Jenseits von Mittelerde
Zwanzig Jahre arbeitete
Viggo Mortensen (45), Sohn eines Dänen
und einer New Yorkerin, als respektierter
Nebendarsteller in Hollywood. Ein Freigeist,
dem Ruhm nichts, seine Unabhängigkeit
alles war – sah er die Schauspielerei
doch vor allem als Ertragsquelle, um seinen
Hang zur Kunst zu finanzieren: Er malt
Aquarelle, veröffentlicht Foto- und
Gedichtbände und obskure Jazzplatten.
Eine Filmrolle später ist der Mann
eine Kino- Ikone: Als Aragorn in „Der
Herr der Ringe“- Trilogie eroberte
Viggo Mortensen die Herzen von Millionen.
Nun kommt er mit der Pferde- Oper „Hidalgo“
ins Kino. Doch kann er Mittelerde je entkommen?
Christian Seidl traf Viggo Mortensen in
München. Zum Interview erschien er
in italienischem Tuch – und barfuß.
Herr Mortensen, der Rummel um „Die Rückkehr
des Königs“ ist gerade vorbei, da
reisen Sie schon wieder für einen anderen
Film um die Welt.
Die Tour für „Hidalgo“
ist sogar noch größer, was ich ja
an sich nicht für möglich hielt. Aber
es ist schön, mal wieder ein bisschen was
von der Welt zu sehen, nachdem ich fast zwei
Jahre in Neuseeland verbracht habe.
Es scheint, als sei Ihnen „Hidalgo“
ein ganz spezielles Anliegen.
Es ist immerhin der erste Film
meiner nun auch schon zwanzigjährigen Karriere,
bei dem mein Name noch vor dem Titel steht.
Was reizte sie an der Rolle des Cowboys, den
es in die Wüste zieht?
Frank Hopkins und sein Mustang
Hidalgo sind ja ein amerikanischer Mythos, vor
allem unter den Ureinwohnern. Und egal, was
davon wahr ist: Es ist eine Geschichte zum Identitätsverlust
und Selbstfindung, ein Charakter mit Brüchen
und von daher der Figur des Aragorn nicht unähnlich.
Ich mag so was.
Die Geschichte hat große Ähnlichkeit
mit „Last Samurai“.
Ich glaube, „Hidalgo“
behandelt das Thema etwas subtiler. Aber offensichtlich
liegt da gerade was in der Luft: ein Hinterfragen
der eigenen Geschichte, die Sehnsucht mach einer
Unschuld, die Amerika selbst verloren und anderen
Völkern womöglich geraubt hat.
Der Film wurde am Vorabend des Irak- Kriegs
in Marokko gedreht. Hat sich die politische
Situation irgendwie ausgewirkt?
Ich will mal so sagen, zu anderen
Zeiten wäre der Film wohl ein anderer geworden:
Der Cowboy zeigt den Wüstensöhnen,
wo’s langgeht. Aber so ist die Geschichte
ja nicht. Der Film läßt keinen Zweifel
an der moralischen Integrität der Araber
– ebensowenig wie daran, daß aus
der zivilisierten Welt vor allem Zwietracht
und Verrat importiert werden.
Wie begegneten Ihnen die arabischen Kollegen?
Mit Respekt und Interesse.
Oft hörte ich sie über uns sagen:
Interessante Kultur, interessante Leute, aber
warum können sie ihre Regierung nicht kontrollieren?
Mal eine Runde Bridge gespielt mit Omar Sharif?
(ehemaliger Bridgeweltmeister Anm. der Abschreiberin)
Keine Chance! Dafür nehme
ich’s im Reiten mit ihm auf.
Sie haben nach Drehschluß sogar das Filmpferd
gekauft.
Ein wunderbares Pferd. Es heißt
in Wirklichkeit T.J. Sie müssen wissen,
daß ich einen Teil meiner Jugend in Argentinien
verbracht habe. Ich bin zwar New Yorker aber
ein Gaucho honoris causa.
Stören Sie die Vorwürfe, die Geschichten
um Frank Hopkins seien frei erfunden?
Wissen Sie, ich war in den
Indianer- Reservaten und habe den Leuten zugehört.
Es gibt keinen Grund für diese Leute aus
verschiedenen Stämmen, aus verschiedenen
Sprachgruppen, solche Geschichten erfinden:
über einen Weißen, einen Cowboy,
einen jener Leute also, an die Indianer sonst
nicht die besten Erinnerungen haben. Sie haben
keine Verbindung untereinander. Ich habe keinen
Grund, ihnen nicht zu glauben.
Die Dakota- Indianer bescheinigen Ihnen eine
akzentfreie Artikulierung in ihrem Idiom.
Es war nicht schwer zu lernen,
es ist ein bißchen wie Elbisch.
Gong
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