Im Land der Ringe

Hobbits Orks und Olifanten gibt’s ab 17. Dezember wieder im Kino. Aber kann man Tolkiens Phantasie- Welt auch in Wirklichkeit erleben? Eine Neuseelandreise auf den Spuren des legendären „Herrn der Ringe“

„Neuseeland ist Mittelerde. Es hat alle Landschaftsformen, die du dir vorstellen kannst... und noch ein paar mehr“ (Elijah Wood)

Jede Menge Filme, Musikprogramme und Zeitschriften bietet das Unterhaltungsprogramm auf dem Flug nach Neuseeland. Und was machen die Passagiere? Schlafen alle tief und fest. Alle? Tja, fast. Vor mir liegt die schlafraubenste Drucksache seit Gutenberg: J.R.R. Tolkiens (1892- 1973) „Herr der Ringe“, ein 1000 Seiten Schmöker, der die Fantasie auf eine Weltreise schickt. Genauer: nach Mittelerde, 7000 Jahre vor unserer Zeit, wo es von Elben, Orks und anderen wunderlichen Geschöpfen nur so wimmelt.
Generationen von Fantasie- Fans haben die Ringgefährten auf ihrem Schicksalsweg begleitet: Vom lieblichen Auenland durch magische Wälder, schneebedeckte Gebirge und faulige Sümpfe bis nach Mordor, „wo die Schatten droh’n“. Jetzt ist die Welt ihrer Träume (und Albträume) Wirklichkeit geworden: Neuseeland, das „Land der langen weißen Wolke“, wie es die Ureinwohner nennen, ist das „Land der Ringe“. „Schuld“ daran ist Regisseur Peter Jackson, der sein Lieblingsbuch in seiner Heimat verfilmt hat, „weil sich ja sonst keiner getraut hat“.

Eine Mammutproduktion mit 2400 Leuten, 18 Monaten Drehzeit und 35 verschiedenen Drehorten. Die spektakulärsten davon wollen wir auf unserer Reise erleben.

Erste Station: Queenstown in den Südalpen Neuseelands. Wo sich das Panorama der mit Schnee überzuckerten Berge in glasklaren Seen spiegelt. Postkartenkitsch. Mehr „Heidi“ als „Hobbits“. Und doch Heimat von Mittelerde. Die Bruinenfurt etwa, das Nebelgebirge oder die Elbenwälder Lóriens. Hier besser bekannt als Arrow River, Remarkables und Paradise. Paradies? Klingt verlockend. Vom gottverlassenen Glenochy aus kann man die Gegend erkunden. Am besten – wie vor 7000 Jahren – zu Pferd. „Das war eine herrliche Zeit, als die Filmcrew hier war“, erinnert sich Reitlehrerin Sue, eine neuseeländische Frohnatur. Sie war als Statistin in Massenszenen dabei: „Als Krieger von Rohan – mit juckendem falschen Bart“. Von den Dreharbeiten kann sie lustige Anekdoten erzählen. Etwa von dem Hobbit- Darsteller, dessen störrisches weißes Pony „nie auf sein Kommando anhalten wollte. Der arme Kerl wäre fast verzweifelt“. So ähnlich ergeht es uns Reitanfängern auch.
Ein einsames, von zwei Gebirgsbächen durchzogenes Tal führt zum Paradies. Die grüne Wildnis wirkt unberührt. Die Filmcrew hat also Wort gehalten und keine Spuren hinterlassen.

Wer die Sets sucht, wird enttäuscht: Sie sind genauso in Geheimarchiven verschwunden wie alle Requisiten, vom Hobbitfuß bis zur Ork- Axt.

„Fast alle“, korrigieren vor Sammlerstolz fast platzende Einheimische nach dem dritten Bier. Aber wer möchte bei dieser Naturkulisse schon Plastikattrappen sehen? Erhabene Berge und Schluchten, mal idyllisch, mal mystisch. In Licht getaucht, für das Fotografen töten würden. So muß sich der Ringträger gefühlt haben, als er die Wälder Lóriens erblickte: „Er sah nur Farben, die er kannte: Gold, Weiß, Blau und Grün, aber sie waren so frisch und eindringlich, als sähe er sie in diesem Augenblick zum ersten Mal und müßte ihnen neue und ihrer würdigere Namen verleihen“. „Abenteuer- Hauptstadt der Welt“ nennt Queenstown sich selbstbewußt – und das völlig zu Recht:

Nahe der Stelle, wo im Film die schwarzen Reiter von einer Flutwelle fort gespült wurden, kann man heute für eine Hand voll Kiwi- Dollar Pfannen ausleihen und nach Elben- Gold sieben.

Am Karawu- Fluß, wo (mit Computerhilfe) das Königstor des Anduin stand, locken Rafting- Touren. Oder wie wär’s mit einem Sprung von der weltweit ersten Bungee- Brücke, einem Tandemfallschirmsprung? Warnung: In beiden „Fällen“ würdet ihr nicht nur die Perspektive eines „geflügelten Nazgûls“ genießen – ihr würdet auch wie eins dieser Biester brüllen...
Zweite Station ist Peter Jacksons Heimat Wellington. Das Hauptstädtchen Neuseelands (350000 Einwohner) ist zugleich Zentrum des Filmprojekts. Die Locations sind eher unspektakulär: Zu sehen ist ein Steinbruch, wo der Kampf um die Hornburg gedreht wurde. Das bezaubernde Bruchtal ist in Wirklichkeit ein waldiger Regionalpark in der Nähe von Upper Hutt. Geblieben sind nur eine Hinweistafel und die hübschen Wasserfälle – ein idealer Ort zum Picknicken und Kaffeetrinken.
Die besten Cappucino weit und breit gibt’s im „Chocolate Fish Café“ von Scorching Bay. Richard Taylor, Chef der WETA- Studios, ist hier Stammgast.
Ohne VIP- Rechte:

Auch ein mehrfacher „Oscar“- Gewinner stellt sich brav für Kuchen an. Und erzählt dem X-MAG- Reporter vom Glücksgefühl, „aus einer Idee bei Fish und Chips“ einen Film gemacht zu haben, „auf den das ganze Land stolz ist“.

Auch die Schauspieler schauten in den Drehpausen häufig vorbei: Liv Taylor (Arwen), Viggo Mortensen (Aragorn) und Elijah Wood (Frodo), der seiner aufgebrezelten Kollegin bei ihrem ersten Besuch zurief: „Hey, Liv, du kannst dir die Sonnenbrille sparen, ist alles ziemlich locker hier“.
Was die Stars an ihrem Lieblingscafé schätzten: Sie blieben von Paparazzi unbehelligt (Elijah Wood tauchte später noch privat mit seiner Kurzzeit- Liebe Franka Potente auf). Einziger Nachteil: Die Autos. Die Straße führt mitten durchs (!) Café. Ein „Vorsicht- Kellner“- Schild steht neben dem Wegweiser nach Seatoun, wo die meisten Schauspieler wohnten. Um die Ecke der Strand von Lyall Bay, wo „Legolas“ Orlando Bloom das Wellenreiten lernte. Aber: Wer auf den Spuren der Ringgefährten wandelt, kann nicht ewig die Frühlingssonne zu genießen. Das finstere Ende naht: Mordor das vulkanische Zentrum der Nordinsel. Es ist ein Rendezvous mit den Naturgewalten: Die Vulkane sind aktiv, der letzte Ausbruch liegt erst sechs Jahre zurück. Aus kochend heißen Quellen steigen stinkende Schwefelwolken auf. Für die Maori, die polynesischen Ureinwohner, „ein Gruß der Mutter Erde an den Himmelsvater“. Nach dem „Paradies“ erleben wir jetzt die Prachthölle.
Der Tongariro- Nationalpark ist heiliges Land der Maori. Sie fühlen sich seit jeher spirituell mit den Kratern verbunden: „Te Ha O Taku Maunga Ko Taku Manawa“, sagen sie: Der Atem meines Berges ist mein Herz. In ihre Ehrfurcht vor der Natur mischt sich Furcht: Um die Vulkane nicht zu provozieren, durften die stolzen Krieger die Gipfel nicht anblicken, geschweige denn betreten. Sie sind „Tapu“ – unantastbar.
Der Legende nach haben Maori- Götter die Vulkane geschaffen, als sie einem erfrierenden Priester unterirdische Feuer schickten. Er opferte ihnen zum Dank seine Sklavin, die er in den Krater warf. „Ein lautes, verworrenes Getöse brach los. Flammen loderten auf und züngelten bis zur Decke. Das pochende Geräusch schwoll zu einem rasenden Dröhnen an, und der Berg bebte“. So steht’s im „Herrn der Ringe“, in dessen dritten Teil ein ganz anderes Geschöpf in den Schicksalsberg stürzt... Selbst wenn man die Geschichte von Mordor tausendmal gelesen hat:

Die Mythen der Maori sind hier gegenwärtiger. Das respektierte letztlich auch die Filmcrew, die den Gipfel des Mount Ruapehu, dem höchsten der drei Vulkane (2797 m) mied. Denn er ist nicht nur im Kino Schicksalsberg.

Bei seinem Ausbruch 1995/96 konnten sich Skifahrer erst in letzter Sekunde vor der Lava retten. Mehr Unheil richtete der Ruapehu vor 49 Jahren an, als sein Kratersee überlief und eine Bahnbrücke zerstörte.151 Menschen stürzten in den Tod. Einige Maori glauben bis heute, daß der Berg sich zornig gegen die Eroberung durch die Menschen wehrt. Ein letzter Blick auf die erhabenen Mondlandschaften von Tonrigariro/ Mordor. Manchmal ist es fast unheimlich, wie sich reale und Fantasiewelt gleichen. „Als wäre Tolkien durch Neuseeland spaziert“, staunte Schauspieler Sean Astin (Hobbit Sam).
Kollege Ian McKellen, der im „größten jemals erzählten Abenteuer“ (Filmwerbung) den Gandalf spielt, sagt: „Ein magisches Land“. Wer sollte einem altehrwürdigen Zauberer widersprechen...?

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