Höfliche Orks geben ihre Waffen am Eingang ab

Mehr als 4000 Besuchser sehen in der Nacht zum Mittwoch [Anm. v. Marielle: in Stuttgart] die Premiere von "Herr der Ringe - Die Rückkehr des Königs"

Wenn der "Herr der Ringe" zum "Herrn der Augenringe" wird: Gestern um Mitternacht ist der dritte Teil der Tolkien-Verfilmung angelaufen. Das ging den Premieren-Besuchern ziemlich an die Substanz.
_
Es hat keines großen Einfühlungsvermögens bedurft, nicht einmal ein zweiter Blick ist nötig gewesen. Die Betroffenen waren gestern morgen eindeutig zu erkennen. Dunkle Augenringe, zerzauste Haare, leichte Konzentrationsschwäche - kein Wunder, denn die meisten saßen bis um halb fünf im dunklen Kinosaal. Und nur ein paar Stunden später mussten sie wieder im Büro oder in der Schule sein. Wer als einer der Ersten den dritten und letzten Teil des "Herrn der Ringe" im Kino sehen wollte, musste eben einige Entbehrungen auf sich nehmen: Filmstart am Mittwochmorgen um 00.01 Uhr (hinausgezögert durch Werbung). Filmdauer 205 Minuten, meistens mit einem Viertelstündchen Pinkelpause dazwischen - "weil das ja bei dieser Länge kaum zu schaffen ist", wie Sascha Diener, der Assistent der Theaterleitung des Cinemaxx im Boschareal Stuttgart, sagte.
Hört sich schwer nach Minderheitenprogramm für echte Fans an. War's aber nicht. Stuttgarts Kinobetreiber vermeldeten volles Haus zu nächtlichen Stunde: Weit mehr als 4000 Zuschauer sahen in den Stuttgarter Lichtspielhäusern den Film. Was heißt da den Film? Alleine im Ufa-Palast im Stuttgarter Norden schauten 1900 Tolkien-Begeisterte in fünf Sälen von 17 Uhr bis morgens umd halb vier alle drei Teile des "Herrn der Ringe" an einem Stück. "Körperlich war's schon ein bisschen schwieirg, aber es war ein echtes Erlebnis", sagte Achim Fuderer, swe mit vier Freunden zehn Stunden lang im Kino saß. Anschließend musste der Unternehmensberater gestern - nach nur drei Stunden Schlaf - geschäftlich nach Freiburg reisen. "Ab und zu musstest du eben einen Red Bull einwerfen, sonst ging's nicht." Immerhin: "Von uns ist keiner im Kino eingeschlafen."
Was ein echter Fan ist, hatte die Karten bereits im August reserviert - seit Tagen jedenfalls gab's keine Kinokarten mehr für die Premiere. Das unnötig zu erwähnen, dass nicht wenige Tolkinianer in den passenden Kostümen anreisten - als Orks, Zauberer, Elben oder Hobbits. Wobei Sascha Diener vom Cinemaxx deren gute Kinderstube lobte: "Einige sind mit echten Metallschwertern und Speeren gekommen - auf unsere Bitten hin haben sie die aber klaglos ins Auto gebracht."
Nicht nur deshalb sind die Kinobetreiber zufrieden: "Der Film läuft absolut rekordverdächtig an", sagte Riza Eryeten, der Serviceleiter im Maxx in Möhringen. Nach einem finanziell eher schwachen Jahr "macht uns das Ende mit Blockbustern wie 'Herr der Ringe', 'Findet Nemo' und 'Matrix Revolutions' nun richtig Freude". Fürs Wochenende gebe es schon fast keine Karten mehr.
Aber wie war's denn nun?? "Großartig", sagt Achim Fuderer, "ich fand nur das Happy End ziemlich zäh." Peter Wolf aus Stuttgart, der sich die Nacht im Cinemaxx um die Ohren gehauen hat, sagte es deutlicher: "Irgendwann habe ich nur noch gehofft, dass endlich dieser grässliche Ring zerstört und die Welt gerettet wird." Kein Wunder, nach zehn Stunden Dauergucken.

Stuttgarter Zeitung Nr. 292/18. Dezember 2003

zurück

 
     

 

About. Art. Interaktiv. Argolas.