Zeit – eine kurze Zeit. Ich hatte kein Zeitgefühl mehr, ich kannte gar keine Gefühle mehr. Es konnten Stunden, Jahre, Sekunden gewesen sein. Ich fühlte mich leicht, und gesund, und doch wog meine Seele so schwer vor Kummer über die Welt, die ich verlassen hatte.
Ich erblickte ein Licht, wusste nicht von welcher Farbe, aber es war da… weit oben, doch mein Kummer zog mich nach unten. Ich versuchte, das Licht zu erreichen, doch ich konnte nicht mit den Armen schlagen, oder mit den Beinen strampeln, ich hatte keinen Körper, ich konnte nur mit der Leichtigkeit meiner Seele nach oben gelangen. Ich warf Ballast ab, wie ein Heissluftballon, obwohl ich nicht wusste, was das war.
Mein Kummer an Lisha wog so schwer. Ich dachte an sie, und das Licht wurde kleiner und schwächer. Ich stellte sie mir vor, in dem kleinen Innenhof, vor einem Stück Schwarzbrot und einem Glas Milch, in das ihre Tränen tropften, und es salzig machten. Sie trauerte, und bekümmerte mich damit. Ich sah Lisha und ich dachte an all die trauernden Frauen, die in all den Teilen Mittelerdes um ihre Männer trauerten, die in den Krieg gezogen waren und nicht zurückgelehrt waren. Mein Kummer wurde schwerer, und zog mich weiter nach unten, weg von dem Licht. Ich starb in Trauer.
Ich wollte nicht in Trauer sterben. Ich dachte an Fundo, als ich ihn geschenkt bekam, von meinem seligen Vater, der schon so lange ruhte, Fundo, ein kleines lebenslustiges Pferdchen, mit mir auf dem Rücken, ein schlaksiger, lebenslustiger Bursche, in jungen Jahren. Wir galoppierten über die Wiesen und auf den Pflastersteinen der Stadt, obwohl mein Vater mir das immer verboten hatte. Fundo machte seine Bocksprünge, und ich sass auf ihm, ohne Sattel.
Das Licht rückte näher, und näher. Lisha tauchte wieder in meine Gedanken, die lachende Lisha an einem lauen Sommerabend, wie wir im obersten Ringe auf der Mauer sassen und über etwas lachten, eine unserer ersten Begegnungen. Sie warf ein schon welkes Blatt von der Mauer, wir schauten ihm zu, wie es in die Tiefe segelte,
„Schau doch, schau, es schlägt Purzelbäume!“
„Es überschlägt sich! Es tanzt!“
Sie lacht. und erhebt sich, und tanzt wie das welke Blatt, das bald den Boden erreicht.
Ich wollte nicht in Trauer sterben.
Ich will nicht in Trauer sterben.

© by nadja

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