Der Mann, der den Chef nach Mittelerde brachte

Wolfgang Krege hat Tolkiens "Herrn der Ringe" neu übersetzt - und sich damit nicht wenige Feinde gemacht

"Ich bin gar nicht böse, wenn mich eine Kritik nicht erwähnt hat", sagt der Übersetzer Wolfgang Krege. "Ich nehme an, dass ich meine Arbeit nicht ganz schlecht gemacht habe, wenn dem Rezensenten gar nicht mehr auffällt, dass er eine Übersetzung liest." Das sind gelassene Worte zur bekannten Problematik, dass literarische Übersetzer nicht als kreative Kräfte zur Kenntnis genommen werden. Aber sie beschreiben die Wirklichkeit von Wolfgang Krege längst nicht mehr. Vermutlich haben noch nie so viele Leser den Namen eines Übersetzers gekannt.
Denn Krege hat für den Stuttgarter Verlag Klett-Cotta eine Neuübersetzung von Tolkiens "Der Herr der Ringe" angefertigt - und ist seitdem nicht nur wütenden Attacken der Deutschen Tolkien Gesellschaft ausgesetzt, sondern Ziel von Schmähungen und Hassbekundungen im Internet.
"Mir war klar, dass ich Ärger mache. Aber ich war nicht ganz darauf vorbereitet, wie gut das organisiert ist", sagt der Mann, der erleben musste, wie seine Übersetzung von Arbeitsgruppen Tolkienbegeisterter Seite um Seite umgepflügt und wie dann eine dicke Liste aller realer und vermeintlicher Patzer, Schwächen, Ungeschicklichkeiten und Ungeheuerlichkeiten zusammengestellt wurde.
Der so Gescholtene setzt sich zur Wehr: "Es waren ein paar richtige Einwände dabei, aber das meiste waren Beckmessereien." Dabei hatte alles so harmlos angefangen. Wolfgang Krege, 1939 in Berlin geboren, war nach dem Studium von Germanistik, Philosophie, Romanistik in den Siebzigern als Lektor für Sozialpsychologie bei Klett-Cotta gelandet, betreute dort die Zeitschrift "Gruppendynamik" und war selbst jemand, der sich beständig über schlechte Übersetzungen fremdsprachiger Artikel ärgerte. Nach ein paar Jahren war er überzeugt, er könne das selbst besser, und zudem schien ihm ein zurückgezogenes Arbeitsleben allein mit den Problemen der Sprache verlockender als die weitere Teilnahme am Bürobetrieb. Also wagte er den Schritt ins wenig lukrative Dasein des freien Übersetzers. "Ich habe durchkalkuliert, dass ich auf meine Kosten komme", beteuert er. "Auf bescheidene Weise natürlich. Reich wird man nicht dabei." Gemeinhin nennt man sowas Idealismus.
Als er Ende der Siebziger sienen ersten Text von Tolkien übersetzte, das "Silmarillion" mit seiner Frühgeschichte Mittelerdes war die Welt auch für die Fans von Tolkien noch in Ordnung. Kreges Herangehen an den Text war das Ihre: "Ich fing an, diese Sprache genau zu studieren, um ein Deutsch zu finden, das dem archaisierenden Heldensagenenglisch von Herrn Tolkien entsprach." Buch um Buch - er hat auch ein Lexikon zu Tolkiens Weltentwurf verfasst - wurde Krege zum geschätzten Experten.
Was die von Tolkien ganz und gar Verzückten nicht ahnten: Sie hatten es hier keinesfalls mit einem rückhaltslos Begeisterten zu tun. Die erste Begegnung zwischen Krege und Tolkien verlief nämlich so: "Ich las 'Der Herr der Ringe' an und stolperte über die Hobbits. Nach den erste vierzig Seiten habe ich es weggelegt, denn ich fand die Hobbits uninteressant. Das hat nachgewirkt. Ich mag die Hobbits auch heute nicht so ganz. Ich finde, sie sind ein bisschen zu sehr in die Nähe von Gartenzwergen geraten. In der deutschen Übersetzung wurde dieser Effekt noch verstäkt." Aus diesen Vorbehalten formte sich früh eine mögliche Übersetzungsstrategie.
"Wenn du noch mal dazu kommst, sagte ich mir, dann musst du da im Deutschen ein paar härtere Kanten einziehen. Die ja auch bei Tolkien da sin: Tolkien zeichnet das Auenland als eine Art Idyll, aber als ironisches. Das geht ein wenig unter, wenn man die Hobbits zu niedlich macht." Um den Text aufzurauen, übersetzte Krege die englische Anrede Master beispielsweise als Chef, lässt Hobbits manchmal etwas flapsig sprechen, platziert gar moderne Begriffe wie Logo in Mittelerde.
Mit dieser Neuübertragung, die passend zu Peter Jacksons Verfilmung in die Buchhandlungen kam, sind viele Leser durchaus zufrieden: Ihre Auflage dürfte sich auf eine Million zubewegen. Der kleine Kern organisierter Fans aber wirft ihr Pflichtvergessenheit vor; sie interpretiere zu stark statt zu übertragen. Wolfgang Krege kontert, jede Übersetzung sei notwendig Interpretation. "Was ich nicht mag, ist die Furcht, vom Wortlaut abzuweichen, um den Sinn und die Sprachebene des Originals zu treffen. Manchmal muss sich der Übersetzer zu einem Risiko durchringen."
In seinem Fall heißt das: die einen loben ihn, er habe einem alten Text frisches Leben eingehaucht. Die anderen klagen ihn an, er habe eine der schönsten Illusionen der Weltliteratur zerstört.

Stuttgarter Zeitung Nr.290/ 16. Dezember 2003

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