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Fantastisches Reiseland
Davon träumen Tourismusmanager: Dass
Regisseure ihre Region auf der Leinwand inszenieren. In Neuseeland
suchen Fans des Fantasyromans "Herr der Ringe" nach
dem legendären Mittelerde, nach Hobbits und Elben. Denn dort
wurde der Roman verfilmt. Nächste Woche läuft die zweite
Folge der Trilogie im Kino an.
Es gibt ihn bestimmt, den Herrn der Schafe. Irgendwo
in einer Ministerialstube in Neuseeland, zwischen Aktendeckeln
aus den Fünfzigern und einem PC aus den Achtzigern, wird
ein Amtmann sitzen, der genau weiß, wie viel der wolligen
Vierbeiner über die Weiden seines Landes blöken. Würde
ein Neugieriger ihn nach der Kopfzahl von Böcklein, Lämmlein,
Mutterschafen fragen, er bekäme gewiss Auskunft. Allerdings:
Das Interesse an Schafen wäre etwas ganz Neues. Jahrzehntelang
haben die friedlichen Graskauer nämlich nicht eben viel zum
Image des potenziellen Fernreiseziels beigetragen. Neuseeland
galt, trotz seiner imposanten Natur, als eher langweilig –
als riesige Weise eben.Mittlerweile sind Neuseelands Tourismuszahlen
jedoch explosionsartig in die Höhe geschnellt. Reisende aus
aller Welt durchreisen die Nord- und Südinsel auf den Spuren
von Hobbits, Elben und Zwergen, von den Schafweiden bei Matamata
über das Vulkanplateau südlich von Rotorua bis zum Fjordland
jenseits von Queenstown.
Den Reiseboom hat Neuseeland einem Buch und einem Film zu verdanken.
Das Buch ist John Ronald Reuel Tolkiens "Der Herr der Ringe",
ein Fantasyepos, das ab 1953 in drei Bänden erschienen war
und an dem der Oxforder Literaturprofessor Jahrzehnte gebastelt
hatte. Der Roman ist nur Teil einer größeren Vision
von Mittelerde, einem Fantasiereich, in dem die kleinwüchsigen,
pelzfüßigen Hobbits Freundschaft mit weisen alten Zauberern
unterhalten, Zwerge in erddurchmasernden Minen nach Schätzen
scharren, stolze Elben versteckt in den Wäldern über
ihren jahrtausendealten Erinnerungen sinnieren und die Mächte
des Bösen die Zivilisation bedrohen. Schon bevor der Film
kam, hatte sich das Buch 50 Millionen Mal verkauft.
Eine Realfilmvariante hatte Hollywood immer wieder erwogen –
und stets verworfen. Zwei Hauptargumente sprachen gegen den Stoff:
der immense Ausstattungsaufwand und die schiere Unmöglichkeit,
das Geschehen des 1200 Seiten prallen Romans auf zwei stunden
Film einzudampfen. Es brauchte den lebenslangen Tolkien-Fan Peter
Jackson, um Hollywood von einer kühnen Vision zu überzeugen:
drei Mammutfilme von je drei Stunden zu drehen und im Jahresabstand
in die Kinos zu bringen.Jacksons Vorhersage, die Welt sei reif
für einen Fantasyboom ohnegleichen, hat sich bewahrheitet:
vor einem Jahr war "Der Herr der Ringe – Die Gefährten"
einer der größten Kassenschlager der Filmgeschichte
mit 861 Millionen US-Dollar Kinoumsatz. Ab kommendem Mittwoch
wird "Der Herr der Ringe – Die zwei Türme"
versuchen, die Zahlen des Vorgängers noch zu überbieten.Die
Wirkung von Jacksons Film beruht auch darauf, dass der Regisseur
nicht alle Bilder den Augentäuschungscomputern anvertraut,
sondern Tricks in reale Naturaufnahmen einbettet. Tolkiens Reich
rückt so näher an unsere Welt der konkreten Erfahrung
heran – und der Drehort Neuseeland scheint so mehr Mittelerde
zu sein, als sich das die Leser je zu erträumen wagten.Die
Übertragung der Filmfantasien auf einen Winkel der Wirklichkeit.
Oder, prosaisch gesprochen, die Attraktivitätserhöhung
eines möglichen Reiseziels ist nichts neues in der Filmgeschichte.
Eine Vielzahl romantischer Komödien hat uns Paris so lange
als Hauptstadt der Liebe vorgeführt, dass wir nun fürchten,
nie echt geküsst zu haben, wenn nicht der Eiffelturm im Hintergrund
war. Und nichts gegen Bildungsreisen auf den Spuren der alten
Lateiner. Aber wie viel zur Faszination des Urlaubslandes Italien
mag wohl die magische Szene in Federico Fellinis "La Dolce
Vita" von 1954 beigetragen haben, in der Anita Ekberg in
Roms Trevibrunnen ein nächtliches Bad nimmt?
Bürgermeistern und Tourismusdirektoren rund um den Globus
ist die Macht des Kinos und des Fernsehens mittlerweile klar geworden.
Immer mehr Orte und Regionen bestellen eine "Film Comission",
wie der Fachbegriff lautet, eine Kontaktstelle, die Filmteams
locken und ihnen die Arbeit erleichtern soll. Ein wichtiger Arbeitsbereich
ist die Erstellung eines "Location Guides", eines Katalogs
möglicher Drehorte, der im Internet durchblättert werden
kann. Alte Fabriken oder Gaskessel, grüne Wälder, moosige
Burgen, Büroglastürme oder das Schienenwirrwarr alter
Verschiebebahnhöfe – hier wird gezeigt, was hoffentlich
kein anderer hat. Auch eine hässliche Ecke kann Gold wert
sein: ein Filmteam gibt am Ort allemal Geld aus. Und die Langzeitfolgen
einer positiven Darstellung einer Region und ihrer Charakteristika
sind ohnehin nicht abzusehen.Auch in einem kleinen, eigentlich
gut überschaubaren Flecken wie Deutschland hilft erst das
Bild auf Leinwand und Mattscheibe einer Region zum dringend benötigten
Image. Die meisten Deutschen hielten den Hunsrück wohl längst
für eine chinesische Fleischspezialität – hätten
Edgar Reitz‘ Serien "Heimat" und "Die zweite
Heimat" ihnen diese Region nicht als eigene kleine Lebenswelt
mit dem Potenzial zum großen Welttheater vorgeführt.
Frühere Generationen mögen sich ihre Anhänglichkeit
an den Schwarzwald durch Märchen, Sagen und clevere Brauchtumsvermarktung
erworben haben. Für jüngere Generationen ist der Schwarzwald
eine emotional aufgeladene Landschaft durch so unterschiedliche
Fernsehserien wie die "Schwarzwaldklinik" oder den gerade
erst angelaufenen Publikumsrenner "Schwarzwaldhaus 1902".Wenn
heute die Region Stuttgart und andere Ballungsräume oder
Provinzwinkel ihre landschaftlichen oder architektonischen Unikate
preisen, dann sind die "Film Commissions" der USA das
große Vorbild. Filmbilder haben amerikanische Wüsten
zu Sehnsuchtslandschaften der ganzen Welt gemacht, das Monument
Valley etwa, in dem John Ford in den Vierzigern und den Fünfzigern
seine bekannten Western drehte. Irgendwann wollen Kinogeher dann
die Realität des Traums erleben. Der amerikanische Westen
steht auf vielen Reisewunschzetteln.
Dass auch das Bewusstsein der Ortsansässigen von der Suggestionskraft
eines Films nicht unberührt bleibt, beweist Neuseelands Umgang
mit dem neuen Ruhm. Weil Reisende nicht Neuseeland finden wollen,
sondern Tolkiens Mittelerde, gibt es mancherorts radikale Vorschläge.
Die Gemeinde Matamata hat darüber beraten, sich in Hobbiton
umzutaufen, auch in der Hauptstadt Wellington kam der Vorschlag
auf, sich Middle Earth, Mittelerde, zu nennen. Noch bleiben das
extreme Denkanstöße. Doch wer weiß, ob in einem
Jahr, wenn alle Teile der Herr-der-Ringe-Trilogie im Kino waren,
die Debatte nicht ernstlich losgeht: ein ganzes Land in einen
Tolkien-Erlebnispark umzuwandeln.
Thomas Klingenmaier/ Sonntag Aktuell, 15. Dez.
2002
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