Der Sieg des weichen Faktors

Es ist vollbracht: Der dritte Teil der "Herr der Ringe"-Verfilmung kommt in die Kinos. Ihre Erfolgsgeschichte ist auch die Geschichte von Regisseur Peter Jackson, dem komischen kleinen Mann aus Neuseeland.

Es war immer wieder ein seltsamer Anblick. Da stand ein kindlich wirkender, dicker Mann, barfuß und in kurzen Hosen, mit zotteligen Haaren und verrutschter Brille, inmitten des Trubels einer gigantischen Filmproduktion, zwischen hastenden Produktionsassistenten, schwitzenden Schauspielern in Monstermaske, zwischen Kameras, Scheinwerfern, Kabeln und Schienen. An diesem irren Zirkus schien alles überlebensgroß, außer den Sicherheitsvorkehrungen. Wie sonst hätte dieser Bursche sich hinter die Absperrungen des Drehorts schmuggeln können?
Man mochte den Mann für einen Pizzaboten halten, der nach Ablieferung seiner Wahre fasziniert gaffte. Aber dann passierte etwas. Figuren waren auf ihren Positionen angekommen, kleine Winke und Walkie-Talkie-Knacker signalisierten vollbrachte Arbeiten. Und viele Menschen wandten sich erwartungsvoll dem Pizzaboten zu, bereit, auf sein Kommando zu agieren. Dann wurde auch dem naiven Beobachter klar, dass es sich bei dem wunderlichen Mann in mitten der Riesenmenge um den Direktor handeln musste. Um Regisseur Peter Jackson, den schrägen Vogel aus Neuseeland, der bis dato nur kleine Filme gedreht, dem Hollywood aber "Der Herr der Ringe", die kolossalste Produktion der Kinogeschichte, anvertraut hatte.
Am Mittwoch startet der dritte und letzte Teil des Epos weltweit in den Kinos, von den Fans sehnsüchtig erwartet. Schließlich haben wir es nicht mit einem Film und zwei Fortsetzungen zu tun, sondern mit einem einzigen Film, dessen einzelne Brocken mit zwälf Monaten Abstand auf die Leinwand kamen. Auch wer Tolkiens Fantasywelt Mittelerde fremd gegenübersteht, wen die knuffigen Hobbits und garstigen Trolle völlig kalt lassen, der muss diesem Film Respekt zollen. Hier dreht sich ein spektakuläres Räderwerk, eine Illusionsmaschine, die es wagt. die Grenzen zwischen Illusion und Schöpfungsakt zu überschreiten. Der Film scheint Mittelerde nicht nachzustellen, er scheint Mittelerde mit all seinen Kreaturen und Landschaften erschaffen zu wollen.
Man kann den Kraftakt in Zahlen ausdrücken. 400 Millionen Dollar hat die bloße Produktion des Dreiteilers gekostet, die Werbekampagne nicht eingerechnet. Und das gilt noch als unverschämt billig, weil sich in Neuseeland preiswerter arbeiten lässt als in Amerika. Insider schätzen, dass in den USA jedes Drittel 200 Million Dollar gekostet hätte. Aber auch mit 400 Million Dollar Budget rangiert "Der Herr der Ringe" weit vorn im Feld der verwegensten Zockereien Hollywoods.
Wer sich fragt, warum die US-Traumfabrik noch immer, trotz des vielen Unfugs, der aus ihren Kameras kriecht, das Weltkino regiert, der darf die Antwort nicht alleine in dem Kapital suchen, das sich dort leichter auftreiben lässt. Ein Teil der Antwort ist auch in dem wenig Kreditwürdigen Wagemut zu sehen, ausgerechnet Peter Jackson das Okay zu geben. Wo doch Regisseure mit weit mehr Erfahrung angesichts der immensen Probleme bei der Umsetzung des meistgelesenen Buch der Gegenwart das Handtuch geworfen hatten.
Dass der 1961 in Neuseeland geborene Autodiadakt Jackson, der im Alter von 8 Jahren mit einer Super-8-Kamera zu hantieren begann, Tolkiens Fantasien liebt und stets von einer Verfilmung geträumt hat - das ist ein sentimentales Argument, das in der Filmbranche eigentlich nur ein verächtliches Mundwinkelzucken hätte hervorrufen dürfen. Doch die Manager von New Line Cinema begriffen den weichen Faktor als entscheidenden. Im richtigen Moment irrational zu handeln ist die Voraussetzung außergewöhnlicher Erfolge. Und "Der Herr der Ringe", wie man kaum noch jemand erklären muss, ist ein außergewöhnlicher Erfolg. Nicht nur die Kinobilanzen sind famos, auch die DVD-Umsätze brechen Rekorde. Und das Schönste für New Line Cinema: Die Fans lassen sich gleich mehrfach abkassieren. Erst für die DVD der Kinofassung, ein paar Monate später für die um etliche Szenen erweiterte Langfassung. Sammler kaufen sündhaft teure Sondereditionen, denen Nippesfiguren beigepackt wurden. Und wer auch die schon hat, wartet gebannt auf den nächsten Coup. Was wird wohl erscheinen, wenn der dritte Teil als Kino- und als Langfassung im DVD-Regal gelandet ist? Eine Super-sonder-exklusiv-Schnittfassung mit noch mehr Material?
Peter Jackson winkt vorerst ab. Die wahren Fassungen seien die kürzeren Kinofassungen, bei denen stimme der Erzählrhythmus. Die Langfassungen, sagt der Regisseur, seien nur für eingeschworene Tolkien-Fans gedacht, die jedes mögliche Bild aus Mittelerde sehen möchten, unabhängig von der künstlerischen Gesamtproduktion. Er sei erstaunt, dass viele die schwerfälligeren Langfassungen für die gelungeneren hielten.
Vielleicht wird es also doch keine dritte, vierte, fünfte Schnittfassung von "Herr der Ringe" geben. Vielleicht wird der dicke Struwwelkopf, der wie die Hobbits keine Schuhe mag, da nicht mehr mitmachen und sich lieber auf den nächsten Film konzetrieren. Schließlich hat er auch schon ein neues gigantisches Projekt parat: eine Neuverfilmung von "King Kong". Der kleine Filmnaar aus Neuseeland mag es, wenn er seine Liebe zum Kino der brutalen Eigendynamik einer dollarschweren Großproduktion entgegenstemmen kann.

Sonntag Aktuell/14. Dezember 2003 [Raum Stuttgart]

zurück

 
     

 

About. Art. Interaktiv. Argolas.