Porträt Ian McKellen

„So einer mächtigen Figur entkommt man nicht. Wenn ich sterbe, wird in den Zeitungen stehen: Gandalf ist tot.“

Sie sind fast gleich alt, "Der kleine Hobbit‘ und Ian McKellen. Als Ian 1939 an einem verregneten Maitag in Burnley, Nordengland geboren wurde, gab es J.R.R. Tolkiens Buch seit knapp zwei Jahren. Und der Autor war gerade dabei, sein monumentales Folgewerk „Der Herr der Ringe“ zu schreiben. Ahnen konnte damals natürlich keiner, daß dieser Ian McKellen 62 Jahre später Gandalf, den berühmtesten Zauberer der jüngeren Literaturgeschichte, spielen würde. Obwohl: Verrückt nach spannenden Geschichten war Ian McKellen von Angang an. In jeder Schultheaterauffürung war er dabei. Und während seine Klassenkameraden auf dem Bolzplatz kickten, besuchte er das Theaterfestival, um sich Laurence Olivier in Shakespeare- Dramen anzusehen. Nach einem Studium der englischen Literatur in Cambridge wurde er zum führenden Shakespeare- Darsteller Englands. 1990 schlug ihn die Queen sogar zum ‚Sir‘. Seinen internationalen Durchbruch hatte McKellen 1998 in ‚Goods and Monsters‘ mit einer tragischen Hauptrolle, die ihm eine Oskar- und Golden- Glob Nominierung einbrachte.
Elle trifft „Gandalf“ an einem sonnigen Herbsttag im noblen Londoner Hotel „The Dorchster“. In Suite 604 sitzt er frisch rasiert, mit flottem Kurzhaarschnitt, in Jeans und kariertem Hemd. Und sieht als Ian McKellen mindestens zehn Jahre jünger aus als der mächtigste Zauberer von „Mittelerde“, Mentor des kleinen Hobbits Frodo. Und doch: Wenn er sich in seinem Sessel zurücklehnt, Rauchwolken ausstößt und mit viel Humor und Ironie erzählt, dann entdeckt man dieses typisch gandalfsche Funkeln in seinen Augen.


Elle: Jetzt ist der letzte Teil der Trilogie „Der Herr der Ringe- Die Rückkehr des Königs“ abgeschlossen und sie werden nie mehr zaubern. Sind sie ein bißchen traurig?

Ian McKellen: Diese Geschichte ist tatsächlich ein ganz großer Teil meines Lebens geworden. In den vergangenen drei Jahren sind wir ja ständig nach Neuseeland geflogen, um zu drehen. Aber ich war kürzlich im Studio, um meine letzten Kampfszenen nachzusynchronisieren. Das bestand übrigens hauptsächlich darin, daß ich „Hu“ und „Ha“ schreien mußte (schmunzelt). Danach sagte ich: „Okay, Leute, das war es dann.“ Und die meinten: „Nein, im Dezember müssen sie noch einmal nach Neuseeland, weil wir da Material für die DVD drehen...“


Das hört sich nach einer unendlichen Geschichte an.

Ja, ich frage mich schon, ob dieser Job als Zauberer für mich jemals aufhören wird. Selbst wenn ich morgen mit der Schauspielerei aufhöre und in Vergessenheit geraten sollte – dann wird irgendwann die Schlagzeile lauten: „Gandalf ist tot“. Dieser Film ist bereits ein Klassiker und dem kann ich nicht entrinnen.


Ist denn der Zauberer Gandalf für sie ein guter Freund geworden?

Ich bin sein Agent, sein Vertreter auf Erden. Ich spreche für ihn. Großeltern bringen mir ihre Enkel, damit ich sie segne, als Gandalf. Manchmal bitten Leute mich sogar darum, Autogramme als Gandalf zu schreiben. Dann sage ich: „Tut mir Leid, aber Gandalf gibt keine Autogramme. Sie müssen schon mit mir Vorlieb nehmen.“ Die Fans verwechseln mich mit Gandalf, aber es gibt schlimmeres, denn ich mag ihn gern. Er ist ein liebens- und bewundernswerter Kerl.


Haben sie Gemeinsamkeiten?

Ich versuche manchmal, so weise wie er zu sein, aber über den Versuch komme ich häufig nicht hinaus. Was ich besonders an ihm mag, ist die Tatsache, daß er raucht, trinkt, sich gern unterhält und ständig durch die Welt reist. Und er kleidet sich sehr stilvoll.


Was würden sie mit Gandalfs magischen Kräften anfangen?

Mit so viel Macht könnte ich wahrscheinlich gar nicht umgehen. Ich würde wohl der dunklen Seite verfallen. Ansonsten bin ich im Moment sehr glücklich mit meinem Leben. Es gibt eigentlich nichts, was ich verändern möchte. Ich mache morgens das Fenster auf, die Sonne scheint, und ich genieße diesen wundervollen Blick auf die Themse. ich habe den besten Blick in ganz London. Einfach großartig.


Leider wissen wir nicht viel über Gandalfs Privatleben. Wen findet er zum Beispiel attraktiv?

Ich könnte mir vorstellen, es wäre Legolas (lacht).


... Der von Orlando Bloom gespielt wird. Sie haben immer offen über ihre Homosexualität gesprochen. heute ist das ja keine große Sache mehr, aber 1988, als sie sich in einer BBC- Sendung outeten...

Grund für mein Outing war, daß die Thatcher- Regierung ein mieses Gesetz gegen Homosexuelle erlassen wollte, und da mußte ich einfach Stellung beziehen.


Das war sehr mutig.

Nein. Ich war bereits 49, und es wurde einfach Zeit. Wenn ich heute relativ offen darüber rede, versuche ich wahrscheinlich all die Jahre nachzuholen, in denen ich geschwiegen habe. Aber sie müssen sich einmal vorstellen, daß Homosexualität illegal war, bis ich 27 war. Man kam dafür ins Gefängnis!


Wußte ihre Familie Bescheid?

Nicht mal meine Schwester und Stiefmutter hatten die geringste Ahnung. Ich habe kurz vor dem TV- Auftritt mit ihnen gesprochen. Ehrlich gesagt, es handelte sich nur um ein paar Stunden (lacht). Aber ihre Reaktion war wirklich rührend. Meine Stiefmutter war damals immerhin bereits 84 Jahre alt. Und sagte nur: „Ach, Ian, ich dachte, du willst mir was schreckliches erzählen. Aber überleg dir gut, ob du es deiner Schwester erzählst.“ Die meinte aber nur: „Kein Problem, Ian, aber sag es bloß nicht deiner Tante.“ Und so ging es weiter. Alle machten sich nur Sorgen um die anderen.


Haben sie diese Offenheit auch in andere Bereiche ihres Lebens übertragen?

Ja. Denn ich habe festgestellt, daß Offenheit und Ehrlichkeit die beste Politik sind. Gerade für Schauspieler. Für uns geht es ja immer um zwei Dinge: Wir versuchen den Kern der menschlichen Natur offen zu legen. Gleichzeitig aber verstellen und verkleiden wir uns dabei. Ich glaube auch, das ist einer der Gründe, warum viele Homosexuelle Schauspieler werden. Es ist die ideale Art zu Leben. Man kann der Wirklichkeit entfliehen und sich verkleiden, wenn man nicht erkannt werden will. Man kann seine Sexualität verbergen und trotzdem ein sehr öffentliches Leben führen. Das ist jedenfalls meine Theorie.


Wann haben sie gewußt, daß sie Schauspieler werden wollen?

Früh. Als ich gerade drei war, bin ich mit meiner Mutter mal in eine „Peter- Pan“- Aufführung gegangen. Zunächst war ich enttäuscht, denn meine Mutter hatte mir erzählt, daß da ein Krokodil mitspielt. Ich durchschaute aber schnell, daß es gar nicht echt war. Ich konnte alle Fäden sehen! Insgesamt war ich dann aber beeindruckt.


Was bedeutet es für sie, älter zu werden?

Na ja, ich denke schon öfter über den Tod nach als früher. Außerdem habe ich mir tatsächlich überlegt, ob ich mir nicht die schlaffe Haut unter meinem Kinn straffen lassen sollte. Das nervt mich nämlich. Aber nachdem mir die Operation erklärt wurde, bin ich nicht mehr so sicher. Dabei wird unter anderem ein Muskel durchtrennt. Das finde ich doch etwas beunruhigend. Im Film kann man ja prima schummeln und die Haut unter dem Kinn mit Klebestreifen straffen. Das habe ich von Ava Gardner gelernt.


Haben sie noch mehr solche Tricks drauf?

Ach, ich finde, es sollte viel mehr Kosmetik für Männer geben. Wir würden dann alle besser aussehen. Außerdem ist Schminke ein Teil meines Jobs. Viele Männer finden Kosmetik immer noch unmännlich. Ich nicht! Und mittlerweile gehört es für Männer dazu, wenn sie in irgendeiner Form im Rampenlicht stehen. Arnold Schwarzenegger ist geschminkt oder George Bush. Und ich bin mir sicher Jacques Chirac und Gerhard Schröder auch.


Nach den Dreharbeiten hat sich die gesamte „Bruderschaft des Rings“ von Viggo Mortensen bis Elijah Wood eine Tätowierung in „Elbisch“ stechen lassen.


Stimmt. Aber das ist streng geheim. So haben wir es jedenfalls verabredet. Für die ELLE- Leserinnen mache ich eine Ausnahme... (knüpft sich das Hemd auf und zeigt ein etwa 6x 3 Zentimeter großes Tattoo auf dem Oberarm). Es heißt „neun“ auf Elbisch, für die neun Gefährten. Und wenn man es umgekehrt ließt, sieht es aus wie „Gucci“, nicht wahr?

Elle

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