Der Herr der Ringe – Die zwei Türme

Eigentlich müsste Peter Jackson bestens aufgelegt sein. Er sitzt behäbig am Pool des Four Season in Beverley Hills, vor sich eine dampfende Tasse Tee. Der Aprilregen am Vorabend hat den Smog aus der Luft gespült. Überall stehen Vasen mit frisch geschnittenen Blumen. Doch der Neuseeländer lässt sich von diesem Kitschidyll nicht beeindrucken. Denn er ist an einem Ort, den er im Grunde seines Herzens zutiefst ablehnt: "Ich hatte nie die Ambition,
Hollywood-Regisseur zu werden." Die Filmstadt ist in seinen Augen das Land Mordor, bei Tolkien der Hort des Bösen: "Man heuert die ausländischen Filmemacher wegen ihrer Originalität an, doch dann sollen sie hohle Kommerzprodukte abliefern. Das wird mir nicht passieren." Vor über sechs Jahren kamen ihm solche Worte noch locker von den Lippen. Damals hatte er für die Universal die schräge Horrorkomödie "The Frighteners" gedreht - für bescheidene17 Millionen Dollar. Die Feuerprobe seiner Prinzipienfestigkeit stand ihm seinerzeit noch bevor. Wie die ausging, weiß inzwischen das Kinopublikum auf der ganzen Welt. Mit dem ersten teil von "Der Herr der Ringe" bewies er, dass man für einen Blockbuster keinen Effekt-Overkill braucht. Zudem machte er das Genre des Fantasy-Films salonfähig. Mit "Die zwei Türme", dem zweiten Film der Trilogie, zeigt er jetzt noch eindrucksvoller, wer der Mächtigere ist: der kreative Kiwi - und nicht die Konzerne von Hollywood.

Dabei erschien Peter Jackson zunächst keineswegs als geeigneter Kandidat für das Millionenspiel um Mittelerde. Ende der 80er hatte er mit Low-Budget-Horror wie "Bad Taste" die Splattergemeinde erobert. Mit dem Oscar-nominierten Adoleszenz-Drama "Heavenly Creatures" sammelte er 1994 auch Kritiker-Meriten. Sein erstes Traumprojekt, eine Neuverfilmung von "King Kong", wurde im Entscheidungshickhack von Universal zerschreddert. Erst 1997 war der Deal seines Lebens greifbar nahe. Er überzeugte die Firma Miramax, die Rechte an J.R.R. Tolkiens "Der Herr der Ringe" zu erwerben, die bis dahin im Besitz von Produzentenpapst Saul Zaentz
("Einer flog über das Kuckucksnest", "Amadeus") waren. Doch schon zwei Jahre darauf folgte der nächste Rückschlag: Miramax wollte nur einen "Ring"-Film finanzieren, nicht die ursprünglich vereinbarten zwei. Verzweifelt hielt Jackson Ausschau nach neuen Geldgebern.
Zum Glück saß Mark Ordesky, ein alter Freund und Förderer, im Management des New - Line - Studios. Dessen Chef, Bob Shaye, gewährte dem sturköpfigen Freak eine Audienz. Angeblich bot er Peter Jackson gleich eine der literarischen Form entsprechende Ausweitung auf drei Filme an. Doch vor Vertragsabschluss holte er sich Rat - bei Saul Zaentz.
Der dreifache Oscar-Preisträger hatte sich inzwischen mit Jackson und dessen Frau Frances Walsh zu einem gediegenen Dinner in San
Francisco getroffen. Seit seiner missglückten Zeichentrickversion von 1978 war Saul Zaentz stets bestrebt gewesen, eine Realverfilmung des Tolkien-Epos zu entwickeln. Doch Regiekandidaten wie John Boorman ("Excalibur") waren mit ihren Konzepten bei ihm durchgefallen. Ganz anders sein Gast vom anderen
Ende der Welt: "Peter hatte eine große Leidenschaft, die ich bei
keinem sonst gesehen habe. Für die anderen war es bloß eine Chance einen guten Film zu machen. Er wollte weit mehr als das."
Allein der Ort dieses Abendessens stand unter einem schlechten Stern. Teilhaber des Nobelrestaurants Rubicon war Francis Ford Coppola-Inbegriff des größenwahnsinnigen Regisseurs, der sich mit seinen extravaganten Visionen hoffnungslos verspekuliert.
Doch psychologisch steht Jackson auf der entgegengesetzten Seite des Spektrums. Und genau das erklärt, weshalb der Neuseeländer keine "Apocalypse Now" erlebte. Während sich der "Paten"- Papa als großer Zirkusdirektor aufplusterte, der seinen Ruhm mit niemandem teile, schlüpfte der Herr der Hobbits in die rolle des Teamspielers. Ein Wort zieht sich leitmotivisch durch alle Erzählungen vom "Der Herr der Ringe" - Set: Kameraderie. Wann immer es nötig erschien, teilte der Regisseur seine Macht. Beim Drehbuchschreiben hießen die eigentlichen Drahtzieher Frances Walsh Philippa Boyens. Während sich Jackson mit der Produktion herumschlug, arbeiteten sie jeden Tag Szenen und Dialoge um. Die Darsteller lieferten reichlich Input. Es gab regelrechte Seminare über die einzelnen Rollen. Wann immer die Akteure Fragen zu ihren Charakteren hatten, standen ihnen Autorinnen Rede und antwort. Dass zwei Frauen die Handlungsfäden verwoben, zeigt sich vor allem in "Die zwei Türme": Hier treiben nicht nur Schwerter und Zauberei die Handlung an, sonder auch Liebe und Eifersucht. Und es ist natürlich kein Zufall,
dass die Hintergrundgeschichte im Prolog zu "Die Gefährten" von
einer Erzählerin präsentiert wird.
Auch das Design dieser Welt vertraute Jackson lieber anderen an, obwohl er über eine umfangreiche Bibliothek mit Tolkien-Literatur verfügt. Aus England und der Schweiz wurden die Illustratoren Alan Lee und John Howe eingeflogen, die Mittelerde schon unzählige Male auf Papier gebannt hatten. Als Europäer waren sie im Stil alter Kulturen versiert - anders als die meisten Neuseeländer. "Wir wollen ja nicht andere Fantasy-Filme abkupfern, sondern Geschichte interpretieren", betont John Howe.
Sogar beim Inszenieren überließ Jackson anderen das Feld. Wegen der gewaltigen Dimensionen des Projekts waren bis zu sieben Drehteams im Einsatz, jedes mit einem eigenen Regisseur. Jackson selbst thronte wie eine Mischung aus Buddha und Großer Bruder vor mehreren Monitoren und begutachtete das Material, das per Satellit zugespielt wurde.
Jacksons Arbeitsweise verdeutlicht, dass die Spezies der Regie-Diktatoren im Zeitalter der Effektspektakel zu den aussterbenden Gattungen gehört. Dafür sind zu viele Unter-Häuptlinge im Spiel. Trotzdem ist "Der Herr der Ringe" alles andere als gelebte Demokratie. Richard Taylor, der für seine fantasievolle Trick- und Make-Up-Arbeit an "Die Gefährten" zwei Oscars bekam, sagt klar, wer der Boss war: "Peter hat eine Leistung vollbracht wie Alexander, der Große."
Die einzelnen Regieteams horchten genau auf die Stimme ihres Herrn im Ring. Künstlerische Freiheit hatten sie ohnehin kaum, da die Szenen detailliert in Jacksons Storyboard festgelegt waren. Lieber drehten sie eine Einstellung zu viel als eine zu wenig, damit Jackson genügend Material zur Auswahl hatte. Wichtige Szenen übernahm der Oberregisseur ohnehin selbst. Trotz der Dimensionen des Projekts behielt er über seine Vision die Kontrolle. Deshalb hielt er auch die Darsteller an der kurzen Leine. Er achtete genau auf Bewegungsabläufe, gab ihnen Sprachtempo und Rhythmus vor. Gandalf-Darsteller Ian McKellen etwa zwang er für einen Mini-Dialog zu 24 Takes. Mit diesem Micromanagement brachte er sogar Veteranen wie Ex-"Dracula" Christopher Lee in der Rolle des Saruman an den Rand der Verzweiflung.
Peter Jackson drängte von Anfang an auf Realismus. Deshalb verzichtete er auf Computergrafiken, wo immer es möglich war. Im Zweifelsfall ließ er die fantastischen Szenarien lieber als Modell bauen. Und das in eindrucksvollen Größenordnungen: Die Bergfestung Helms Klamm wurde im Maßstab 1:8 konstruiert. Von der bizarren Waldkeatur Baumbart gab es eine vier Meter hohe Puppe. Das alles sah nicht nur imposant aus, der plastische Eindruck erleichterte den Schauspielern auch den Zugang ins Sagenreich von Mittelerde. "Ich hatte das Gefühl, als würde ich mich in einer anderen Welt bewegen", bestätigte Karl Urban, der in "Die zwei Türme" als Prinz Éomer seinen Einstand gibt.
Mit seinem Hang zum Perfektionismus machte Jackson vor nichts Halt – schon gar nicht vor seinen Geldgebern. Den Erfolg der "Gefährten" im Rücken, rang er New Line noch ein paar Millionen ab, um "Die zwei Türme" dem hohen Erwartungsdruck anzugleichen. Dass die Erzählstruktur noch komplexer wurde als in Teil eins, macht diese Aufgabe nicht unbedingt leichter.Die Story teilt sich in drei Handlungsstränge auf: Sams und Frodos Irrfahrt nach Mordor und die Abenteuer ihrer versprengten Gefährten im Reich von Rohan. Auch der tricktechnische Aufwand steigerte sich erheblich. So gibt es vor dem Hintergrund der Bergfestung Helms Klamm die erste spektakuläre Schlacht der Trilogie zu sehen, und mit dem verstoßenen Hobbit Gollum wird eine voll digitale Figur eingeführt, von deren Glaubwürdigkeit zentrale Handlungszüge abhängen. Jackson dehnte deshalb die Nachdrehs weit über das geplante Maß hinaus. Bis zuletzt werkelte er an den Effektsequenzen, speziell den Auftritten der Ents, die als Baumwesen den Wald von Fangorn bevölkern (siehe Kasten S.44). Die personifizierten Naturgeister besitzen die Fähigkeit zu wandeln, allerdings in sehr gemächlichem Tempo, vermögen mit der gewaltigen Kraft ihrer Wurzeln aber auch mächtiges Mauerwerk zu sprengen.
Zu Jacksons tief gehender Beschäftigung mit den Ents gibt es zwei unterschiedliche Deutungen. Die eine besagt, er sei von der visuellen Umsetzung der gutmütigen Riesen so begeister gewesen, dass er zusätzliche Szenen für sie ersann. Die zweite Annahme geht vom Gegenteil aus: Die ersten Ents-Animationen seien gescheitert. Aus Furcht, die Ents könnten ähnliches Missfallen hervorrufen wie Quassel-Alien Jar Jar Binks aus den "Star Wars"- Prequels, habe Jackson den hölzernen Waldläufern eine Generalüberholung verordnet. Welche der Theorien auch zutreffen mag: Es waren reichlich Überstunden angesagt, und dies, obwohl Jackson sein Trickteam bereits aufegestockt hatte. Die Computertrick-Abteilung sollte anfangs auf 110 Mitarbeiter erweitert werden – angeheuert wurden 350. Die Leistungsfähigkeit der Prozessoren wuchs gegenüber "Die Gefährten" um das Zehnfache.Unscheinbar, ein Attribut, das sich in Verbindung mit "Der Herr der Ringe" eigentlich verbietet – ist und bleibt bei derart aufwendiger Inszenierung nur einer: Peter Jackson selbst. Von der Physis her könnte er Coppolas knubbeliger Cousin sein. Seine Garderobe scheint nur aus Shorts und T-Shirts zu bestehen. Wenn er sich formell kleiden will, was selten genug vorkommt, zieht er Schuhe an.
Der Vergleich mit den barfüßigen Hobbits drängt sich geradezu auf, bleiben doch auch diese am liebsten unerkannt und neigen nicht gerade zu übertriebener Förmlichkeit. Aber die Hobbits sind ein konservatives Völkchen. Jacksons Gemüt hingegen ist prall subversiv. Die Götter seiner Jugend hießen Monty Python.
Seine frühen Filme wie "Braindead" sprengten die Grenzen von Genre und Geschmack. So einer lässt sich selbst von Hollywood nicht vereinnahmen: "Ich mache meine Art von Filmen. Punkt." Deshalb holte er die "Ring"-Produktion in das "lustige kleine" Neuseeland, wo ihm niemand so schnell dreinpfuschen konnte. Dort galten andere Gesetze. Seine Gesetze. Jacksons oberstes Gebot lautet: "Du sollst Spaß haben, selbst bei der härtesten Arbeit." Und den hatte seine Crew.
Nicht nur, dass am Set ständig ein Streichquartett präsent war, das in den Drehpausen aufspielte, auch einige andere obskure "Ring"-Rituale vermochten unvorbereitete Gäste in beträchtliche Verwirrung zu stürzen. So empfing Peter Jackson eines Tages eine Gruppe neuseeländischer Generäle, die ihre Soldaten für Massenszenen bereitstellen sollten. Als sie zur Halle der Kostümdesigner kamen, wartete eine voll aufgedonnerte Drag-Queen auf die Herren Offiziere.
Schlimmer noch: Wohin die Militärs blickten, sahen sie Männer in aufreizendem Damen-Outfit und Frauen in eleganter Herrengarderobe. Erst dann erklärte man den verstörten Generälen, dass die Kostümbildner ihren jährlichen "Frock Day" beginnen, den Tag, an dem Männer Röcke und Frauen Hosen tragen. Und was sonst noch dazugehört. Peter Jackson bekam die Soldaten trotzdem.

 

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