Architekt der Fantasy-Welt
Die Welt von Star-Illustrator John Howe

Ein Kanadier in Neuenburg: Illustrator John Howe kreiert die Welt für den Herrn der Ringe. An seinem Zeichenbrett entstehen Fantasiewelten. Früher karikierte Howe Bundesräte, heute gilt er auch in Hollywood als Star seines Fachs.
Hätte John Howe, 44, einen grossen grauen Hut auf dem Kopf und einen knorrigen Zauberstock in der Hand, er würde aussehen wie Gandalf, der weise Magier aus dem Monumentalfilm "Der Herr der Ringe". Denn alles andere ist bei den beiden gleich: John ist wie Gandalf gross und hager, seine Stimme klingt leise, seine Bewegungen sind gemächlich. Und er sagt nie etwas Unüberlegtes.
In John Howes Fantasie sind er und Gandalf sehr wohl ein und dieselbe Person: Denn Howe ist der Zeichner von allen drei "Herr der Ringe"-Filmen: Er machte aus dem Magier aus J.R.R. Tolkiens Original-Buch die Filmfigur. Er entwarf das halbhohe Haus des Ringträgers Frodo. Die Kreaturen Balrog, Uruk-Hai und Gollum: Howes Werk. Die Filmstadt Isengard (Anm. von Flora: Stadt??) und die Ebene von Rohan: Howe hat aus Tolkiens Beschreibungen ein reales Bild gezeichnet. Mehr als eineinhalb Jahre lebte John Howe in Neuseeland, wo die "Herr der Ringe"-Trilogie gedreht wurde, und arbeitete dort mit seinem Berufskollegen Alan Lee als Konzeptkünstler auf dem Set. Sein Zauberstock ist der Pinsel, und statt Hut trägt Howe Brille. Mit Flaschenbodengläsern.
In der realen Welt lebt John Howe mit seiner iranischen Frau Fatanih und Sohn Dana in Neuenburg. Die sechs Zimmer ihres Hauses mit Seeblick wirken wie eine eigene Fantasiewelt: An den Wänden hängen Bilder von Reitern und Fabelwesen, der Parkettboden knirscht und überall stehen und liegen Fantasy-Figuren von Spawn bis Star Wars – zwischen Ritterschwertern und Messinghelmen. In der kleinen Dachkamme wird’s gar dramatisch: Hier stapeln sich ohne Ordnung Alienfiguren, Bücher, Spiele und eine komplette Ritterausrüstung bis unter die Ziegel."Dieser Estrich ist wie mein Hirn", sagt Howe, während er durch die dicken Brillengläser lugt, "so viele Dinge, und ich kann nicht immer alles finden. Ich verbringe viel Zeit damit, in meinem Kopf Dinge zu suchen." Howe ist ein Sammler: "Wenn es möglich wäre, würde ich alles in meiner Erinnerung speichern, was ich sehe." Weil für so viele Eindrücke nicht mal seine Fantasie ausreicht, sammelt er Bilder aus Zeitungen, Büchern und Zeitschriften und legt sie in seinem Büro nach Themen ab. Tausende von Bildern. Mit denen als Vorlage und mit seiner Vorstellungskraft entwirft John Howe seine Bilder. "Ein einziges Bild gibt Arbeit für eine Woche bis zehn Tage." Das ist gar nicht mal so viel für Howes grosse Fotorealistische Bilder.
"Meistens stehe ich früh auf und frühstücke mit Dana bevor er zur Schule geht", erzählt John Howe. "Danach erledige ich meine E-Mails und den Bürokram." Vor allem seit letztem Mittwoch häuft sich seine elektronische Post: An diesem Tag wurde seine Website www.john-howe.com aufgeschaltet. Für Tolkien-Fans ein Muss.
Ans Zeichnen macht sich Howe am Nachmittag. "Am liebsten male ich am Abend. Dann ist es so schön ruhig im Haus." Gezeichnet wird im Atelier-Zimmer im ersten Stock, das John mit seiner Frau und seinem Sohn teilt. Fatanih ist neben ihrem Teilzeitjob als Opernsängerin ebenfalls Zeichnerin, und Dana sammelt und bemalt die Figuren des Strategiespiels "Warhammer". Der Raum ist voll gestopft mit Pinseln, Farben, Bildern, Blättern und Figuren. In einer Ecke flosselt ein einsamer Goldfisch im Aquarium.
Seit zehn Jahren zeichnet Howe nur noch Fantasy-Bilder. Und immer sind es Auftragsarbeiten: Von irgendwoher auf der Welt ruft jemand an und bestellt eine Zeichnung für eine Filmfigur, einen Buchumschlag oder ein Spiel, viermal zeichnete er schon den kompletten und begehrten Tolkien-Kalender. "Deshalb habe ich nie mehr die Musse, ein Bild quasi nach meiner freien Fantasie für mich allein zu malen" Macht nichts. Ihm gefällt es, so zu arbeiten. Und vor allem in Neuenburg zu leben. "Das Schöne an meinem Beruf ist, dass er nicht von einem Wohnort abhängig ist.", sagt John Howe.
Als 19-Jähriger zog der gebürtige Kanadier Howe nach Paris, um dort die Kunstschule zu besuchen. Er lernte Fatanih kennen und zügelte mit ihr 1982 nach Lausanne, wo er an einem Trickfilm mitarbeitete. John: "Aus dem Film wurde nichts, aber Neuenburg ist zu unserer neuen Heimat geworden." Erst schlug er sich als Illustrator für Zeitschriften durch. "Ich zeichnete Karikaturen der Bundesräte", sagt Howe. Später zeichnete er Trickfilme und Comics. Als Illustrator für Kinderbücher errang Howe ein internationales Renommee. Sein Ruf als Tolkien-Illustrator kam auch Peter Jackson, dem Regisseur von "Der Herr der Ringe", zu Ohren. "Peter rief mich eines Tages einfach an und fragte mich, ob ich an seinem Film mitarbeiten wolle." Er wollte.
Zurück nach Kanada möchte Howe nicht: "Fatanih ist Iranerin, ich bin Kanadier. Deshalb finde ich es fair, wenn beide in einem Drittland wohnen, wo sie nicht verwurzelt sind." Entsprechend besitzen weder er noch sie den Schweizer Pass. Die Fantasie-Welt ist ihnen gemeinsame Heimat genug. Beide sind engagierte Mitglieder der St.-Georg-Kompanie.
Diese internationale Gruppe inszeniert Ritterspiele und Mittelalter-Treffen in detailgetreuen, handgemachten Rüstungen und Kleidern aus dem 15. Jahrhundert. "Aus dieser Passion hole ich viele Ideen für meine Bilder", sagt Howe.
Es kann sehr gut sein, dass er schon bald keine Zeit mehr hat für seine Ritterwelt: Er steht bereits wieder in Verhandlungen für einen Job als Konzeptkünstler für einen Film. "Ich darf noch nicht sagen, mit wem und für welchen Film", sagt er. Aber nach "Der Herr der Ringe" wird es wohl kaum für einen Drei-Minuten-Kurzfilm sein… 

(Schweizer Illustrierte, Nr. 52, 21. Dezember 2002, unter Fingerkrämpfen in den Computer gehackt von Flora)

zurück

 
     

 

About. Art. Interaktiv. Argolas.