Teil VI – Wiedersehen

Es war ein schöner Frühlingstag. Die Sonne schien klar und gross vom lebendig-blauen Himmel, und wärmte die Strassen der Stadt angenehm. Ein kühler salziger Wind verhinderte, dass sich die Luft in den Gassen zu stark erhitzte, und stickig wurde.
Das Wetter schien sich auf die Stimmung der Bewohner der Stadt zu übertragen. Durch die Gassen rauschte ein Gemisch aus fröhlichen Stimmen, die plauderten, lachten. Eine Welle von Glück schien durch die Stadt zu rollen, niemand schien traurig zu sein.
Lisha sass am Holztisch im Hof ihrer kleinen Wohnung im vierten Stadtring. Vor ihr stand ein Glas mit Honigmilch, von dem sie nur ein paar Schlucke getrunken hatte. Eine Nachbarin hatte es ihr gebracht, sie feierte ein kleines Fest, dass das Böse vorbei war. Sie hatte Lisha auch eingeladen, aber Lisha war immer noch nicht in der Stimmung für ein Fest. So wurde ihr ein Glas mit Honigmilch gebracht.
Ein paar Tage war es her, seit Lisha allein war. Viele Frauen waren allein, doch die meisten hatte der Sog von Glück über den Sieg mitgerissen. Ihre Trauer war vorbei. Lisha jedoch war anders. Ihre Trauer war tief und dunkel. Lange Zeit war sie alleine gewesen zuvor, und nie schien ihre Einsamkeit so einsam wie jetzt, wo sie Gewissheit hatte, dass ihre Einsamkeit nicht so schnell ein Ende finden würde. Und der Geist ihres Kriegers war noch in der Wohnung, sein Geruch auf den Laken, seine schmutzige Wäsche wartete aufs Gewaschen werden.
Lisha fuhr mit einer Hand über den Tisch, über die alte Holzplatte mit den tiefen Furchen, dann durchkämmte sie die Luft mit ihren Fingern, als würde sie dadurch den Geist zu fassen kriegen. Ihre Augen waren weit offen, Tränen hatte sie keine mehr. Sie starrte durch die Luft, sie horchte angestrengt, doch sie vernahm nur die Stimmen der Stadt, das leise Rauschen des Windes durch die Blätter des kleinen Orangenbaumes, der im Hof stand.
Es klopfte an der Tür. Lisha hielt inne, richtete sich etwas auf. Es klopfte noch einmal. Jemand rief vorsichtig ein „Hallo?!“. Hufgetrappel auf den Pflastersteinen war zu vernehmen. Lisha erhob sich schnell, eilte zur Türe und öffnete sie einen Spalt breit. Auf der Strasse stand ein älterer, kleiner Mann mit gräulichbraunem Haar. Er sah nicht aus wie einer aus der Stadt, er glich eher den Menschen die an der Südseite der Weissen Berge wohnten. In der Hand hielt er die Zügel eines einfachen Zaums, der von einem hübschen kleinen Pferd getragen wurde. Es war nicht gesattelt, aber fein gestriegelt, sein Fell glänzte fuchsrot, und auf seiner Stirn leuchtete ein winzig kleiner weisser Fleck.
„Ihr seid Lisha?“
Lisha nickte vorsichtig.
„Ich soll Euch dieses Pferd bringen. Es ist eine Stute mit dem Namen Finda. Ihr Besitzer kam um, und die Witwe beauftragte mich, sie euch zu bringen. Sie ist noch jung und kerngesund.“
Lisha nickte wieder. Der Mann aus dem Süden gab ihr in einer unbeholfenen Geste die Zügel, verabschiedete sich, drehte sich um und ging. Lisha blickte ihm nach, verlor in jedoch bald aus den Augen, viele Menschen waren auf der Strasse unterwegs. Die Stute stand ruhig, schnaubte ein wenig. Lisha öffnete das Tor weiter, und führte die Stute in Fundos ehemaligen Stall. Sie nahm Finda den Zaum ab, und schloss die Stalltüre. Während sie den Zaum versorgte wunderte sie sich, woher das Pferd kommen konnte. Sie kannte kaum Leute aus der Stadt. Es musste wohl eine Witwe eines Soldates sein, der mit ihrem Krieger befreundet gewesen war. So musste es sein. Sie beschloss mit dem Pferd später zur Krönung des neuen Königs zu reiten. Die schlanke Stute besass sicher einen ruhigen, willigen Schritt.

Ich sah durch das Fenster, oder die viereckige Öffnung, ich weiss nicht, was es ist, die weisse Stadt. Hell strahlte sie in der Frühlingssonne, zerstört zwar, aber immer noch wunderschön. Viele Leute befanden sich auf dem Platz im siebten Ring und bestaunten die Krönung des neuen Königs. Ein Gefühl von Glück war über ihnen, ihre Gesichter waren gerötet, ihre Augen glänzten. Sie klatschten, staunten und freuten sich über die Elben und die Hobbits, die sie sonst nur allzu selten zu Gesicht kriegten.
Ich sah Lisha unter ihnen, ihre Wangen waren rosig, und ihre braunen Augen waren gross vor Staunen und Freude. Mitten unter den Leuten stand sie, weit vorne, sie hatte die Krönung begeistert mitverfolgt. Sie dachte nicht mehr an Trauer, sie dachte an das Glück, überlebt zu haben, sie dachte vorwärts, und das war gut so. Sie war noch so jung, und hatte ihr Leben vor sich. Sie soll sich nicht über mich grämen, sie soll mich in einem kleinen Platz in ihrem Herzen behalten und weiterleben, leben soll sie, leben!
Die Leute gehen vom Platz, steigen in die unteren Ringe, wo bald ausgelassene Feste stattfinden werden. Vor allem im dritten Ring wird gefeiert werden, die Handwerker verstanden schon immer am besten zu Feiern! Einen Moment lang vermisste ich die fröhliche Atmosphäre im dritten Ring, die festliche Luft mit einem schwachen Biergeruch darin, doch dann dachte ich daran, dass Lisha das alles für mich erleben wird, ich sehe sie schon, sie reitet auf einer schlanken Fuchsstute hinunter in den dritten Ring, sie reitet ohne Sattel und die Stute hat einen weichen, tragenden Gang. Es muss schön sein auf ihr zu reiten, sie gleicht Fundo. Lisha wird einen schönen Abend verbingen. Ich werde andere schöne Dinge jenseits des Fensters erleben. Und von diesen werde ich hier nicht mehr berichten…

© by nadja

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