Interview Viggo Mortensen

In „Die Rückkehr des Königs“ muß Aragorn seine eigenen Ängste überwinden, um Sauron besiegen zu können. Viggo Mortensen spricht hier über seine eigenen Ängste und über Gemeinsamkeiten, die er zwischen sich und der Rolle entdeckt hat, die er in „Der Herr der Ringe“ spielt.


Was zeichnet Aragorn deiner Meinung nach als großen Krieger aus?

Die Tatsache, daß er nicht kämpfen mag. Er ist kein Krieger in der Art von Boromir und Éomer. Er wurde von den Elben bei seiner Geburt entführt (wußte das einer von euch? Wahrscheinlich ein Übersetzungsfehler der Zeitung! Anm. der Abschreiberin) und sein Elbenname bedeutet „Hoffnung“. Aragorn ist ein zutiefst friedfertiger Mensch, aber er ist viel gereist und mußte dabei feststellen, daß die Welt ungerecht und grausam ist. Aus purer Notwendigkeit ist er zu einem geschickten Krieger geworden. Um sich zu verteidigen, hat er sich verschiedene Kampfstile angeeignet, die er auf seinen vielen Reisen gesehen hat.


Worin besteht die Modernität der Tolkien- Saga?

Sein Werk handelt von Vorurteilen und Angst, die wir Nationen und Kulturen gegenüber empfinden können, die wir nicht verstehen, ein immer noch aktuelles Thema. Die Moral von „Der Herr der Ringe“ besteht darin, daß wir geduldig sein müssen und versuchen sollten, uns gegenseitig besser zu akzeptieren. Isolation ist auf keinen Fall die richtige Lösung. Nichts ist bei Tolkien entweder nur weiß oder schwarz und das gefällt mir an ihm. Böses kann in jedem von uns stecken. Es befindet sich nicht nur an einem Ort oder in einer Person. Jedes Mitglied der Gemeinschaft hat Momente, in denen es zweifelt oder in Versuchung gerät, die falsche Entscheidung zu treffen.


Hat die Rolle von Aragorn, in die du dich stark investiert hast, einen anhaltenden Einfluß auf dein Verhalten?

Darauf kann ich noch nicht antworten. Ich werde es wahrscheinlich erst in einigen Jahren wissen. Die Trilogie ist ein wichtiges Kapitel in meinem Leben und das in beruflicher wie in privater Hinsicht, aber heute kann ich noch nicht ermessen, wie groß die Auswirkungen sind. Allerdings sind sie da und das vielleicht mein Leben lang.


Wie hast du dich abgesehen von der physischen Vorbereitung mental auf die sehr langen Kampfszenen vorbereitet?

Auch wenn die Dreharbeiten anstrengend und schwierig für alle waren, haben wir uns königlich amüsiert. Das bedeutet aber noch lange nicht, daß wir uns nicht konzentriert haben. Die Szenen waren so realistisch, daß wir sofort den Eindruck hatten, in der Haut der Protagonisten zu stecken. Ich habe die Kämpfe wirklich so erlebt und hatte den Eindruck, daß Monster brüllend auf mich zuliefen. Ich war schmutzig, müde und verschwitzt und hunderte Typen rannten auf mich zu! Ich mußte an meine Verteidigung denken, sonst wäre ich auf der Strecke geblieben... Auch an die Kampfstellung mußte ich denken, denn das war eine Figur auf Leben und tot! (Lachen)


Welche ist deine Lieblingsszene in „Die Rückkehr des Königs“?

Die, in der Aragorn beschließt, den Pfad des Todes zu nehmen, um die Männer zu unterwerfen, die König Isildur verraten haben. Nach der letzten Schlacht gegen Sauron waren sie zu Phantomen geworden, da sie sich von Sauron haben verführen lassen. Nur Gondors Thronfolger, nämlich Aragorn, ist in der Lage, sie zu befreien und ihre Ehre wieder her zu stellen, indem sie in Minas Tirith an seiner Seite kämpfen. Aber bevor er sein eigenes Königreich betritt, muß Aragorn seine Zweifel bekämpfen. Außerdem wird seine Entscheidung nicht von allen geteilt. Die Schlacht erreicht ihren Höhepunkt, als er sich entscheidet, seine Freunde hinter sich zu lassen und sich in die Berge zu begeben, aus denen bisher noch niemals jemand zurück gekehrt ist. Einige fühlen sich von ihm hintergangen, denn sie befürchten, nicht auf einen Krieger wie Aragorn verzichten zu können. Aber er tut, was er für richtig hält.


Was ist deiner Meinung nach das Zentralthema von „Die Rückkehr des Königs“?

Die Konfrontation mit dem Tod und dessen Konsequenzen für sich selbst und die Umwelt. Am Ende des Films gibt es große Siege und schwere Niederlagen. Alle haben gelitten, einige sind dabei auf der Strecke geblieben. Die Beteiligten müssen für ihre Entscheidung bezahlen...


Wie hast du es geschafft, dich mit einer derartig mythischen Person wie Aragorn zu identifizieren?

Trotz all seiner Qualitäten ist Aragorn alles andere als vollkommen und versucht, vieles zu vergeben. Als Schauspieler sind das Dinge, mit denen man sich identifizieren kann. Auch wenn er tapfer ist und einen starken Ehrenkodex hat, so hadert er mit sich selbst und befürchtet, den Erwartungen der anderen nicht gerecht zu werden. Mir geht das oft genauso.


Unter welchen Umständen?

Ich male und manchmal schaue ich meine Bilder an und sage mir: „Mein Gott! Wozu das alles?“ Ich fange an, mit meinem Schicksal zu hadern: „Bin ich ein guter Schauspieler? Oder ein guter Vater? Sollte ich nicht lieber aufhören, alle mit diesem idiotischen Kram zu langweilen?“ Ich kann wirklich gut verstehen, warum einige Künstler an einem Punkt in ihrem Leben gelangen, wo für sie der Selbstmord die einzige Lösung ist. Aber wenn meine Zweifel zu belastend werden, dann setze ich mich mit meinen Ängsten auseinander. Ich besuche meine Familie, reise... Ich weiß, daß ich lernen muß, mit meinen Schwächen zu leben. Schließlich besteht mein einziges Ziel darin, glücklich zu sein, selbst wenn ich eine sehr gespaltene Rolle spiele.

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