Spiegel-Gespräch

"Wir waren völlig panisch"

Der Regisseur Peter Jackson, 42, über die finanziellen Risiken seiner "Herr der Ringe"-Trilogie, die Kostenexplosion in Hollywood und kreative Freiheit in Zeiten des Shareholder-Value

 

Spiegel: Mr. Jackson, wie wir sehen können, pflegen Sie Ihr Image als Kumpel von nebenan. Hinter dieser Fassade muss aber ein knallharter Geschäftsmann stecken. Wie sonst hätten Sie ein wirtschaftlich angeschlagenes Hollywood-Studio dazu gebracht, 330 Millionen Dollar für das größte Filmprojekt der Geschichte zu geben? Und das, obwohl Sie noch keinen einzigen Kassenschlager produziert hatten?

Jackson: Ehrlich gesagt, frage ich mich auch immer noch, warum New Line, unser Studio, das gemacht hat. Ist mir ein Rätsel.

Spiegel: Das Studio hat viel riskiert: Mehr als 80 Millionen Dollar an eigenem Geld und noch einmal über 200 Millionen von internationalen Partnern wurden schon anfangs in "Herr der Ringe" investiert. Das Projekt spielte bislang 1,8 Milliarden Dollar ein, hätte aber genauso auch zum größten wirtschaftlichen Fiasko der Filmgeschichte werden können. Wie viel Druck haben die Studiobosse an Sie weitergegeben?

Jackson: Während der Dreharbeiten in Neuseeland haben sie uns weitgehend in Ruhe gelassen. Aber als wir 2000 mit der Post-Produktion des ersten Teils "Die Gefährten" begannen, haben wir den Druck deutlich gespürt. Damals entschied das Studio auch, erste Publikumsreaktionen beim Filmfestival von Cannes zu testen. Wenn das schiefgegangen wäre hätte sich der Film wohl nie mehr davon erholt.

Spiegel: Vor allem wäre das Studio ruiniert gewesen. Sie müssen doch in jeder Minute ein Dutzend nervöser Manager im Nacken gehabt haben.

Jackson: Klar haben die uns genau über die Schulter geschaut. Wir mussten täglich Berichte in die USA schicken. Und ein hochrangiger Studio-Manager flog ständig als Emissär mit den frisch gedrehten Einstellungen zwischen Los Angeles und Neuseeland hin und her. Aber wir haben immer nur dann vom Studio gehört, wenn denen etwas nicht gefiel. Stille war immer ein gutes Zeichen. Außerdem waren viele Studio-Manager damals etwas abgelenkt.

Spiegel: Abgelenkt? Während Sie 300 Millionen Dollar verfilmten?

Jackson: Das Studio New Line gehört ja zu Time Warner. Während wir drehten, fand gerade die Fusion mit AOL statt. Es wurde viel spekuliert, ob New Line mit Warner Bros., dem zweiten Studio des Konzerns, fusionieren und was in dem Fall mit "Herr der Ringe" passieren würde. Letztlich blieben die Studios aber eigenständig.

Spiegel: Als Ihr Budget auf 330 Millionen Dollar kletterte, interessierte sich allerdings sogar die Spitze des weltgrößten Medienkonzerns dafür, was Sie mit all dem Geld in Neuseeland machen. Der damalige Vorstandsvorsitzende Gerald Levin hat sich persönlich eingeschaltet. Haben Sie von ihm Kontrollanrufe bekommen?

Jackson: Nein, mich haben sie in Ruhe gelassen. Ich habe Levin nur einmal getroffen, bei der Premiere von "Die Gefährten" in Los Angeles. Mit dem jetzigen Time-Warner-Chef Richard Parsons ist es hier in Berlin gerade das zweite Treffen.

Spiegel: In der Film- und Musikindustrie wird in letzter Zeit viel darüber geredet, dass man der Mutterkonzerne überdrüssig sei, weil Shareholder-Value und kreatives Arbeiten nicht zusammenpassten. Geht es Ihnen ähnlich?

Jackson: Meine kreative Freiheit war nie bedroht. Was allerdings auch damit zusammenhängt, dass "Der Herr der Ringe" so kompliziert ist: Es gibt so viele Charaktere und Nebenhandlungen, und wir haben auch noch alle drei Filme gleichzeitig gedreht. Ich glaube, viele Studio-Manager haben die Vorlage nie gelesen und fühlten sich deswegen auch nicht qualifiziert, uns zu sagen, was wir tun sollten.

Spiegel: Hatte man zwischenzeitlich darüber nachgedacht, wie etwa bei "Titanic", ein zweites Studio mit an Bord zu nehmen, um die finanziellen Risiken zu teilen?

Jackson: Nicht, dass ich wüsste. Die Filmrechte lagen ursprünglich bei Miramax, die aus Geldmangel andere Studios angesprochen hatten. Letztlich landete der Film bei New Line.

Spiegel: Gerissen hatte sich um das Mammutprojekt aber niemand: Nachdem Miramax nicht wollte, haben Sie acht Studios angesprochen, und nur zwei haben reagiert.

Jackson: Miramax wollte damals nur einen Film machen, was für mich aber nicht in Frage kam. Sie ließen mir vier Wochen Zeit, ein anderes Studio zu finden.

Spiegel: Also nahmen Sie 50000 Dollar Ihres eigenen Geldes und produzierten ein Präsentationsvideo. Es muss ziemlich gut gewesen sein, wenn man Ihnen daraufhin gleich Geld für drei Filme gab.

Jackson: O Gott, dieses Video ist sicher das wichtigste Stück Film, was ich je in meinem Leben produziert habe. Wir hatten uns 18 Monate mit dem Projekt befasst und schon Kulissen und Figuren entworfen. Die Festung Helms Klamm etwa existierte bereits als zehn Meter große Miniatur. Eigentlich war es wie ein Making-Of: Das Team interviewt sich gegenseitig und erklärt Teile des Storyboards. Wir haben das in nur drei Tagen zusammengezimmert.

Spiegel: Das klingt nach Panik.

Jackson: Wir waren völlig panisch. Uns war klar: Das ist unsere letzte Chance. Innerlich hatte ich mit "Herr der Ringe" schon abgeschlossen. Als ich nach Los Angeles kam, um das Projekt bei New Line zu präsentieren, war ich schon mit anderen Studios wegen neuer Projekte verabredet.

Spiegel: Was also passierte im entscheidenden Meeting mit den Studio-Bossen?

Jackson: Es war der Tag, an dem wir nach Neuseeland zurückfliegen sollten. Bob Shaye, der Chef von New Line, eröffnete das Gespräch auch gleich mit den Worten: "Wir mögen dich gern, Peter, und wenn du in Zukunft wieder ein Projekt hast, komm doch zu uns." In dem Moment war für mich alle Hoffnung gestorben. Aber dann schaut er das Video an, und auf einmal sagt er: Es sind doch drei Bücher, lass uns auch drei Filme machen. Ich dachte erst, der verarscht mich. Doch dann merkte ich: Er meint es wirklich ernst.

Spiegel: Nach fünf Jahren Arbeit an "Herr der Ringe" hatten Sie angekündigt, aks Nächstes "etwas sehr viel Kleineres zu machen". Stattdessen verfilmen Sie nun "King Kong" neu - wieder mit einem Riesenetat von über 100 Millionen Dollar. Hat Sie der Größenwahn befallen?

Jackson: Das glaube ich nicht. Es ist wahrscheinlich das Beste, ein Großprojekt wie "King Kong" gleich jetzt zu machen, weil ich mein Team noch zusammenhabe. Außerdem habe ich mich schon 1996 für acht Monate mit "King Kong" beschäftigt. Der Film sollte von Universal und Miramax zusammen finanziert werden. Aber Universal machte einen Rückzieher, weil damals bereits "Godzilla" ins Kino kam.

Spiegel: "Herr der Ringe" war ein Unternehmen, das zusammen mit dem Umsatz von "Die Rückkehr des Königs" wohl demnächst fast 3 Milliarden Dollar eingespielt haben wird. Können Sie überhaupt noch zurück zu Produktionen für ein paar Millionen Dollar wie "Heavenly Creatures" von 1994?

Jackson: Sicher. Bei der Auswahl meiner Projekte folge ich meinem Gefühl. Wenn ich für eine Idee Feuer fange, will ich sie umsetzen. Natürlich wäre jetzt ein kleiner Film toll. Aber wenn ich mich für ein Projekt begeistere, das 150 Millionen Dollar verlangt, dann versuche ich eben das Geld aufzutreiben und den Film zu drehen.

Spiegel: Haben Sie wirklich noch eine Wahl? Sie haben sich in Neuseeland mit einer Spezialeffekte-Firma für 20 Millionen Dollar, Filmlabors und Studios ihr privates Mini-Hollywood mit Hunderten Angestellten geschaffen. Wie wollen Sie die mit einem kleinen Arthouse-Film beschäftigen?

Jackson: Wir bemühen uns zunehmend um Fremdaufträge. Gerade stellen wir 300 Einstellungen für den neuen Will-Smith-Film "I, Robot" bei uns her.

Spiegel: Fühlen Sie sich nicht als Gefangener Ihres eigenen Film-Imperiums?

Jackson: Manchmal schon. Deshalb kann das Imperium, wie Sie es nennen, auf Dauer nicht von meinen eigenen Filmen leben. Bei den Ton- und Shcnittstudios können wir die Auslastung schon mit neuseeländischen Low-Budget-Filmen sicherstellen. Sorgen macht eher unsere Spezieleffekte-Firma. Dort arbeiten rund um die Uhr über hundert Computerspezialisten.

Spiegel: Die Aufträge, von denen Sie reden, kommen aus den USA. Nehmen Sie das Geld aus Hollywood, um damit Hollywood Konkurrenz zu machen?

Jackson: Warum nicht? Spezialeffekte können überall auf der Welt hergestellt werden. Zwar arbeiten Hollywood-Studios lieber mit Firmen wie Industrial Light & Magic oder Sony zusammen. Doch in letzter Zeit sind für Produktionen wie "Matrix" extra Firmen gegründet und auf die Projekterfordernisse zugeschnitten worden. Das geht nicht nur in Neuseeland, sondern auch in Großbritannien oder Deutschland.

Spiegel: In Deutschland eher nicht. Da gibt es nämlich keine Steuermodelle für Filmproduzenten.

Jackson: Aber in internationalen Filmen steckt doch viel deutsches Geld?

Spiegel: Das stammt aus Filmfonds.

Jackson: In deutsche Produktionen fließt also kaum Geld?

Spiegel: Nein, das Geld dieser Fonds fließt fast nur nach Hollywood.

Jackson: Sehr seltsam.

Spiegel: Aber das neuseeländische Steuersparmodell, von dem Sie bei "Herr der Ringe" angeblich mit einer dreistelligen Millionensumme profitiert haben, ist auch in ihrer Heimat heftig umstritten. Ihr Wirtschaftsminister wirft Ihnen vor, die Steuerzahler abgezockt zu haben.

Jackson: Von der Steuerersparnis habe ja nicht ich profitiert, sondern New Line. Da war von 200 Millionen Dollar die Rede, die tatsächliche Summe ist aber viel niedriger. Könnte man wirklich so viel Geld sparen, würde jeder Film der Welt in Neuseeland gedreht.

Spiegel: Wie wichtig sind Steuersparmodelle, um Filme außerhalb von Hollywood zu machen?

Jackson: In Neuseeland jedenfalls lebenswichtig. Die Regierung hatte sie 1999 abgeschafft, musste dann aber feststellen, dass die Filmproduktion mehr oder weniger zu Erliegen kam. Um den Erfolg der "Herr der Ringe"-Trilogie für die heimische Filmlandschaft zu nutzen, wurde nun aber ein neues Modell eingeführt.

Spiegel: Für Ihren nächsten Film "King Kong" erhalten Sie angeblich eine Rekordgage von 20 Millionen Dollar - so viel bekommen sonst nur die größten Hollywood-Stars wie Tom Cruise oder Tom Hanks. Sind Sie das Geld wert?

Jackson: Ach ja, seit Monaten ist immer nur von "dem Regisseur-Deal" die Rede. Das Geld ist ja nicht nur für mich bestimmt, sondern auch für drei Drehbuchautoren und zwei Produzenten. Die Produktionsfirma Universal hat gewiss keinen Grund zur Klage: In Neuseeland können wir den Film um 50 Millionen Dollar günstiger drehen als in Hollywood. Hier konnten es sich Filmemacher nie leisten, nur einen Cent zu verschwenden. Und damit fangen wir auch jetzt nicht an.

Spiegel: Gewinnt der Regisseur an Bedeutung, weil die Spezialeffekte heute oft die eigentlichen Stars der Filme sind? Zahlt man Ihnen deshalb so viel Geld?

Jackson: Das kann schon sein. Aber mein Vertrag für "King Kong" verpflichtet mich, jede Überschreitung des vereinbarten Budgets aus eigener Tasche zu bezahlen.

Spiegel: Das bedeutet also: Wenn Sie das Budget um 20 Millionen Dollar überschreiten...

Jackson: ... arbeite ich umsonst.

Spiegel: Und bei 30 Millionen Dollar müssen Sie noch was drauflegen?

Jackson: Das nicht, aber es ist ja auch Aufgabe des Studios, die Kosten im Auge zu behalten. Und wenn sie merken, dass die Kosten explodieren, werden sie sich schon mit mir in Verbindung setzen.

Spiegel: Fühlen Sie sich nicht selbst etwas unwohl, mit derartigen Millionensummen zu jonglieren?

Jackson: Tja, man fragt sich natürlich immer wieder, was die Filme so teuer macht. Meist sind es die Computeranimationen. Bei "King Kong" machen sie die Hälfte des Budgets aus. Man muss 400 hoch bezahlte Spezialisten zwei Jahre lang beschäftigen. In Hollywood kostet eine computeranimierte Einstellung im Schnitt 100000 Dollar. In Neuseeland schaffen wir es immerhin für ein Drittel dieser Summe.

Spiegel: Ihr Sparwille in allen Ehren: Ihr Regievertrag für "King Kong" wird die Kostenexplosion noch beschleunigen. 1990 kostete ein Film im Schnitt inklusive Marketing 39 Millionen Dollar, heute sind es fast 90 Millionen. Und schon fordern die Agenten anderer Regisseure deutlich mehr Geld für ihre Klienten.

Jackson: Nichts gegen andere Regisseure: Aber wer bringt denn wie ich gleich eine ganze Infrastruktur mit, die gewährleistet, dass man das viele Geld am Ende auch auf der Leinwand sieht?

Spiegel: Wie wäre es mit George Lucas?

Jackson: Ich bewundere ihn sehr, weil er viel von seinem geld in die technologische Entwicklung des Films gesteckt hat. Ohne "Krieg der Sterne" gäbe es heute weder die moderne Computeranimation noch das THX-Ton-System. Lucas hat all das möglich gemacht, womit wir jetzt ganz selbstverständlich arbeiten. Und so habe ich ähnlich wie er einen Großteil meiner Einkünfte in den Aufbau des neuseeländischen Films oder auch in die Entwicklung neuer Software für Spezialeffekte gesteckt. Kaum etwas ist wichtiger als Pionierarbeit.

Spiegel: Allerdings hat Lucas nach dem Erfolg von "Krieg der Sterne" 20 Jahre lang keinen Film als Regisseur gemacht. Droht Ihnen ein ähnliches Schicksal?

Jackson: Ich habe vom Filmemachen noch lange nicht genug. Ein bisschen Urlaub wär nicht schlecht - aber es müssen ja nicht gleich 20 Jahre sein.

Spiegel: Mr. Jackson, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Der Spiegel 51/2003

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