Lizenz zum Kapern

Gute Manieren und das Herz eines Draufgängers. Von Piraten wie ORLANDO BLOOM lassen wir uns gerne erobern

Es riecht betörend im Garten des Bungalows vom Chateau Marmont (Hotel in Hollywood). Vielleicht hat jemand Duftkerzen zum Andenken an John Belushi angezündet, der sich hier vor Jahren den goldenen Schuss setzte. Dann öffnet sich das Gatter und ein reich geschmückter Jüngling reicht die Hand zum Gruß. Hallo, sagt er, ich bin Orlando Bloom, und schwebt voran zur Korbsesselgruppe, eine Duftwolke hinter sich herziehend. Ach ja, Obsession von Calvin Klein. Oder so was ähnliches.
Orlando Bloom riecht, wie er heißt, und er sieht auch so aus. Orlando, von den kultivierten Eltern nach einer Romanfigur von Virginia Woolf benannt, ist eine androgyne Schönheit in voller Blüte. Ein Gesicht wie geschnitzt, mit absurden Wangenknochen und seelenvollen Augen, ein paar Fransen am Kinn, wohl der missglückte Versuch, die Perfektion zu vermenschlichen. Es ist vollkommen offensichtlich, was Peter Jackson 1999 dazu bewog, den unbekannten Briten frisch von der Londoner „Guildhall School of Music and Drama“ weg als überirdischen Elben Legolas für die „Herr der Ringe“- Trilogie zu engagieren. Und irgendwie kann es kein Zufall sein, dass der Beau immer wieder mit den schönsten Kollegen seiner Zunft gepaart wird. Orlando verblich nicht neben „Ring“- Star Viggo Mortentsen, und in „Fluch der Karibik“ kann ihn sogar ein hinreißender Depp mit Dreadlocks nicht überstrahlen. Sind es die Wangenknochen oder ist es das Nicht- von- dieser- Welt- Flair, weshalb die amerikanische Presse bereits von einem würdigen Nachfolger des rebellischen Familienvaters spricht? „Ich wollte den Film zuerst gar nicht machen“, gesteht Orlando, umrahmt von beeindruckendem Haar. Dabei hatte Megaproduzent Jerry Bruckheimer seinem Zögling aus „Black Hawk Down“ das Drehbuch als Erstem geschickt. „Ich hab’s nicht gelesen, weil ich dachte, was soll ich mit einem amerikanischem Blockbuster? Außerdem drehte ich gerade eine Independent- Komödie und hatte keine Zeit.“ Aber dann ließ Bruckheimer ausrichten, dass Johnny Depp auch schon an Bord der Black Pearl sei. „Da wußte ich, dass das etwas besonderes werden würde. Johnny war schon immer eine Art Leitfigur für mich. Jemand, der durch sein Aussehen zum Leading Man verurteilt scheint und es trotzdem geschafft hat, sich selbst treu zu bleiben.“
Doch ja, irgendwann will der 26-jährige auch in „David- Lynch- artigen“ Projekten mitwirken. Aber bis die Welt von seiner Hülle absieht, betrachtet er die schmeichelhaften Rollen als rites de passage zum Charakterdarsteller.
Natürlich erregt ein modisch sicherer Brite in Hollywood die üblichen Verdächtigungen. Aber anstatt seine Paparazzi- dokumentierte Liaison mit Surfergirl Kate Bosworth zu bestätigen, setzte er noch einen drauf und erzählt, wie seine zwei Jahre ältere Schwester Samantha seinen erlesenen Style prägte. „Sie hat mich als kleinen Jungen als Anziehpuppe missbraucht und spielte immer Verkleiden mit mir.“ Die Alarmstufe steht auf Rosa, wenn man noch dazu noch bedenkt, dass Orlando durch den frühen Tod des Vaters allein der musischen Erziehung der Mutter anheim fiel. Man könnte also ergötzliche Konversationen über klassische Musik oder Poesie mit ihm betreiben. Aber es gibt noch eine andere Seele in der Brust dieses Mann gewordenen Gedichts, sonst würde er nicht unablässig „fuck“ sagen. „Fuck“, war das schlimm, als er vor fünf Jahren aus dem dritten Stock vom Balkon fiel und sich das Rückgrat brach. „Fuck“, zwei Wochen lang wußten die Ärzte nicht, ob er je wieder laufen würde, aber „fuck“, Adrenalin ist nun einmal seine Droge. Seit er sich als Säugling eine Narbe an der Oberlippe zuzog, hat er sich mehr Knochen gebrochen als die Klitschko- Brüder zusammen. Beine, Handgelenk, Rippen, Nase, „fuck“. „Ich bin schon etwas vernünftiger geworden“, behauptet er, „erst gestern hätte ich mir beinahe ein Motorrad gekauft, aber ich hab’s gelassen, weil ich weiß, dass ich mir zu gefährlich werde damit.“
Mir? Frauen wissen: Die Biografie eines Dichters und das Herz eines Draufgängers. Das ist die gefährlichste Kombination überhaupt.

Text: Brigitte Steinmetz

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