by Nathalie

Es waren schlechte Zeiten. Dunkle Zeiten.
Schon so lange er lebte waren sie es gewesen. Er hatte keine anderen Zeiten kennen gelernt außer diesen schlechten, dunklen, hoffnungslosen Zeiten. Er hatte nie etwas anderes gesehen außer Kriegen, Plünderungen, Freunde, die in den Wahnsinn getrieben worden waren von ihrem Leben.
Hin und wieder geschah es, dass er sich wunderte, warum er überhaupt noch hier war. Viele seines Volkes waren schon gegangen, für immer in Frieden zu leben, in den Westen. Er war noch hier. Immer noch hier. Und er würde bleiben bis zum bitteren Ende. In diesen dunklen, hoffnungslosen Zeiten lebte er vor sich hin, immer ein Auge gen Westen gerichtet, auf das Meer, wenn wieder einmal die Sonne unterging und graue Schiffe in ihr goldenes Licht getaucht wurden.
Trotz dieser Hoffnungslosigkeit, die über allem lag, was er tat, in jedem Wort, das er sprach, in jedem seiner Blicke über den dunklen Wald, über die dunklen Lande Mittelerdes – er war noch hier. Immer noch hier, in diesen verlorenen Reichen toter Könige, die einst strahlten im Glanz ihres Ruhmes, leuchteten im Licht der Sonne… bevor es dunkel wurde und die Welt versank in den Feuern des Schicksalsberges.
Es geschah nicht selten, dass er sich solche Gedanken machte. Wie er, voller Hoffnung und immer noch guten Mutes, mitten in diese zerstörte, alles andere als gute Welt hineingeboren werden konnte. Warum er hier sein musste, obwohl er nichts ausrichten konnte, nur ausharren und Widerstand gegen eine unbesiegbare Übermacht leisten konnte.
Dann kam der Tag, dieser eine, besondere Tag. Ein wenig dunkler, kälter als andere Tage. Wieder einmal stellte er sich die Fragen, die er sich seit Jahrhunderten, Jahrtausenden gestellt hatte.
Er war alleine unterwegs, gegen den Willen seines Vaters. Seiner Meinung nach würde es keinen Unterschied machen, ob er es nun alleine mit einer Horde von Orks, Spinnen, Wölfen aufnehmen musste oder ob drei, vier Soldaten dabei waren, die grundlos sterben müssten. Wenn sein Leben vorbei sein sollte, würde es enden. Sein Vater war anderer Meinung, aber er hatte sich schon früh abgewöhnt, seinem Vater zu gehorchen. Zu abgestumpft waren seine Augen, zu abgenutzt seine Worte. Zu zerrissen seine Seele. Zerbrochen an dieser dunklen, leeren Welt.
Er wollte nicht so sein wie sein Vater. Er wollte nicht so sein wie irgendeiner seines Volkes. Einer eines Volkes, das die Hoffnung schon lange aufgegeben hatte – aber immer noch so tat, als würde es sich wehren, als würde es kämpfen, niemals aufgeben. Dabei war es genauso hilflos, verloren, hoffnungslos wie alle anderen auch. Nur langsam begann es zu begreifen, dass es nichts brachte, an der Seite von Freunden zu stehen, nur um zuzuschauen bei ihrem Untergang – ohne einzugreifen. Jetzt begriff es dies – und floh, anstatt zu bleiben und zu kämpfen. Floh in den Westen, in ein Leben in ewigem Frieden und Glück. Ließ diejenigen zurück, die nicht gehen konnten. Die keine Wahl hatten und das ganz genau wussten.
Er wollte nicht so sein wie der Rest seines Volkes.
Er wollte die Welt sehen und fremde Völker und verstehen wie sie dachten, wie sie diese zerstörte Welt sahen, wie sie den Tod sahen, der ihm gänzlich fremd war. Mit diesem Gedanken im Kopf war er auf Reisen gegangen, wieder einmal, durch den düsteren Wald, ein Zeichen vom letzten scheinbaren Widerstand seines Volkes, doch auch nur eine leere Fassade wie alles, was noch übrig war in Mittelerde von ihm. Auf der Suche nach etwas Neuem, Unbekannten, was sein Leben verändern könnte. Auf der Suche nach Hoffnung.
Es war ein langer Weg auf dunklen, gefährlichen Pfaden, den er zu beschreiten hatte. Ein großer Teil des Weges lag schon hinter ihm, der größte von allen aber noch vor seinen Augen. Davon ahnte er jedoch noch nichts in diesen dunklen, hoffnungslosen Zeiten.
Tag oder Nacht, es machte keinen Unterschied mehr. Die Dämmerung des Waldes verschluckte Sonnen- und auch Sternenlicht; es machte keinen Unterschied für die toten Bäume ob Earendil seine Bahn über ihren Wipfeln zog oder Wolkenberge darüber hinweg jagten. Es war alles einerlei. Jeder Tag wie der andere.
Dann kam der Tag , dieser eine, besondere Tag.
Die Geräusche des Waldes waren gedämpft von faulendem Laub, wie immer. In Gedanken versunken suchte er sich seinen Weg, wie immer. Im Dunkeln, wie immer.
Aus irgendeinem Grund, er kannte ihn nicht, blieb er stehen. Hob den Blick vom Boden. Sah auf in die Kronen der Bäume.
Für einen Moment, für einen winzigen Moment schien es ihm, als löste sich ein Tropfen von der Helligkeit, die über den Wipfeln der Bäume schwamm, aber niemals hinein gelangen konnte in den düsteren Wald, als löste sich ein Tropfen und fiel hinab, zwischen schwarzen Stämmen und bizarren Ästen, grauen Spinnweben und blitzenden Augen – fiel hinab auf die winzige Lichtung wie Wasser auf einen See, ein Tropfen Licht, der den Wald erhellte für einen winzigen Augenblick, Wellen schlug im zertretenen Gras, bevor die Dunkelheit ihre Herrschaft zurückforderte.
Hatte er sich das nur eingebildet, den Tropfen Licht?
Wie als Antwort auf seine Frage näherten sich zögernde Schritte.
"Verzeiht, aber geht Ihr auch Richtung Westen?"
'Noch nicht.', ging es ihm durch den Kopf. 'Jedenfalls nicht so weit, wie ich vielleicht gehen sollte.'
"Vorerst, ja."
Ein junger Mann. Offenbar ein Waldläufer. Im düsteren Wald. Ein seltener Anblick.
"Hättet Ihr etwas dagegen, wenn wir ein Stück weit zusammen gehen?", fragte der Mensch, in akzentfreiem Sindarin. Er sah einen Funken Überraschung in den Augen des Elben ihm gegenüber blitzen.
"Nein, durchaus nicht.", kam die Antwort, eine ehrlich klingende Antwort. "Aber sagt, Dúnadan, wie ist Euer Name?"
Der Mensch sah ihn warm lächelnd an. "Ihr seid Legolas Thranduilion, nicht wahr? – Mich nennt man Estel."
Estel. Estel hieß Hoffnung.
Legolas Thranduilion lächelte zurück, ebenfalls ein freundliches Lächeln. Ehrlich. Selten für Elben in diesen dunklen Zeiten. "Estel. Dann lasst uns zusammen gehen, obwohl ich nicht weiß, wo Eure Reise hinführt."
"Das weiß ich selbst noch nicht. Und Ihr? Wohin führt Euer Weg? Was ist Euer Ziel?"
"Ich habe mein Ziel schon gefunden. Der Rest des Weges ist nicht mehr wichtig."
Estel sah ihn fragend an, doch Legolas lächelte wieder nur und setzte seinen Weg durch den toten Wald fort. Er hörte, wie der Waldläufer ihm folgte und ihn schnell eingeholt hatte.
Als sie die Lichtung verließen, wandte er sich noch einmal unauffällig um, richtete seinen Blick zu dem Himmel, der sich irgendwo hinter den Wipfeln verbarg.
Neun Perlen aus Licht fielen herab in den See am Boden des Waldes, erhellten die Welt.

Ende

 

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