Interview

Die Gesprächsteilnehmer in alphabetischer Reihenfolge: Sean Astin (Sam), Orlando Bloom (Legolas), Billy Boyd (Pippin), Peter Jackson (Regie), Ian McKellen (Gandalf), Dominic Monaghan (Merry), Viggo Mortensen (Aragorn), Elijah Wood (Frodo)


Es ist das dritte Weihnachtsfest in Folge, dem Millionen Menschen auf der ganzen Welt mit besonders freudvoller Erwartung entgegenfiebern. Am 17. Dezember 2003 startet endlich „Die Rückkehr des Königs“, das lang ersehnte Finale der „Herr der Ringe“- Trilogie in den Kinos. „Ich versichere Ihnen, daß er der beste ist“, verspricht Gandalf- Darsteller Ian McKellen, und auch Regisseur Peter Jackson läßt etwas von seiner neuseeländischen Zurückhaltung vermissen: „Es ist der Teil der Saga, auf den ich am meisten Stolz bin.“ Die Selbstsicherheit, mit der die Stars und Macher die Neugier der Fans noch schüren, kommt nicht von ungefähr. Nicht nur, daß die Serie mehrere hundert Millionen Dollar in die Kinokassen gespült hat, gleichzeitig war es gelungen, die skeptischen Tolkien- Fans auf der ganzen Welt zu überzeugen.
So besteht dann auch kaum Zweifel, daß Teil 3 die Erfolgsgeschichte krönen wird. Damit sie sich noch vor dem offiziellen Kinostart einen umfassenden Eindruck verschaffen können, sind wir in den letzten Wochen rund um den Globus gereist, um in London, Los Angeles, New York und der Neuseeländischen Hauptstadt Wellington exklusive Fotos zusammenzutragen und um mit Peter Jackson und seinen Schauspielern über das grandiose Finale der Saga zu sprechen.

WOOD: Nächstes Jahr zu Weihnachten werde ich wohl mit gepackten Koffern zu Hause stehen und mich verdammt wundern, daß mich keiner abholt und zu einer „Der Herr der Ringe“- Premiere fährt. Machen wir uns nichts vor: Das Ende auf Raten ist bitter, auch wenn viele von uns über übliche Set- Bekanntschaften hinaus befreundet bleiben.

MORTENSEN: Ich neige nicht zu Sentimentalität, doch als wir im Sommer die letzten Nachdrehs abgeschlossen hatten, war ich vom Gefühl des Abschieds überwältigt. Klar, die Premieren in Wellington und Berlin liegen noch vor uns, doch viele Mitglieder der Crew sahen wir das letzte Mal. Es gibt Schauspieler, die machen sich nichts aus solchen Erfahrungen. Ich schon. Schließlich werden wir alle früh genug senil, und bis dahin zehre ich gern von den Erinnerungen und trage den Geruch der Wälder von Neuseeland mit mir. Ich werde zwar nie wieder als Aragorn in eine Schlacht reiten. Aber was ich in diesem Moment gefühlt habe, wird mir noch lange Kraft und Stärke verleihen. Da bin ich mir sicher.

BOYD: Der Abschied wurde durch großartige Geschenke ein wenig erleichtert. Jeder bekam ein liebevoll zusammengestelltes Video voller Szenen und Outtakes von seiner Rolle. Außerdem durften wir uns ein Andenken aussuchen und mitnehmen.

WOOD: Ich bekam den Ring. Den Originalring. Doch ich stelle ihn nicht zur Schau – er ist in Stoff gehüllt und in ein Kästchen gepackt, das wiederum in zwei größeren Kästchen steckt. Und dort ist er gut aufgehoben.

BLOOM: Ich bekam den Bogen von Legolas und einen Satz scharfer Pfeile. Doch als ich nach England fliegen wollte, wurden die Andenken vom neuseeländischen Zoll eingesammelt und angeblich gesondert nachgeschickt. Nun, ich warte bis heute und schätze, daß irgendwo auf der Welt ein Fan der stolze Besitzer von Originalrequisiten ist.

MCKELLEN: Ich hatte die Türgriffe von Sarumans Turm Orthanc erbeten, wunderschön aus Fieberglas in der Form von Eidechsen gefertigt. Man konnte sie im Film kaum erkennen, doch es war bezeichnend für die Produktion, daß selbst winzigste Details mit der gleichen Sorgfalt behandelt wurden wie wichtigste Großaufnahmen. Aber was mich noch mehr verblüffte: Als ich die Griffe einigen Fans zeigte, wußten sie sofort, wo sie hingehören. Kaum zu fassen, oder? Man könnte fast meinen, die Leute haben den Film mit der Lupe betrachtet.

MORTENSEN: Ich durfte mein stählernes, mächtig angeschlagenes Originalschwert mitnehmen, mit dem ich trotz seines enormen Gewichts immer drehte, wenn nicht in gefährlichen Szenen ein leichteres Duplikat nötig war.

ASTIN: Ich bin stolzer Besitzer von Sams Rucksack, seinem Schwert und vor allem von einem Paar Hobbit- Füßen.

MCKELLEN: Ich halte mich für den glücklichsten aller „Der Herr der Ringe“- Schauspieler, weil ich zwei Rollen spielen darf und diese Entwicklung im dritten Film fulminant abgeschlossen wird. Ich begann als Gandalf der Graue, der wenig Energie besitzt und sich erst seinen Ängsten stellen muß – und spiele nun eine große Rolle als Anführer und Kämpfer, dem auf dem Feld der Schlamm ins Gesicht peitscht.

BLOOM: „Die Rückkehr des Königs“ ist Aragorns Geschichte, der gewaltige Verantwortung zu übernehmen lernt. Legolas? Hey, er feuert einen Haufen Pfeile ab und macht den üblichen Helden- Mist. Die Szenen aus „Die zwei Türme“, in denen ich auf einem Schild surfe oder ein Pferd im Galopp besteige, kamen beim Publikum so gut an, daß sich Peter eine Spezialsequenz für Legolas überlegte, die alles andere toppt! Versprochen!

JACKSON: Ich stecke noch im Schnitt, vermute aber, daß wir über der Drei- Stunden- Grenze landen, denn „Die Rückkehr des Königs“ war vor meinem inneren Auge immer der aufregendste und bewegendste Teil der Trilogie. Stolzer als auf diesen Teil war ich nie. Nicht zuletzt, weil ich meine übelsten Albträume in den Szenen mit der Spinne Kankra verarbeitete. Sie ist nach dem Vorbild einer so genannten tunnel web spider gestaltet, die mich in meiner Kindheit in Neuseeland quälte. Riesenspinnen in Filmen sind oft langsam, weil sie in Zeitlupe gefilmt werden, was ihre Dimensionen vergrößert. Nicht bei uns. Kankra ist ein irre schnelles Biest und wird nicht nur Frodo in Panik versetzen.

MORTENSEN: Nachdem die ersten Filme ja sehr positiv aufgenommen wurden und die gewaltigen Schlachten diesmal selbst Helms Klamm in den Schatten stellen, erwartet jeder einen riesigen Kassenhit. Das wird „Die Rückkehr des Königs“ bestimmt auch werden. Dennoch möchte ich nicht nur in Box- Office- Kategorien messen. Schaue ich mir die Schnappschüsse meiner Kollegen an, die vor vier Jahren entstanden sind, und vergleiche sie mit Bildern von heute, dann sehe ich die Veränderung in den Augen. Das sind Blicke von Menschen, die auf eine unglaubliche Probe gestellt wurden und diese bestanden haben.

WOOD: Ich habe die letzte Stunde gesehen und noch nie in meinem Leben so sehr bei einem Film geheult. Auch Kenner des Buches werden verblüfft sein über die Intensität und Düsternis der Story. Und das selbst Peter beim Dreh der entscheidenden Szenen zwischen Frodo und Sam auf dem Schicksalsberg die Tränen liefen, war das größte Kompliment, das ich als Schauspieler je erhalten werde.

JACKSON: Das Geheimnis unseres Erfolges? Wir haben die Geschichte glaubwürdig gemacht, obwohl sie mit massiven Klischees arbeitet. Gute Hobbits, böse Orks – das kann leicht in Monty- Python- Nähe landen. Doch indem wir die Figuren ernst nahmen, brachten wir Tolkiens Welt so glaubwürdig auf die Leinwand, als würden wir eine wahre Geschichte – wie die von Alexander dem Großen oder Napoleon – erzählen.

WOOD: Manche Leute machen sich darüber lustig, wenn ich erzähle, wie verschworen das Team war. Doch neulich traf ich bei einem Radiohead- Konzert den Schauspieler Stuart Townsend, der durch Viggo ersetzt wurde. Eine harte Entscheidung für ihn, aber so ist das Geschäft. Doch Stuart sagte, daß er nie verbittert gewesen sei, weil ihm drei Welterfolge entgangen waren. Nur das Familiengefühl mit den anderen Schauspielern habe ihm nach Monaten des gemeinsamen Trainings gefehlt. Er spürte, daß er so etwas wohl nie wieder erleben wird.

ASTIN: Es klingt vielleicht blöd: Aber mir wurde klar, daß „Der Herr der Ringe“ für die Ewigkeit gemacht ist, als ich bei einem Golfspiel für Prominente gegen Bill Clinton spielen durfte und er allen Ernstes wußte, wer ich bin.

MORTENSEN: Nennen Sie es Glück oder Schicksal. Ich werde mir jedenfalls immer darüber im Klaren sein, daß ich nichts für die Rolle des Aragorn getan habe. Sie war ein Geschenk. Und sie hat mein Leben für immer verändert. Dafür bin ich aufrichtig dankbar.

JACKSON: Viggo ist bekannt, seine Projekte sehr gewissenhaft zu wählen, und ich reiste sozusagen auf Verdacht an. Während ich bereits im Dreck steckte, gab es ein heikles Gespräch, in dem er mir Fragen über Aragorns Motive stellte, die ich ihm so detailliert nicht beantworten konnte. Ich versuchte erfolglos zu lügen, bis sich plötzlich ein peinliches Schweigen einstellte. In dem Augenblick, war ich sicher, das Gespräch versiebt zu haben, und ging schon im Geiste eine Namensliste durch, wen ich denn jetzt als Aragorn besetzen könnte. Doch Viggo sah mich nur an und sagte : „Okay, dann sehen wir uns wohl am Dienstag auf der Arbeit“. Mann, war ich erleichtert.

MCKELLEN: Es ist verrückt, wie einen das Leben in die richtigen Bahnen lenkt. Heute werde ich auf der Straße häufiger als Gandalf angesprochen als mit meinem Namen. Dabei hatte ich mich damals schon schweren Herzens zur Absage entschieden, weil mich der lange Dreh schreckte und sich anfangs nicht mit „X-Men“ koordinieren ließ. Doch ob Sie es glauben oder nicht: Ich spürte damals, daß ich es bereuen würde, wenn ich die Rolle absage.

MONAGHAN: Wie wir damit umgegangen wären, wenn sich einer aus dem harten Kern als Arschloch erwiesen hätte? Ich glaube nicht, daß das möglich gewesen wäre. Beim Hauptdreh in den ersten anderthalb Jahren hockten wir alle so dicht aufeinander, daß man sich nur mit Selbstmord oder Kündigung aus der Verantwortung hätte stehlen können. Sicher gab es auch Gruppenbildungen, Inselkoller, kleine Konflikte – wir sind ja privat keine Hobbits. Doch die Zusammengehörigkeit war nie gefährdet. Nie. Ich vermute, daß Peter ein Diplom der Psychologie besitzt und sozialverträglich besetzte.

JACKSON: Ich halte nichts von einem diktatorischen Filmstil, sondern umgebe mich lieber mit Leuten, die auf ihren jeweiligen Feldern bessere Ideen haben als ich.

MCKELLEN: Ich kann mich nicht erinnern, daß Peter in all den Jahren ein einziges Mal geschrien hat. Man muß sich seine Sets eher wie die vergrößerte Version seines Gartens vorstellen, wo er mit diebischem Vergnügen das teuerste Heimvideo aller Zeiten dreht. Auch wenn es für die Schauspieler gewöhnungsbedürftig war, daß er grundsätzlich enorm viele Einstellungen verlangt.

JACKSON: Unter allen Figuren der Serie identifizierte ich mich am meisten mit Bilbo Beutlin, Frodos Ziehvater aus „Die Gefährten“.

WOOD: Peter pflegte am Set keine Schuhe zu tragen, und ich muß sagen, daß es mich bei all dem Streß enorm beruhigte, daß wir von einem echten, lebenden Hobbit angeführt wurden. Und für mein Empfinden sind Exzentriker unbedingt vertrauenswürdig.

BLOOM: Wir drehten in Neuseeland so isoliert, daß es keine Chance für Allüren gab. Die Medien mögen sich jemanden aus dem großen Ensemble picken, das ist normal. Doch Ruhm bleibt abstrakt und schafft es gar nicht auf den Set. Ich persönlich muß mich erst seit „Fluch der Karibik“ etwas vorsichtiger in der Öffentlichkeit bewegen – bei „Herr der Ringe“ war ich mit der blonden Perücke und den spitzen Ohren ausgezeichnet getarnt.

ASTIN: (lacht) Unbegreiflich, daß ein häßlicher Vogel wie Orlando auf Titelseiten schafft. Er muß eine raffinierte Presse- Agentin haben.

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