Neu im Kino: "Der Herr der Ringe 3: Die Rückkehr
des Königs"
Ein Abgrund tut sich auf, ein Heer wird
von der Erde selbst verschlungen. Des Feindes Türme
stürzen ein, sein Reich zerfällt zu Staub. Nur
noch schaurige Erinnerung ist sein Symbol der Macht, das
allsehende Auge, das einst den Anspruch auf Herrschaft
bis in den letzten Gedankenwinkel signalisierte. Der Tyrann
ist tot, die Allianz der Freiheit hat am Ende gesiegt.
Wir verraten an dieser Stelle nicht zu viel über
den Abschluss von Peter Jacksons monumentaler Tolkien-Verfilmung
"Der Herr der Ringe", schließlich ist
die Geschichte längst bekannt.
Ein Sieg des Bösen ist auch gar nicht vorstellbar.
Weil Tolkien vom absolut Bösen erzählt. Wäre
Saurons Eroberungszug durch Mittelerde erfolgreich, dann
würden nicht nur Völker und Kulturen ausgelöscht.
Dann käme zur ethnischen Säuberung die genetische,
dann würde nur noch ein Gezücht von Arbeitssklaven
und Mordmaschinen existieren, die Fantasyvariante einer
Gesellschaft, deren Bürger bedarfsoptimiert aus Genlaboren
hervorgehen. Würde Sauron den Krieg gewinnen, käme
die Geschichte selbst zum Stillstand, wäre jede Veränderung,
die nicht von ihm ausgeht, undenkbar. Dann wäre niemand
mehr da, der erzählen könnte. Tolkiens Buch
und Jacksons Verfilmung sind also von Anfang an Akte des
Triumphs.
Die alte Welt ist nicht zu retten
Doch diesem Triumph wohnt auch eine Niederlage inne.
Die Welt, die Sauron bedroht, wird nicht bewahrt. Die
Mächte des Guten, Zwerge, Elben, Menschen und Hobbits,
erleben das Zerbrechen einer Illusion. Saurons Aufmarsch
scheint die Attacke auf einen seligen Ist-Zustand. Aber
Stillstand ist das Reich Saurons, und so merken die Gefährten,
dass sie für das gekämpft haben, was sie für
Saurons Drohung hielten: für den Umbruch der Zeiten,
den Wechsel der Kulturen, das Recht auf Veränderung.
Als das Böse in der "Rückkehr des Königs"
endlich in seinem Herzen getroffen wird, da verharrt Jackson
keineswegs beim Jubel der Sieger. Er folgt Tolkien in
Trauer, Melancholie und Abschiedsschmerz. Der Bund der
Gefährten zerbricht, die durch extreme Erlebnisse
Verbundenen gehen auseinander. Das Reich der stolzen Elben,
Mittelerdes Leitkultur, erlischt. Die letzten Vertreter
dieses Volkes reisen ohne Hoffnung auf Wiederkehr zu fernen,
mythischen Gestaden. Ein neues Zeitalter der Menschen
dämmert heran - eine nüchterne Epoche, eine
homogenere, also ärmere.
Das Auenland der Hobbits wirkt am Ende der Trilogie bei
weitem nicht so fröhlich wie an ihrem Anfang. Ist
das Erschöpfung des Erzählers und Bilderfinders
Jackson, Ermüdung des Zuschauers oder eben doch Absicht?
Der Film endet, als ein Hobbit die Tür zu seinem
Höhlenhaus vor unserer Nase schließt. Die Kamera
starrt auf das gelbe Holz. Wird hier die Versiegelung
des Idylls gegen das Böse beschworen? Oder hat sich
die Macht der Historie vor unseren Wunsch gestellt, in
diesem Idyll zu verweilen? Es gibt nichts Nettes mehr
zu erzählen, auch die Hobbitkultur wird keinen Bestand
haben.
Die Masse und der Einzelne
Steckt in dem melancholischen Ende auch ein wenig Selbsterkenntnis
Jacksons? Ist die "Herr der Ringe"-Adaption
einerseits ein Triumph, andererseits aber gescheitert?
Ist hier etwas unter den Händen zerronnen, was man
unbedingt bewahren wollte? Die wichtigste Tugend von Jacksons
Mittelerde-Vision findet sich auf im dritten Teil. Dieser
Film nimmt seine Fantasywelt ernst. Er flüchtet sich
nicht ins Niedliche, um das Läppische notfalls als
kritische Distanz ausgeben zu können. Jackson bekennt
sich zu seiner Sehnsucht nach einer Welt, in der große
Konflikte und Umbrüche nicht irgendwo im Untergrund
des Alltags rumoren, sondern offen sichtbar werden, und
in der Widerstand nicht sporadisch und in ratloser Vereinzelung
erfolgt, sondern als ein Akt inniger Vernetzung, als Aufgehen
in der Gemeinschaft Gleichgesinnter.
Ein immenser Kinoapparat dient dem "Herrn der Ringe"
der Glaubhaftmachung dieser Welt, und man kann wieder
vieles loben an der "Rückkehr des Königs":
die furiosen Computerbilder, die suggestiven Landschaften,
die enge Verknüpfung von Bild und Musik. Auch Jacksons
Bemühen, die Massen- und Schlachtszenen auszubalancieren
durch Momente individuellen Ringens, durch Bilder der
Selbstüberwindung, durch Studien jener Stunden, in
denen wir selbst unser ärgster Feind sind. Nirgends
wird das deutlicher als im schizophrenen Smeagol, den
die Macht des Rings zum amphibischen Scheusal verändert
hat, das nun auseinander gerissen wird von der Pflicht,
bei der Vernichtung des Ringes zu assistieren, und der
Lust, dessen Macht wieder zu spüren.
Aber "Die Rückkehr des Königs" ist
auch ein problematischer Fim. Schon im Vorgänger
"Die zwei Türme" war eine Eigendynamik
der Schlachten und des bilderzeugungsapparates zu bemerken.
Nun aber werden Ross und Reiter noch zahlreicher in den
Untergang gehetzt, ohne dass sich Schrecken einstellt.
Die Schaulust überwiegt, oder jedenfalls die fatalistische
Einschätzung, dass Momente der Geschichte eben so
aussehen müssten und der Tod keine Katastrophe sei,
sondern die Erfüllung eines Schicksals.
Diese Haltung wird besonders unangenehm, wenn der Zauberer
Gandalf durch die Straßen des belagerten Minas Tirith
reitet und die einfachen Soldaten zum Kampf treibt. Immer
wieder muss ein Vorwerk gehalten, ein Tor verteidigt,
eine Bresche gefüllt werden. Und doch wissen alle,
die fiktiven Figuren wie wir Zuschauer, dass dies Himmelfahrtskommandos
sind, dass es um nichts als Zeitgewinn geht, bis die nächste
Heldenstunde schlägt. Es gibt ein Ungleichgewicht
in diesem Film zwischen dem angelegentlichen Studium der
Recken und dem beiläufigen Verheizen des Fußvolks.
Zu Unrecht glaubt Jackson sich gefeit gegen eine kalte
Feldherrnperspektive, weil Tolkien von den Untersten erzählt,
von einfachen Kriegern, die nicht einmal das sind, von
Hobbits, habituellen Zivilisten, die nun ungeschickt,
aber mutig ihren Mann zu stehen suchen.
Doch so funktioniert Kino eben nicht. Die Kamera, die
dreieinhalb Stunden lang anteilnehmend die Qualen, Bewährungen
und Gesichter der Hobbits (Elijah Wood, Sean Astin, Billy
Boyd) studiert und die Masse der Soldaten als bloße
Partikelchen einer Willensbekundung der Heerführer
über die Leinwand reißt, macht aus den einen
Helden und aus den anderen Material. "Der Herr der
Ringe" erliegt gegen Ende der Verführung, das
System von skrupellosem Befehl und bedingungslosem Gehorsam
als Kern der Zivilisation zu zeigen.
Vielleicht kann das gar nicht anders sein, wenn ein Regisseur
eine solche enorme Kinomaschine bändigen muss. Er
ist ja selbst auf Unterordnung der Statisten und Helfer
angewiesen, auf die Verwandlung der anderen in kleine
Eisenpfeilspähne, die sich nach der Kraft seines
inneren Magneten ausrichten.
Es geht gut und böse aus in Peter Jacksons "Der
Herr der Ringe". Ein Krieg wird gewonnen, das Bittere
des Sieges ist offenbar. Aber den größsten
Verlust nach langen Schlachten kann dieser Film nicht
kritisch registrieren: dass ihm ein Sinn für den
Wert des Lebens abhanden gekommen ist, dass er die Regeln
des Krieges verinnerlicht, dass sich sein Horizont verengt
hat. Er trauert um das, was die Lebenden nicht mehr haben.
Aber nicht um all das, was den Gefallenen an Leben verwehrt
bleibt. Der Bildapparat, der opulente Schlachtengemälde
erzeugen kann, hält es für Glück, wenn
einer der Schlacht dienen kann. Große Macht, so
sehen wir es jedes Mal, wenn jemand hier den Zauberring
an seinen Finger steckt, verändert den Blick auf
die Welt.
Stuttgarter Zeitung Nr.290/ 16. Dezember
2003
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