Des Widerspenstigen Krönung

Einzelgänger, Sturkopf, Punkrocker im Geiste: Wie ausgerechnet Viggo Mortensen als Aragorn zum Volkshelden und Sexsymbol wurde
Er ist der widerspenstigste Star, der jemals vom US-Glamour-Magazin People auf die Liste der 50 Schönsten diesen Planeten gesetzt wurde. Er meidet Spiegel und hasst Partys. Mit Guns-N’-Roses Gitarrist Buckethead hat er drei Alben zwischen Lyrik und Lärm aufgenommen. Er war mit Punkrockerin Exene Cervenka verheiratet. Für sein Buch "Hole in the Sun" hat er nichts als Swimmingpools fotografiert. Und dieser Mann befindet sich jetzt auf Augenhöhe mit Britney Spears und Hayden Christensen. "Nun ist es wohl endgültig zu spät mich noch in Vic Morton umzubenennen", knurrt Viggo Mortensen. Den Agenten, der ihm einst dazu riet, seinen dänischen Namen in ein gefälliges Pseudonym einzutauschen, hat er gefeuert. Bis zu jenem gedenkwürdigen Tag, an dem er zum Waldläufer auserkoren wurde, hatte Mister M. 32 Kinofilme abgedreht- vom ersten Auftritt als Amish-Farmer in "Der einzige Zeuge" bis "28 Tage" mit Sandra Bullock. Dazwischen: ein ständiger Wechsel von ambitionierten Projekten, die kein Publikum fanden, und schlichten Rollen, die seine Miete sicherten ("Daylight", "Psycho"). Von einem hypnotischen Gastspiel als Luzifer in "God’s Army" abgesehen, kommt sein Raue -Schale -weicher -Kern -Habitus in Ridley Scott Militär-Flop "Die Akte Jane" am intensivsten zur Geltung. Als Demi Moores Schinder im Navy-Trainingscamp zitierte er D.H. Lawrence: "Ich habe nie ein wildes Tier gesehen, das Selbstmitleid empfand." Viggo Mortensen ist der Typ Mann, der eine Flamme mit den fingern ausdrückt. Die Rolle, die den Eigenbrödler zum Sexsymbol gemacht hat, verdankt Viggo einem Betriebsunfall: die Dreharbeiten zu "Die Gefährten" waren sei Wochen im Gange, als Regisseur Peter Jackson sich von Aragorn Darsteller Stuart Townsend trennte- zu jung. Viggo war alt genug. Der heute 44-jährige erinnerte sich kopfschüttelnd: "Da kam dieser Anruf 'Hey, Viggo! Willst du morgen für anderthalb Jahre nach Neuseeland fliegen?’" Er sagte nein. Bis Henry Mortensen, damals elf, seinen Vater aufklärte, der Tolkien nie gelesen hatte: "Aragorn ist der coolste Typ in dem Buch!" Schon Viggos Rückruf lies erahnen, dass der ultimative Aragorn gefunden war: "Okay, wie alt war ich als ich zu den Elben kam?" Viggo fühlt sich eben schnell ein. Der Sohn eines Dänen und einer Amerikanerin wuchs in New York, Buenos Aires und in Venezuela auf. Nach der Schule zog der Nomade als Tischler durch Dänemark. Und jetzt Neuseeland! Abenteuer! Im Flieger studierte er Tolkiens Werk und entdeckte darin Motive aus den Sagen, die er als Junge verschlungen hatte: "In der nordischen Mythologie gibt es kein Versprechen auf ein Paradies. Die Gewissheit, das richtige getan zu haben, ist der einzige Lohn, den man zu erwarten hat." Der Mann, der aus dem Flugzeug stieg, war Aragorn. Veni, Viggo vici: Die Filmcrew begrüßte den neuen Gefährten wie einen Helden. Seine vollkommene Verschmelzung mit der Rolle ist berüchtigt- wie eine Legende, die an Lagerfeuern erzählt wird: Als Peter Jackson ihn einmal stundenlang mit Aragorn anspricht, korrigierte ihn keiner- es fällt niemandem auf. Als Viggo im Kampfgetümmel ein Zahn ausgeschlagen wird, fragt er nach Sekundenkleber und macht weiter. Viggo schläft in seinen Stiefeln. Viggo hat sich tagelang allein in den Wald zurückgezogen. Der Method- Actor- Mortensen wiegelt ab: "Ich war ein paarmal Fischen, aber ich habe nicht im Wald gelebt! Wie hätte ich wohl jeden morgen ohne Weckruf pünktlich am Set erscheinen sollen? Handys lehnt Viggo ab. Seine mitunter gesundheitsgefährdende Hingabe kann er jedoch nicht leugnen: "Manchmal war ich so erschöpft, dass ich halluzinierte. Irgendwann hielt ich Liv Tyler wirklich für eine Elbenprinzessin! Zum Glück war immer jemand da, der auf mich aufpasste. Wir waren eine echte Gemeinschaft- wie eine große Zirkusfamilie." Elijah Wood preist Viggos mitreißende Energie: "Ich verneige mich vor Viggo. Er hat uns gerettet." Das Aufhebens um seine Person ist Viggo peinlich: "In 'Der Herr der Ringe’ gibt es keinen Star. Die Gefährten sind eine Einheit." Weiche, böser Zauber Eitelkeit! Fleckige T-Shirts dreht Viggo einfach nach links, als Schmuck kommt nur der eine Ring in Frage: Als Zeichen der Verbundenheit mit den Gefährten hat Viggo den Ring, den er als Aragorn trägt, behalten. Es sind seine Hände, die ihn verraten: Niemals sind das die kräftigen, schwieligen Hände eines Kämpfers. Diese schönen Finger gehören einem Künstler. In dem Hitchcock- Remake "Ein perfekter Mord" mit Michael Douglas und Gwyneth Paltrow gab Viggo 1998 einen betrügerischen Maler. Ein mäßiger Film, der ihm trotzdem viel bedeutet: "Es war schön Gwyneth zu küssen." Und alle Bilder, die in Viggos Film- Atelier hängen, sind sein Werk. Dass Douglas seine Kunst in der Szene als "trashig, aber potent" bezeichnet- darauf feiert Viggo noch heute ab. Der Künstler Viggo Mortensen hat in Athen, New York und L.A. ausgestellt und vier Bildbände veröffentlicht. Seine Spoken- Words- CDs sind leider vergriffen. Viggos Fotos outen ihn als Hüter der kleinen dinge, der den Moment bewahrt, Vergängliches festhält. In seinem Pickup liegen immer Trockenblumen. Seine Gemälde dagegen sind work in progress, dem er jederzeit ein Element, eine Schicht hinzufügen könnte: Collagen, übermalte Fotos, Gedichtfetzen- Symbol einer Welt im Fluss. Marktwert: bis zu 5000 Dollar. Zur Eröffnung seiner Ausstellung "SignLanguage" in New York erschienen im Juli 1500 Fans. "Ich weiß natürlich, dass die nicht wegen meiner Bilder gekommen sind." Viggo gestatte sich ein schiefes Lächeln. "Aber wo sie schon mal da waren, hoffe ich, dass es ihnen gefallen hat. Wenn nicht, dann nicht." So lässig sieht er das nicht immer. "Manchmal stehe ich vor meinen Bildern und denke: Gott!! Was soll das?! Und dann stelle ich alles in Frage: Bin ich ein guter Schauspieler? Ein guter Vater? Ich sollte aufhören, die Leute mit meinem Scheiß zu belästigen! Ich kann verstehen, warum Leute aus dem Fenster springen." Wenn sie Zweifel ihn zu verschlingen drohen, ruft er bei seinen dänischen Verwandten in (kann es wahr sein?) Ringstedt an, verlässt fluchtartig L.A. und entspannt sich in seiner Berghütte in Idaho: "Man muss sich seinen Dämonen stellen. Ich muss sich meine Fehler tolerieren." Sein kreativer drang lässt sich nicht auf eine Form begrenzen. Vor der Kamera treibt den Scheunen "die Neugier". An die Kunst fesselt ihn das Verlangen nach Unabhängigkeit: "Der Arbeitsprozess und das Ergebnis gehören allen mir." Deshalb vertreibt er seine Bücher auch selbst: Perceval Press heißt sein Verlag- nach Parcival, jenem Ritter aus der Artus- Sage, der den Heiligen Gral sucht. Viggo sucht weiter. "Ob ich ein Ziel habe? Ich möchte glücklich sein- auch wenn ich einen gequälten Menschen spiele."

 

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